So, 27. Mai 2018

Kerstin Stakemeier: Intellectual Dangers

Die Monismen der Moderne – darunter die große Vielfalt ganzheitlicher Sehnsüchte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, neben denen die marxistischen Materialismen nur einen von zahlreichen Gedankensträngen bildeten – standen mit dem Aufstieg des Faschismus in Europa vor ihrem Scheitern an der Wirklichkeit. Sie mussten sich den vulgären Nationalismen, diesen rohen Verdrängungen der Entfremdung im modernen kapitalistischen Leben, geschlagen geben. Viele marxistische Intellektuelle waren am Boden zerstört. Von ihrer revolutionären Aufgabe war nichts mehr übrig. Eben noch Trümpfe der Arbeiterklasse, waren sie für diese nur noch ein gebildeter Ballast. Bertolt Brechts Tui-Roman-Fragment und Carl Einsteins Fabrikation der Fiktionen, beide aus dem Jahr 1930, entwerfen ein Bild dieser politischen und ästhetischen Situation des Zerbrechens und der Verachtung. Kerstin Stakemeier nähert sich dem Untergang der modernen Monismen als einem ebenso historischen wie zeitgenössischen Epochenbruch.

Kerstin Stakemeier ist Professorin für Kunsttheorie und -vermittlung an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Sie ist Herausgeberin von u. a. Painting - The Implicit Horizon (2012, mit Avigail Moss), Macht des Materials/Politik der Materialität (2014, mit Susanne Witzgall) und Klassensprachen – Written Praxis (2017, mit Manuela Ammer et al.), einem Magazinprojekt mit gleichnamigen Ausstellungen im district Berlin und Kunstverein Düsseldorf. 2016 erschien Reproducing Autonomy (mit Marina Vishmidt), 2017 Entgrenzter Formalismus. Verfahren einer antimodernen Ästhetik.

Teil der Konferenz Tiefenzeit und Krise, ca. 1930