So, 27. Mai 2018

James Clifford: Primitivismus und die Longue durée des Indigenen

James Clifford kontrastiert in seinem Vortrag den kritischen Primitivismus einer Künstlergeneration der 1920er – und 1930er Jahre mit heutigen Beschreibungen vor- oder nachkolonialer Tiefenzeit. Im Kräftefeld zwischen neoliberaler Vorherrschaft und Renaissance der Urgesellschaften geht er der Frage nach, inwieweit die europäischen Traditionen des Primitivismus und Exotismus heute noch überzeugen können. Clifford erkundet die enge Verzahnung von Aneignung und Übersetzung in allen kulturübergreifenden Darstellungen und fragt, wie Zeitvorstellungen, die dem kapitalistischen Westen vorausgingen und über ihn hinaus weisen, den Stellenwert eines historischen „Realismus“ gewinnen können.

James Clifford ist emeritierter Professor am History of Consciousness Department der University of California, Santa Cruz. Clifford unterrichtete als Gastprofessor an den Universitäten Yale und Stanford sowie in Paris, London und Berlin. Er ist ein bedeutender kritischer Historiker europäischer Denksysteme und seiner Schlüsselbegriffe „Kultur“, „Mensch“, „primitiv“ und „exotisch“. In seinem Werk verbinden sich Sichtweisen verschiedener Fachgebiete. Mit Büchern wie Writing Culture: The Poetics and Politics of Ethnography (1986) und The Predicament of Culture: Twentieth-Century Ethnography, Literature, and Art (1988) wurde er Mitte der Achtzigerjahre zu einer gewichtigen Stimme in Debatten, die nicht nur die ethnologische Forschung, sondern auch die ihr zugrunde liegende Geisteshaltung veränderten. Sein neuestes Buch heißt Returns: Becoming Indigenous in the 21st Century (2014).

Teil der Konferenz Tiefenzeit und Krise, ca. 1930