Shortlist Internationaler Literaturpreis 2026
Preis für übersetzte Gegenwartsliteraturen

Foto: Mathias Völzke / HKW
Der Ausnahmezustand ist kein vorübergehendes Ereignis. Er ist die Regel menschlicher Existenz. Die sechs Titel der diesjährigen Shortlist erzählen sechs Mal von seinem Andauern: davon, wie Menschen aus unserer Gattung herausfallen, weil das Herausfallen aus unserer Gattung die Geschichte unserer Gattung ist.
Das Gewicht der anderen beschreibt das systematische Zugrunderichten in iranischen Gefängnissen; die Folter, die Massenhinrichtungen, das Register postrevolutionärer Angst. Bis nur ein Lachen bleibt, der archaische Reflex einer bedrängten Kreatur, wie die letzte Antwort auf alle Dinge. Und das Gerücht einer Person, die Jahrzehnte später die Reste ihres beschädigten Lebens rekonstruieren muss.
Keine Form genügt, um den Verlust des Zuhauses zu ertragen. Darum wählt der Blutkreislauf verschiedene Formen für sein Heimweh, für die Erprobung exilierten Sprechens. In diesem belarusischen Familienroman muss nach dem längsten Abschied auch das Gedicht aufgeben, was es einmal kannte; um sich als Brief wieder daran erinnern zu können.
Ein Krieg reduziert den Menschen auf seine elementarste Gestalt: auf die Immanenz des verwundeten Fleisches; auf seine körperlichen Funktionen; auf die Sinne, die der Protagonistin in Eddos Goldenes Lächeln während des Krieges im Süden Sudans noch geblieben sind. Und mit dem Geruchssinn, der ihre Sprache ersetzt, weil er keine Stimme braucht, muss sie in den Norden kommen.
Der brennende Garten erzählt vom Einbruch des Bürgerkrieges in Sri Lanka, wie von der Asche der Gewissheit in einer bruderlosen Nacht: nicht in der Sprache des Entsetzens, sondern in einer dokumentarischen Prosa, die die intensiven Bilder kennt. Jeder Körper ist hier nur ein Beweisstück für das Widerfahren: das wurde ihr angetan; das ist mit ihm dort geschehen.
Auch das Schicksal der Figuren in Oroppa ist die Konsequenz der politischen Verhältnisse, der sie ausgesetzt sind. Der Roman ist eine Exegese der Sehnsucht: die exzessive Geschichte eines Kontinents, der von den Schutzsuchenden, von den Entbehrlichen und den Fortgeworfenen erzählt, die bereits an den Rändern Europas stehen, oder an den nordafrikanischen Küsten immer noch darauf warten.
Die Aussiedlung handelt von der Deportation einer Mutter, die mit ihren Kindern vier Jahre in der ostrumänischen Steppe umherzieht, von den Erdlöchern, in denen sie schlafen, und den Knochen, die sie in kleinen Säckchen sammeln. Eine Geschichte von biblischem Ausmaß, mit angehaltenem Atem geschrieben; in Sätzen, die die menschliche Erlösungsbedürftigkeit reflektieren, und darum kein Ende finden.
Diese sechs Bücher werden im Folgenden vorgestellt. Durch ihre Übertragung ins Deutsche werden wir wieder daran erinnert, dass das Herausfallen aus unserer Gattung identisch mit dem Sturz in unsere Gattung ist. Und dass die prekäre Idee der Freiheit nur in der Abwesenheit von Freiheit ihre Würde und Bedeutung erhält.
– Senthuran Varatharajah
Blutkreislauf
Julia Cimafiejeva
Aus dem Belarusischen von Tina Wünschmann
Berlin: Edition.fotoTAPETA, 2025
Oroppa
Safae el Khannoussi
Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
München: Carl Hanser Verlag, 2026
Eddos Goldenes Lächeln
Stella Gaitano
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2026
Der brennende Garten
V. V. Ganeshananthan
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Stuttgart: Tropen Verlag, 2025
Das Gewicht der anderen
Bahram Moradi
Aus dem Farsi von Sarah Rauchfuß
Göttingen: Wallstein Verlag, 2025
Die Aussiedlung
András Visky
Aus dem Ungarischen von Timea Tankó
Berlin: Suhrkamp Verlag, 2025