Jurystatement

„ich flechte meine geschichte aus lumpen, / aus lappen, aus fetzen, aus schiefen erinnerungsflicken“ – Julia Cimafiejevas im Exil entstandener Gedichtzyklus ist ein formal offenes Erinnerungsprojekt, das ihre belarusische Familiengeschichte nachzeichnet, die sich von Belarus bis nach Westeuropa und Kanada und über ein ganzes Jahrhundert hinweg erstreckt. Cimafiejeva bedient sich verschiedener Genres wie Briefen, Fotografien, Fragebögen und prosalyrischer Fragmente, um Erfahrungen von Zwangsarbeit, Vertreibung, der Tschernobyl-Katastrophe sowie ihrer eigenen Exilstationen und sprachlichen Entwurzelung zu verhandeln. Die Risse der Geschichte stopft sie mit „der Nadel des Gedichts“, fädelt die Wege immer wieder neu ein und verwebt Orte und Zeiten miteinander. Mag das Gedächtnis noch so „abgetragen, zerfetzt und verblichen“ sein – mit Blutkreislauf hinterfragt die belarusische Lyrikerin individuelle und kollektive Erinnerung des 20. Jahrhunderts und setzt ein vielstimmiges Zeichen gegen das Vergessen, feinsinnig und präzise übersetzt von Tina Wünschmann.
– Cia Rinne

Julia Cimafiejeva, geboren 1982 in der Nähe von Brahin in Belarus, ist Dichterin und Übersetzerin. Bisher sind mehrere Gedichtsammlungen, ein Tagebuch über den Aufstand in Minsk sowie Bücher mit Fotos und Collagen erschienen. Sie wurde ins Polnische, Englische, Deutsche, Niederländische und Schwedische übersetzt. In der edition.fotoTAPETA wurden ihre Lyriksammlungen Zirkus und Der Angststein sowie Minsk. Tagebuch veröffentlicht. Seit 2020 lebt sie an verschiedenen Orten im Exil, zuletzt als DAAD-Stipendiatin in Berlin.

Tina Wünschmann, 1980 in Freital geboren, ist Slavistin und Übersetzerin aus dem Belarusischen, Polnischen und Russischen. In der edition.fotoTAPETA erschienen von ihr übersetzt u. a. Lyrik von Julia Cimafiejeva und Essays von Alhierd Bacharevič und Tania Arcimovich. Sie lebt und arbeitet bei Dresden.

Info:
Julia Cimafiejeva: Blutkreislauf
Aus dem Belarusischen von Tina Wünschmann
Berlin: Edition.fotoTAPETA, 2025
Leseprobe im Reader zur Shortlist [PDF; ca. 1,2MB]
Mehr zum Buch beim Verlag