Sa, 30. November 2019

Bildungsschock

Lernen, Politik und Architektur in den globalen 1960er und 1970er Jahren

Erschienen in Architectural Forum, Dezember 1971 | Foto: Leon Kunstenaar

Erschienen in Architectural Forum, Dezember 1971 | Foto: Leon Kunstenaar

In den 1960er und 1970er Jahren expandierte der Raum der Bildung im globalen Maßstab. Demografische Entwicklungen spielten dabei ebenso eine Rolle wie der Übergang von der industriellen zur postindustriellen Gesellschaft und die Systemkonkurrenz des Kalten Krieges. Umfassende Reformprogramme ließen weltweit neue Architekturen und Umgebungen des Lernens entstehen. Diese häufig fortschrittlich gedachten Räume wurden aber auch in Frage gestellt – und mit ihnen die Kulturen und Institutionen von Erziehung, Architektur und Wissenschaft selbst.
Die Konferenz diskutiert die Raum- und Bildungspolitiken einer Epoche, die reiche Ressourcen für die notwendige soziale und räumliche Erneuerung gegenwärtiger Schulen und Hochschulen birgt.

Tag 1 | Tag 2

10h
Einführung

10.45–13h
Zur Experimentalisierung von Kindheit und Schule
Schule und Bildung sind immer auch Versuchsfelder, Schüler*innen wie Lehrer*innen die Proband*innen. Im Bemühen, neue Unterrichtsmodelle und Raumkonzepte zu entwickeln, die in Transformation begriffenen Gesellschaften gerecht werden, war die Bildungsplanung der 1960er und 1970er Jahre in vielen Bereichen offen dafür, das Prinzip „Experiment“ sowohl technologisch wie auch pädagogisch auszubuchstabieren. Die Zeitlichkeit des Lernens und die Bedingungen der Arbeitswelt veränderten sich, was zur Ganztagsschule führte, zur Einrichtung von „Laborschulen“ wie in Bielefeld und zu Spielplätzen, die vielerorts zur experimentellen Arena schlechthin wurden.

Mark Terkessidis: Spielräume. Beispiele der Raumproduktion für und mit Kindern um 1970
Gregor Harbusch: Ludwig Leos Entwürfe für die Laborschule in Bielefeld und das Französische Gymnasium in Berlin
Monika Mattes: „Leistungsschule“, „Lernfabrik“ oder „Kuschelecke“? Westdeutsche Gesamtschulen als Orte pädagogischer Wissensproduktion in den 1960/70er Jahren

14.30-15 Uhr
Präsentation des architektonischen Ausstellungskonzepts
Kooperative für Darstellungspolitik (Ausstellungsarchitekt*innen), Tom Holert

15–16.50h
Schulbau zwischen Dekolonisierung und Entwicklungspolitik
Während und nach den antikolonialen Kriegen und Unabhängigkeitsbewegungen im Globalen Süden der 1950er und 1960er Jahre stellte sich allenthalben die Frage, wie das Bildungswesen in den dekolonisierten Gesellschaften angelegt und gestaltet werden sollte. In Phasen von Krieg und Umbruch waren andere Methoden und Konzepte erforderlich als in der Zeit nach der Befreiung von der Kolonialherrschaft. Die improvisierten Schulen der Guerilla wurden abgelöst durch neue Schulgebäude und Universitätsgründungen. Aber wer sollte diese Übergänge gestalten, umsetzen und für die neuen Raumprogramme verantwortlich sein? Und in welchem Maße erwies sich die anhaltende Präsenz von Fachleuten (Lehrpersonal, Architekt*innen, Planer*innen) aus den Gebieten der ehemaligen Kolonialmächte als ein Problem für die Herausbildung einer Vision dessen, was als eine wirkliche postkoloniale Bildungsarchitektur bezeichnet werden kann?

Ola Uduku: Postkolonialer Schulbau in Westafrika, 1960er Jahre
Sónia Vaz Borges & Filipa César: Militante Bildung. „Pilotschulen” und „Dschungelschulen” in Guinea und Guinea-Bissau um 1970