So, 01. Dezember 2019

Bildungsschock

Lernen, Politik und Architektur in den globalen 1960er und 1970er Jahren

Erschienen in Architectural Forum, Dezember 1971 | Foto: Leon Kunstenaar

Erschienen in Architectural Forum, Dezember 1971 | Foto: Leon Kunstenaar

In den 1960er und 1970er Jahren expandierte der Raum der Bildung im globalen Maßstab. Demografische Entwicklungen spielten dabei ebenso eine Rolle wie der Übergang von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft und die Systemkonkurrenz des Kalten Krieges. Umfassende Reformprogramme ließen weltweit neue Architekturen und Umgebungen des Lernens entstehen. Diese häufig fortschrittlich gedachten Räume wurden aber auch in Frage gestellt – und mit ihnen die Kulturen und Institutionen von Erziehung, Architektur und Wissenschaft selbst.
Die Konferenz diskutiert die Raum- und Bildungspolitiken einer Epoche, die reiche Ressourcen für die notwendige soziale und räumliche Erneuerung gegenwärtiger Schulen und Hochschulen birgt.

Tag 1 | Tag 2

10.30–12.45h
Kybernetik und Typenbau. Sozialistische Bildungsbauten und ihr Export
Die architektonischen und technologischen Ambitionen der Sowjetunion und anderer sozialistischer Gesellschaftssysteme waren sowohl nach innen wie nach außen gerichtet. Der Export sowjetischer Bildungs- und Forschungsarchitekturen in Regionen außerhalb der Warschauer-Pakt-Staaten gehörte ebenso zu den Maßnahmen, bestimmte Vorstellungen von Bildung und Wissensproduktion zu verbreiten, wie der Fokus auf kybernetische Unterrichts- und Kommunikationsmodelle oder die Entwicklung flexibler, ökonomisch effizienter und modernistischer Typenbau-Systeme. Aber wie sehr unterschieden sich die edukativen Architekturen und Technologien in Ländern wie der DDR oder der Sowjetunion tatsächlich von ihren westlichen Pendants?

Oliver Sukrow: Black Box Education? Kybernetik, Architektur und Lernen in den 1960er Jahren in der DDR
Dina Dorothea Falbe: Lokale Spezifik. Varianten des DDR-Typenschulbaus
Elke Beyer: Sowjetische Campus-Exporte

14–15.45h
Der Campus: Utopie und Unbehagen
In den 1960er und 1970er Jahren geriet die Institution der Universität aufgrund ihrer elitären Strukturen in heftige Kritik. Gemäß den radikalen Planungen einer neuen Generation, die den Diskurs zunehmend bestimmte, sollten sich Stadt und Universität in einem tief reichenden Prozess der Urbanisierung völlig durchdringen, um so Klassenstrukturen neu zu gestalten. Die Allgegenwart progressiv gestalteter Hochschulräume schien der Beobachtung des Architekturhistorikers Joseph Rykwert Recht zu geben, der 1968 behauptete, Universitäten seien die „institutionellen Archetypen der Gegenwart“. Aber was ist von den ehrgeizigen pädagogischen Programmen dieser Räume geblieben? Hat die modernistische Interpretation von universitärer Bildung und Wissensproduktion jemals dem progressiven Geist eines radikal anderen und von unten konzipierten Lernens entsprochen?

Sabine Bitter & Helmut Weber: Bildungsmoderne: Lernarchive Performen
Francesco Zuddas: Gegen den Campus, oder Leben und Leidenschaft der Università Territorio

16.15– 18.10h
Anarchie und Kontrolle
Anarchistische Theorie und Praxis erlebten in den antiautoritären Zeiten um 1968 eine unerwartete Renaissance. Sie entdeckten besonders Kinder und Jugendliche als Subjekte einer Wiedereroberung verlorener öffentlicher Räume. In ihren Forderungen nach Autonomie, Freiheit und Teilhabe waren anarchistische Pädagogik und Geografie starke Kräfte in der institutionskritischen Neuaushandlung des Gemeinwesens, der Wohnungsfrage und des Lernens. Geradezu komplementär zu dieser Erschließung vernachlässigter sozialräumlicher Potenziale kann eine Entwicklung gesehen werden, die Schulen und Universitäten zu Räumen des Risikos und der Gefährdung erklärte. Nicht zuletzt infolge der studentischen Proteste und Campus-Unruhen in den 1960er Jahren wurde „Sicherheit“ zu einer problematischen bildungsplanerischen Maxime – die bis heute Bestand hat.

Evan Calder Williams: Flexible Käfige: Sicherheit und Revolte innerhalb und außerhalb von Bildungsarchitekturen
Catherine Burke : Colin Ward und die Konzepte anarchistischer Erziehung in den 1960er und 1970er Jahren: “We make the road by walking.”