Sa, 26. Mai 2018

Sven Lütticken: Die Gegenwart der Vorgeschichte

Der Begriff der „Vorgeschichte“ war von je her ankerlos in der Zeit und entzog sich jeder Chronologie. Einerseits endete diese Vorgeschichte im Nahen Osten und in Europa angeblich schon vor langer Zeit mit den ersten Reichsgründungen und Schriftsystemen. Andererseits kam es den europäischen Kolonisatoren gelegen, bestimmte ihrer Untergebenen „noch in der Steinzeit“ anzusiedeln. Einige Spielarten des Marxismus wandten dieselbe Diagnose auf den westlichen Kapitalismus an und behaupteten, die Vorgeschichte sei noch nicht zu Ende – vielmehr stehe der Anfang der Geschichte (als Geschichte befreiter Menschen) noch bevor. Abwertenden Nutzungen des Begriffs widersprachen manche Künstler*innen und Denker*innen, indem sie auf zeitlose Errungenschaften von Steinzeitkulturen hinwiesen. Sie konstruierten etwa eine jungsteinzeitliche Gegenwart oder eine Gegenwart der Altsteinzeit mit dem Zweck, Teleologien der kolonialen Archäologie, der Völkerkunde und Ethnografie aus ihren Angeln zu heben. Der Vortrag setzt in der Zwischenkriegszeit an und unternimmt von dort Ausflüge in die Nachkriegsjahre und ins zeitgenössische Kunstschaffen.

Sven Lütticken unterrichtet Kunstgeschichte an der Vrije Universiteit, Amsterdam und Theorie am Dutch Art Institute (DAI) in Arnhem. Er studierte an der Vrije Universiteit und der Freien Universität Berlin. Er publiziert regelmäßig in Zeitschriften und Magazinen wie New Left Review, Texte zur Kunst, e-flux journal, Grey Room oder Afterall und beteiligt sich an Katalogen und Ausstellungen als Autor und Gastkurator. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Secret Publicity: Essays on Contemporary Art (2006), Idols of the Market: Modern Iconoclasm and the Fundamentalist Spectacle (2009), History in Motion: Time in the Age of the Moving Image (2013) und Cultural Revolution: Aesthetic Practice after Autonomy (2017).

Teil der Konferenz Tiefenzeit und Krise, ca. 1930