1. Was ist Freiwilligenarbeit[1]?

Im Sommer 2022 – auf dem Höhepunkt der chinesischen Zero-Covid-Politik – zog ich zurück in meine Heimatstadt in Südchina. Eines Abends geriet mein Mann während der täglichen, verpflichtenden Covid-Testung, die von staatlich organisierten Nachbarschaftskomitees durchgeführt wurde, in einen Streit mit einem Freiwilligen, der sich weigerte, ihn zum Test zuzulassen, weil er keine Maske trug. Das Fehlen eines gültigen Gesundheitscodes – der auf dem täglichen Testergebnis basierte – bedeutete, dass er keine öffentlichen Einrichtungen oder Wohngebäude betreten konnte, einschließlich des eigenen. Erschöpft und entnervt schimpfte mein Mann über die endlose Kontrolle. Andere Mitarbeiter*innen – alle mit „Freiwilligen“-Armbinden – kamen hinzu und versuchten, die Situation zu entschärfen, indem sie uns drängten, kooperativ zu sein. Einer von ihnen betonte, dass sie nur Freiwillige seien. „Wir versuchen zu helfen, wo wir können. Sie können uns helfen, indem sie sich an die Regeln halten.“

Die Botschaft der Freiwilligen war zweierlei. Erstens taten sie dies aus Menschenfreundlichkeit, auf die wir mit Freundlichkeit reagieren sollten. Zweitens – und womöglich bedeutsamer – setzten sie schlicht Staatspolitik um und hatten keinerlei Befugnis, darauf Einfluss zu nehmen.

Am Tag darauf meldeten wir uns bei den Nachbarschaftskomitees, um uns über die Freiwilligen in unserer Gegend zu informieren, und erfuhren, dass sie von den Komitees zur Unterstützung angeworben und entlohnt wurden. Das englische Wort volunteer ist aus lateinischen und hebräischen Wurzeln abgeleitet und bedeutet ‚Großzügigkeit‘ und ,freier Wille‘. Handeln Freiwillige, die nur staatlichen Richtlinien folgen, wirklich nach ihrem freien Willen? Kann man sie noch als Freiwillige bezeichnen, wenn sie finanziell entlohnt werden? Oder sind es doch eher befristet Beschäftigte, die in staatlichen Diensten stehen?

Ram A. Cnaan u. a. untersuchen in „Defining Who Is a Volunteer: Conceptual and Empirical Considerations“ die Bandbreite an Tätigkeiten, die zur ‚Freiwilligenarbeit‘ gehören können.[2] Der Begriff werde zwar über die Maßen häufig gebraucht, ermangele aber einer „klaren und kohärenten Definition“ in seiner gegenwärtigen Verwendung. Basierend auf einem Überblick der Literatur zum Thema, Textanalysen und Interviews zählt der Artikel vier Kerncharakteristika auf, die die Bandbreite von Freiwilligentätigkeiten in den Augen der Öffentlichkeit bestimmen und unterschiedlich weit gefasst sind:

Beruht die Tätigkeit auf freiem Wille, Zwang oder Verpflichtung?
Gibt es keine oder nur eine geringfügige Entlohnung?
Ist die Tätigkeit formell oder informell organisiert?
Soll die Tätigkeit anderen zugutekommen – oder hat die handelnde Person selbst einen Nutzen davon?[3]

Die hier formulierte Freiwilligenarbeit im weitesten Sinne – das heißt, verpflichtende Tätigkeit mit einer gemäßigten finanziellen Kompensation – ist kaum anders als Lohnarbeit. Was die beiden unterscheiden mag, könnte davon abhängen, ob die Handlung altruistisch motiviert und für eine größere Öffentlichkeit relevant ist. Tatsächlich wird Freiwilligenarbeit häufig damit legitimiert, dass sie anerkannten Werten des Gemeinwohls entspricht. Hier nimmt das volonté (Wille) in volunteerism weniger auf den individuellen Willen denn den volonté générale (Gemeinwille) Bezug. Es handelt sich um eine politische Idee, die von Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert formuliert wurde und während der Französischen Revolution in Artikel 6 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789) einging. Dieser Gemeinwille bezieht sich auf den Willen des ‚Volkes‘ – also der – damals stark reduzierten – Mitglieder der Gesellschaft. Der volonté générale ist mit einem idealisierten Konzept ‚der Menschen‘ verknüpft, die ihr Wertesystem und ihren moralischen Kompass in Richtung eines gemeinsamen Nenners in einer selbst regierten Gesellschaft ausrichten. Obwohl Rousseau die Kritik ablehnte, dass der volonté générale ein Vorbote des Autoritarismus sei, lässt diese politische Theorie zumindest im Dunkeln, was der Begriff ‚die Menschen‘ umfasst – und damit auch, wie ihr Wille erkannt, bemessen und ausgeübt werden kann.

Im Dictionary of Populism betont der Eintrag „General Will (Volonté Générale)“ die Grundlage, die der volonté générale für den Populismus gelegt hat, da er ein homogenes Verständnis eines ‚authentischen Volkes‘ bietet, das die Elite zerschlägt.[4] In der Entwicklung des modernen politischen Systems ist das mythologisierte, abstrakte ‚Volk‘ zu einem absoluten politischen Subjekt geworden, das seine Willenskraft zur Schau stellt, um zu bestimmen, was gut für die Öffentlichkeit ist und was nicht. Entsprechend scheinen in gegenwärtigen Freiwilligentätigkeiten die philanthropischen ‚Frei-Willigen‘ und ihre freundschaftlichen Gesten verschiedene Versionen des volonté générale auf Basis verschiedener politischer Narrative zu verkörpern. Ein Handeln durch die Menschen und für die Menschen – wer auch immer ‚die Menschen‘ in diesem ‚Volk‘ sind.

Nach dem oben beschriebenen Vorfall fiel mir auf, wie allgegenwärtig die Freiwilligen in einem Land waren, das einen Krieg des ‚Volkes‘ gegen Covid-19 führte: Sie betrieben Test-Stationen, überwachten nicht offiziell genehmigte Versammlungen, hatten ein Auge auf Menschen ohne Maske im öffentlichen Raum, gingen prüfend von Tür zu Tür und sammelten Daten der Bewohner*innen.[5] Laut einem Beitrag der Online-Publikation Initium[6] setzten sich die Freiwilligen, die Chinas Pandemiekontrollen umsetzten, hauptsächlich aus Angestellten öffentlicher Institutionen, die für diesen Zweck freigestellt worden waren, sowie extern angeworbenen Mitarbeiter*innen zusammen. Einige der Ersteren waren unzufrieden damit, solche Arbeitsaufträge ausführen zu müssen – ihre Bereitschaft, sich für die Gemeinschaft einzusetzen, war entsprechend gering. Ein Sozialarbeiter merkt in dem Artikel an, solche Sozialarbeitsorganisationen seien die „unehelichen Kinder“ der Nachbarschaftskomitees.[7] Die geradezu greifbare Allianz zwischen staatlicher Mobilisierung und Freiwilligentätigkeit ist vielleicht ein geeigneter Ausgangspunkt, um die Strategien rund um die ‚Freiwilligenarbeit‘ und die moderne Konstruktion des ‚freien Willens‘ zu untersuchen.

2. Wer leistet Freiwilligenarbeit?

In Chinas 20. Jahrhundert der langen Revolutionen spielte militärische und politische Mobilisierung eine zentrale Rolle bei der Umformung gewöhnlicher Leute in nationale Subjekte – ein Prozess, durch den der persönliche Wille mit der Idee einer modernen Nation vereinigt wurde. Das Konzept der ‚Freiwilligenarbeit‘ entstand nicht von Ungefähr in der Ära der kommunistischen Massenmobilisierung. Im politischen Diskurs Chinas gab es nie eine wirkliche Trennung zwischen Freiwilligentätigkeit und dem staatlichen Projekt. In meiner Kindheit und Jugend lagen die bekanntesten Bezugspunkte für ‚Freiwillige‘ in der Nationalhymne „Marsch der Freiwilligen“ (義勇軍進行曲) (1935) und der Volksfreiwilligenarmee (中國人民志願軍) des Koreakrieges (1950–1953).

Im ersten Fall bezieht sich das „freiwillig“ auf die ‚gerechten und mutigen‘ anti-japanischen Freiwilligenarmeen als Antwort auf die japanische Invasion und Besatzung der Mandschurei 1931. Der Begriff der ‚gerechten und mutigen Kämpfer‘ (義勇軍, yi yong jun) wurde wahrscheinlich dem japanischen Ausdruck 義勇兵 (giyūhei) entlehnt, der im militaristischen Diskurs Japans in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet war. Ein möglicher terminologischer Bezugspunkt liegt in Japans Vorkriegsbildungsprinzipien, die im Kaiserlichen Erziehungserlass (1890) zum Ausdruck kommen, in dem die Untertanen angewiesen werden, „sich dem Staat im Falle eines Notfalls mutig anzubieten“ (一旦緩󠄁急󠄁アレハ義勇󠄁 公󠄁ニ奉シ). Hier bedeutet 義勇 die Aufopferung des Individuums für größere politische Bedarfe oder – genauer – den Zusammenfall persönlicher und nationaler Interessen.[8] Entsprechend ruft der Dichter des „Marsches der Freiwilligen“, der in Japan ausgebildete Tian Han, Chinas Freiwilligentruppen dazu auf, „mit unserem Leib und Blut unsere neue Große Mauer zu errichten“. „Gerecht und mutig“ zu sein, bedeutet, ein modernes nationales Subjekt zu werden, dessen persönlicher Wert im Schicksal der Nation aufgeht.

Im zweiten Beispiel bezieht sich ‚freiwillig‘ auf staatliche Streitkräfte im Gewand von Freiwilligenverbänden, um den Anschein eines direkten zwischenstaatlichen Krieges zu vermeiden. Hier weicht die chinesische Begrifflichkeit von der ursprünglich japanischen Version 義勇軍 ab und wird zu 志願軍 (zhi yuan jun). Mit Bedeutungsebenen von Streben, Hoffen und Wollen verwischt das zukunftsorientierte 志願軍 die Grenze zwischen persönlichem und nationalem Wohlergehen noch weiter und ebnet den Weg für das Aufkommen der gegenwärtigen freiwilligen Helfer*innen 志願者 (zhi yuan zhe).

Die Interpretation von ‚freiwilliger Tätigkeit‘ als Entschluss, ‚sich der Nation hinzugeben und sich für sie aufzuopfern‘, ist keine japanische Erfindung. Sie basiert auf der westlichen Militärtradition, der Japan seit Mitte des 19. Jahrhunderts nachstrebt. Der Begriff des Freiwilligen wurde erstmals Mitte des 18. Jahrhunderts als militärischer Ausdruck gebraucht und bezog sich auf Soldaten, die weder eingezogen worden waren noch für ihre Leistungen bezahlt wurden. Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775–1783) spielten sogenannte Bürgersoldaten oder patriotische Freiwillige eine bedeutende Rolle im schlussendlichen Sieg der Kontinentalarmee. Das British Volunteer Movement wiederum setzte sich an der Wende zum 19. Jahrhundert für den Aufbau einer patriotischen, militärischen Schutztruppe zur Verteidigung Großbritanniens gegen potenzielle Invasionen im ‚Mutterland‘ und Widerstände in den Kolonien ein. Wie Austin Gee gezeigt hat, waren bis 1804 rund 18 Prozent der britischen Männer im militärtauglichen Alter dem 1794 gegründeten Freiwilligenkorps beigetreten. Patriotismus, Imperial- und/oder Nationalstolz wurden häufig als Gründe genannt.[9] Statt den Aufstieg solcher militärischer Freiwilligendienste als bloße Folge einer nationalistischen Gesinnung zu betrachten, scheint es zielführender, diesen Freiwilligendienst als einen Prozess zu analysieren, der aktiv zur Bildung von Nationen, nationalen Subjekten und Nationalgefühlen beitrug. Jenseits der Verknüpfung eines individuellen Schicksals mit dem der Nation im Krieg ist dieser freiwillige Einsatz auch für den Erhalt staatlicher Stabilität entscheidend – wie Gee anmerkt, durch den „aktiven Einbezug von Zivilisten und eine Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts“.[10]

J. M. MacKenzie beschreibt den militärischen Freiwilligendienst im Großbritannien des 19. Jahrhunderts als Teil „eines erneuerten Militarismus, einer Hingebung an die Monarchie, einer Identifikation und Verehrung von Nationalheld*innen, zusammen mit dem damaligen Personenkult und rassistischen Vorstellungen im Kontext des Sozialdarwinismus. Gemeinsam bildeten sie eine neue Art Patriotismus“.[11] Im Kontext der Modernisierung der Imperien stärkte der Freiwilligendienst im Inneren das Nationalgefühl; in den Kolonien löste er vielschichtige Prozesse aus, die für weitere Verstrickungen des Identitäts-, Zugehörigkeits- und Wertgefühls der kolonisierten Subjekte sorgte. Diese kolonialen Erfahrungen, die zu einer Destabilisierung des Nationalismusdiskurses beitrugen, verkomplizieren die Diskussion um den ‚Freiwilligendienst‘, eröffnen sie doch ein Feld der Ambivalenz und Vielgestaltigkeit, das die starre Struktur des Nationalstaats ins Wanken bringt.

Nach dem Indischen Aufstand 1857[12] führte das damalige Britisch-Indien die rassistische Theorie der martial race ein und rekrutierte gezielt kampftaugliche, loyale und ‚weniger gebildete‘ indische Bevölkerungsgruppen wie Sikhs und muslimische Punjabis, hinduistische Jats und Gurkhas, die nun eine British Indian Army aus Freiwilligen bildeten. Ein Hauptgrund hinter der Erfindung dieser ‚kriegerischen‘ Gruppe war laut Heather Streets, die gebildetere Bevölkerung vom Militärdienst auszuschließen, der die Briten mehr Widerstandsgeist zusprachen, wodurch sie für Instabilität hätten sorgen können.[13] Auf ähnliche Weise wurden im britisch-kontrollierten Ostafrika die Kamba zur martial race erklärt. Als Mischung aus sozialdarwinistischen Vorstellungen, Kastenwesen und Rassismus wurde die Martial-race-Theorie auch an anderen Orten übernommen. Zum Beispiel schlug der französische General Charles Mangin 1910 in La Force Noire den Kriegseinsatz afrikanischer Soldaten aus den Kolonien vor.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs bestanden die britischen Kolonialtruppen in Asien und Afrika ausschließlich aus Freiwilligen. Demgegenüber umfasste die französische Strategie der militärischen Rekrutierung in Nord- und Westafrika sowohl eine freiwillige Musterung als auch die Wehrpflicht. Myron Echenberg schreibt über die späten 1920er Jahre, dass „25 % des jährlichen Kontingents in Französisch-Westafrika aus Freiwilligen bestand, von denen viele auf eine professionelle Karriere als ein Tirailleur sénégalais hofften“.[14] Während des Zweiten Weltkriegs wuchsen die kolonialen Freiwilligentruppen weiter an.

3. Warum freiwillig antreten?

Doch warum sollten Männer freiwillig antreten, um für ein anderes Land in den Krieg zu ziehen – noch dazu eines, dass das eigene kolonisiert hatte? Anstelle von patriotischer Leidenschaft und nationalistischem Stolz (obgleich auch das vorkam) offenbaren die freiwilligen Kolonialsoldaten zumeist eine viel komplexere und manchmal verwirrende Seelenlandschaft. Rita Headrick, die sich mit den Motiven hinter dem freiwilligen Dienst afrikanischer Soldaten für die britische Armee im Zweiten Weltkrieg befasste, legt nahe, dass einige von ihnen von ihren „Chiefs, Lehrern oder europäischen Arbeitgebern entsandt wurden, was die Behauptung der Briten infrage stellt, dass ihre afrikanischen Truppen beinahe vollständig aus Freiwilligen bestanden hätten“.[15] Andere wiederum – das legen leider nur spärlich dokumentierte Berichte nahe – entschieden sich für den Militärdienst, um sich einen „besseren Zugang zu Ernährung, Einkommen und Bildung“ zu verschaffen, insbesondere zu beruflichen und gewerblichen Ausbildungen. Ein kenianischer Soldat erklärte:

Und dann wurde uns gesagt, dass wir nur mit unserem Dienst an der Waffe zur Unterstützung der Regierung verhindern würden, dass Kenia von den Deutschen und Italienern besetzt werden würde. Um diese ‚Monster‘ aus dem Land zu halten und auch, um der Langeweile und dem Elend der Arbeitslosigkeit in Nairobi zu entkommen, ließ ich mich verpflichten.[16]

Eine lange Liste verschiedener Anreize bündeln auch David Killingray und Martin Plaut in ihrer Sammlung mündlicher Berichte für ihre Forschung zum Zweiten Weltkrieg. Hier sind zwei Auszüge:

Die dem District Commissioner unterstellten Soldaten marschierten in voller Uniform in unsere Dörfer. Sie waren stets adrett gekleidet und gaben uns Rindfleischkonserven und Kekse. Beim Marschieren sangen sie, so dass wir sofort begehrlich darauf wurden, uns ihnen anzuschließen. Wir wussten nicht, dass es die geschickte Masche des weißen Mannes war, uns in den Krieg hineinzuziehen, und sie legten nie offen, wohin wir gehen würden. Sie wählten nur die von uns aus, die körperlich fit waren.[17

„Frei. Will. Ich.“ Plakatkampagne der Deutschen Bundeswehr zur Rekrutierung von Wehrdienstleistenden, Januar 2026. Foto: Eric Otieno Sumba

„Frei. Will. Ich.“ Plakatkampagne der Deutschen Bundeswehr zur Rekrutierung von Wehrdienstleistenden, Januar 2026. Foto: Eric Otieno Sumba

Es ist klar, dass die Mehrheit der afrikanischen Soldaten nicht in die Armee eintrat, um für König George VI. zu kämpfen oder um das Empire zu verteidigen. Nein. Der König und das Empire bedeuteten und bedeuten ihnen noch immer nichts. Die Männer, die du in den Truppen siehst, kamen, um zu helfen […]. Wenn eine ihnen freundschaftlich verbundene Herrin erzählte, dass daheim in England sie selbst oder ihre Mutter in Gefahr sei, weil ein brutaler Tyrann sie zu Sklavinnen machen wollte.[18]

Timothy Parsons merkt an, dass im Zweiten Weltkrieg „Männer, die sich der Einberufung in unbewaffnete Arbeitseinheiten widersetzten, sich freiwillig für die KAR (King’s African Rifles) oder RWAFF (Royal West African Frontier Force) meldeten, um sich eine bessere Bezahlung zu sichern und ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen“.[19] Es gab auch Fälle, in denen gebildete Männer sich freiwillig der britischen Armee anschlossen, um ihre Loyalität zu bezeugen und gegen „die bösartigere Sorte Rassismus“ zu kämpfen, die von den Achsenmächten vertreten wurde.[20]

John Henry Smythe, der sich freiwillig der Royal Air Force in Sierra Leone anschloss, sprach für viele Afrikaner, als er erklärte, dass Hitlers rassistische Ideologie, die er aus Mein Kampf kannte, „das Rückgrat eines jeden schwarzen Mannes aufrichten würde – was bei mir definitiv der Fall war“.[21]

Obgleich sie für das imperiale Militär ihre Leben riskierten und zahlreiche Entbehrungen hinnehmen mussten, wurden die kolonialen Soldaten und Freiwilligen sowohl im Dienst als auch danach ungleich und rassistisch behandelt. Joe H. Lunn dokumentiert verschiedene Formen der Segregationspolitik, die zur Anwendung kamen, als 140.000 westafrikanische Soldaten, die Tirailleurs, in Frankreich ankamen und 1916 als Kombattanten an der Westfront dienten. Diese Tirailleurs waren massiven Einschränkungen ausgesetzt, was den Kontakt mit französischen Soldaten und Zivilist*innen – insbesondere mit französischen Frauen – anbetraf. Sie bekamen nur höchst selten Urlaub und wurden nur in stark vereinfachtem Pidgin-Französisch unterrichtet, was ihre rassistische Stereotypisierung als ‚naturnahe Wilde‘ verstärkte.[22]

Headrick listet weitere Unterschiede zwischen europäischen und afrikanischen Soldaten auf, etwa bei der Verpflegung, den Unterkünften, der Bezahlung, dem Ort der Entlassung aus dem Dienst und der medizinischen Versorgung:

Afrikanische Truppen in der britischen Armee wurden viel schlechter bezahlt als britische. Begründet wurde das damit, dass das afrikanische Lohnniveau im Vergleich zu Europa niedriger war. Obendrein wurde Westafrikanern mehr gezahlt als Ostafrikanern. Doch die Afrikaner nahmen kein Blatt vor den Mund und erinnerten die Briten daran, dass Gehaltsunterschiede für identische Arbeit im kolonialen Dienst damit erklärt wurden, dass die Briten als Auslandsentsandte entlohnt werden mussten, weil sie weit weg von zuhause lebten. Wie stand es jetzt damit, da die Afrikaner weit weg von zuhause waren: Wo war ihr Auslandsbonus? Auch die Urlaubsregelungen waren diskriminierend und die Clubs für afrikanische Militärangehörige spartanischer ausgestattet als die der europäischen. Heimaturlaub konnte afrikanischen Soldaten, die in Süd- und Südostasien, in Burma und Indien stationiert waren, grundsätzlich gestattet werden, doch für britische Soldaten war es wahrscheinlicher, nach Hause zu kommen, als für afrikanische.[23]

Dieser ungerechten Behandlung zum Trotz hielten viele Kolonialsoldaten durch – andere aber setzten sich ab, ergriffen die Flucht oder attackierten sogar ihre Vorgesetzten. Parsons dokumentiert einen Brief, der von den Tirailleurs des Bataillon Sénégalais de Marche No. 10 an die britische Armee gesendet wurde:

Einige von uns haben in der Royal West African Frontier Force gedient, bevor wir desertierten, um bei der französischen Armee besser bezahlt zu werden. Wir haben aber keinen Sold erhalten und nie die Gelegenheit bekommen, dem Feind im Kampf zu begegnen, wie es uns versprochen worden war. … Nun sagen wir Ihnen, English Colonel, dass alle Männer des B. M. 10 bereit sind, in der englischen Armee zu dienen.[24]

Viele afrikanische Soldaten kehrten mitten in einer Wirtschaftskrise in ihre Heimat zurück und hatten große Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Zur Armeeerfahrung gehörte andererseits ein drastischer Modernisierungsschub, durch den ihr Identitätsgefühl, ihre Gewohnheiten, Sitten, Geschmäcker und Wünsche sich grundlegendend gewandelt hatten. Wie Hendricks aufzeigt, verkomplizierten sich die Erfahrungen der Kolonialsoldaten noch durch Momente des politischen Erwachens, die aus ihren Begegnungen mit anderen Welten und Menschen erwachsen konnten:

Auch das politische Bewusstsein wurde gestärkt, insbesondere unter Amerikanisch-Afrikanern, die in Südostasien stationiert waren. In Burma kämpften sie, aber in Indien und Ceylon konnten sie sich ein wenig umsehen und mit den Leuten reden. Afrikaner waren von der indischen Unabhängigkeitsbewegung begeistert … aber die Soldaten waren auch geschockt über die Armut in Indien selbst. [...] Afrikaner trafen durch den Krieg andere Afrikaner. Westafrikaner trafen Ostafrikaner, Menschen aus einer Kolonie trafen Menschen aus einer anderen; Menschen aus verschiedenen afrikanischen Gesellschaften trafen einander. Es ist schwer zu sagen, ob dies gegenseitiges Verständnis und den Panafrikanismus stärkte. Es gibt jedenfalls Europäer und auch Afrikaner, die das behaupteten und sagten, dass sich die politische Zukunft Afrikas wegen dieser Begegnungen signifikant ändern würde.[25]

4. Wessen Wille?

Der Begriff ‚Freiwilliger‘ liefert häufig ein verflachtes Verständnis des Willens, da er eine selbstlose Bereitschaft nahelegt, sich für eine größere Sache aufzuopfern, oft als Reaktion auf Ansprüche des ‚Volkes‘. Die Geschichte der freiwilligen Kolonialtruppen verwehrt jedoch jegliche Vereinfachung und die simple Annahme einer gemeinsamen Grundlage, die ‚das Volk‘, das heißt die Menschen, trägt. Wenn Soldaten freiwillig auf einem Terrain kämpften, das von komplexen gesellschaftlichen, rassistischen und politischen Beziehungen gezeichnet war, für Nationen, die sie weder als Gleiche behandelten noch als Mitglieder der eigenen Gemeinschaft verstanden, dann zerplatzen schnell die Illusionen von ‚Volk‘ und ‚Gemeinwohl‘. Wenn Nationen mithilfe von Soldaten Krieg führen, die nicht ihre Bürger sind – und fern der eigenen Territorien –, dann gerät die Fantasie einer geschlossenen nationalen Gemeinschaft ins Wanken. Entsprechend stellt Tarak Barkawi die für selbstverständlich befundene Prämisse der ‚Nation‘ und des ‚Imperiums‘ in der Diskussion über Soldaten und Krieg infrage und legt stattdessen nahe, westliche Militärgeschichte durch eine weltumspannende Linse zu betrachten – mit Blick auf den globalen Einsatz und die Stationierung von Truppen sowie die breite Anwendbarkeit von Militärsystemen trotz der Unterschiede in Kultur und Tradition.[26] In diesem Sinne haben die beiden größten Kriege des 20. Jahrhunderts, die die globale Landschaft umgestaltet und nationale Grenzen verschoben haben, tatsächlich Untertöne, die die Ideologie des Nationalstaats infrage stellen.

Die Geschichte von kolonialen und freiwilligen Soldaten im 19. und 20. Jahrhundert erhält in den vorherrschenden historischen Narrativen der Nationalstaaten kaum Aufmerksamkeit. Driss Maghraoui merkt in seiner Studie zu marokkanischen Kolonialsoldaten an, sie seien schlicht „vergessen oder selektiv erinnert“ worden.[27] Die Gründe einer solchen Vergesslichkeit liegen – neben der absichtsvollen Verdrängung oder Beschönigung des kolonialen Unrechts der europäischen Nationen – auch in den Uneindeutigkeiten der Geschichten dieser Soldaten. Ihre Motive, Erfahrungen, Beobachtungen und Lebensverläufe waren enorm unterschiedlich; ebenso wie ihre politischen Haltungen, Hoffnungen, Wünsche und ihre individuelle Misere. In ihren Geschichten sind die Rollen von Unterdrückern und Unterdrückten auch nicht klar bestimmt, da viele von ihnen freiwillig dienten und eine nicht unbedeutende Westernisierung durchliefen. Sie passen weder einfach in die Narrative des politischen Widerstands oder des aufkommenden antikolonialen Nationalismus, noch waren sie Komplizen in der Ausbreitung des Imperialismus.[28]

Im standardisierten historischen Narrativ, das die nationalstaatliche Struktur und einfache Dualismen bevorzugt, wirken ihre Geschichten unpassend. Und eben diese Komplexität zeigt, wie Menschen „ihre Lebensführung anpassen, ihre Existenz aushandeln und schließlich ganz anders auf die koloniale Herausforderung reagieren mussten“.[29] Diese Geschichten sind es wert, diskutiert zu werden. Die Frage ist nicht länger, wie bedrohlich die Umstände waren, unter denen diese Menschen „Ja“ sagten, wenn sie „Nein“ meinten. Es geht darum, warum sie „Ja“ sagten, wenn sie „Vielleicht“ meinten oder „Ich weiß es nicht“ oder „Ich könnte das schon machen, denn ich habe ja keine Alternative“. Es geht um die Bedeutung und den Umfang einer solchen Unsicherheit und darum, wie sie sich im Laufe von Kriegen, Nachkriegsordnungen, Kolonialismus und Kolonialität verändert und vervielfacht; was die globale Ordnung des Nationalstaats weiter infrage stellt, für deren Etablierung diese Soldaten überhaupt erst kämpften.

Dieser eher knappe Überblick freiwillig eingegangener Dienstverpflichtungen mit einem Fokus auf freiwillige Kolonialsoldaten soll der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit ‚Freiwilligenarbeit‘ und einer Reihe politischer Ideale, die darin mitschwingen – etwa ‚das Volk‘ oder der ‚freie Wille‘ – mehr Tiefe verleihen. Hier müssen wir fragen, wessen Wille das freiwillige Tun antreibt? Was definiert ‚das Volk‘ beziehungsweise ‚die Menschen‘? Wer fällt unter diese Kategorie, wer ist ausgeschlossen? Was sind die Bedingungen für freien Willen? Wenn ich Barkawis Vorschlag folge, die westliche Militärtradition als eine weltumspannende zu untersuchen, ist es wichtig, die Kontinuität ‚freiwilliger‘ und angeheuerter Soldat*innen in den Blick zu nehmen, die auch heute an Kriegen außerhalb ihrer eigenen Länder teilnehmen – eine koloniale Form der Gewalt, die nun in wirtschaftliche Verhältnisse übersetzt ist. Obwohl militärische Rituale und Doktrinen dem täglichen Leben fern zu sein scheinen, beeinflussen und formen sie Gesellschaften. Deshalb fühlt sich Freiwilligenarbeit – zumindest unter manchen Umständen – an wie eine Militarisierung des Alltagslebens.

Aus dem Englischen von Jen Theodor

Dieser Text erschien erstmals in der Publikation Tirailleurs – Reader (Berlin: HKW & Archive Books, 2026). S. 26–43. Eine englische Ausgabe ist ebenfalls erhältlich.

 

[1] Anmerkung der Übersetzerin: Volunteering im Englischen betont die Freiwilligkeit mehr als das klassische deutsche ‚Ehrenamt‘, das mehr auf die Würde und Wertschätzung des Dienstes an der Gesellschaft abzielt. Da es im Text um den freien Willen geht, übersetze ich hier entsprechend als ‚Freiwilligenarbeit‘. Das Ehrenamt entspricht eher dem und benennt das, was hier eingangs kritisiert wird: dass Menschen für Aufwandsentschädigungen staatlich geregelte Arbeiten übernehmen (z. B. Freiwillige Feuerwehr, Schöffengerichte, Sozialarbeit).

[2] Ram A. Cnaan u. a., „Defining Who Is a Volunteer. Conceptual and Empirical Considerations“, Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly 25/3 (September 1996), S. 364–383, https://doi.org/10.1177/0899764096253006.

[3] Ebd. S. 370.

[4] „General Will (Volonté Générale)“, European Center for Populism Studies, https://www.populismstudies.org/Vocabulary/general-will-volonte-generale/

[5] Vor Covid habe ich auch Freiwilligenstände in Pekings Stadtzentrum gesehen, womöglich eine sanfte Strategie des weiwen (Stabilitätserhalt), um Proteste und Versammlungen zu verhindern.

[6] 阮玲婧, „「動態清零」與基層的迷茫.一位中國防疫志願者的近距離觀察“ (Ruan Lingjing,„Dynamische Null-Covid-Politik und die Verwirrung an der Basis. Eine Nahaufnahme aus der Sicht eines chinesischen Freiwilligen im Bereich der Seuchenprävention“), 端傳媒 (Initium Media), 14. April 2022, https://theinitium.com/20220414-opinion-china-covid-control-local-volunteer/

[7] Ebd.

[8] Anmerkung der Redaktion: Hier kann eine Parallele zum Rekrutierungsslogan „Frei. Will. Ich“ der deutschen Bundeswehr gezogen werden, der auf riesigen Bannern für den freiwilligen Einstieg in die Bundeswehr warb – unter anderem am Berliner Alexanderplatz, während dieser Text verfasst wurde.

[9] Austin Gee, The British Volunteer Movement, 1794–1814, Oxford: Oxford University Press, 2003.

[10] Ebd.

[11] John M. Mackenzie, Propaganda and Empire. The Manipulation of British Public Opinion, 1880–1960, Manchester: Manchester University Press, 1984, S. 2.

[12] Anmerkung der Redaktion Der Indische Aufstand 1857 bezeichnet das Meutern indischer Militärs gegen die koloniale Besatzung, auf den nach der Niederschlagung durch britische Mächte die Auflösung der Ostindien-Kompanie und die Eingliederung Indiens als Kronkolonie folgten.

[13] Heather Streets, Martial Races. The military, race and masculinity in British imperial culture, 1857–1914, Manchester: Manchester University Press, 2004.

[14] Myron Echenberg, „‚Morts Pour La France‘; the African Soldier in France during the Second World War“, The Journal of African History 26/4 (Oktober 1985), S. 363–380, https://doi.org/10.1017/s0021853700028796

[15] Rita Headrick, „African Soldiers in World War II“, Armed Forces & Society, 4/3 (April 1978), S. 501–526.

[16] Waruhiu Itote (General China), „Mau Mau“ General, Nairobi: East African Publishing House, 1967, S. 16, zitiert in Headrick, „African Soldiers“.

[17] R. H. Kakembo, An African Soldier Speaks, London: Edinburgh House, 1946, S. 8–9, zitiert in David Killingray und Martin Plaut, Fighting for Britain. African Soldiers in the Second World War, Woodbridge: James Currey, 2012.

[18] BBC African Service, Aufnahme von Mustafa Bonomali, aufgezeichnet von A. M. Mwamkengenge, Salima, Malawi, 1989, zitiert in Killingray und Plaut, Fighting for Britain.

[19] Timothy Parsons, „The Military Experiences of Ordinary Africans in World War II“, in: Judith Byfield u. a. (Hg.), Africa and World War II, New York: Cambridge University Press, 2015, S. 2–23.

[20] Ebd.

[21] Killingray und Plaut, Fighting for Britain, S. 15, zitiert in Parsons, „The Military Experience“.

[22] Joe H. Lunn, „‚Bons Soldats‘ and ‚Sales Nègres‘. Changing French Perceptions of West African Soldiers during the First World War“, French Colonial History 1/1 (2002), S. 1–16.

[23] Headrick, „African Soldiers in World War II“, S. 511–512.

[24] Parsons, „The Military Experiences of Ordinary Africans in World War II“, S. 13.

[25] Headrick, „African Soldiers in World War II“, S. 513.

[26] Tarak Barkawi, Soldiers of Empire – Indian and British Armies in World War II, Cambridge: Cambridge University Press, 2017.

[27] Driss Maghraoui, „Moroccan Colonial Soldiers. Between Selective Memory and Collective Memory“, Arab Studies Quarterly 20/2 (1998), S. 22.

[28] Headrick, „African Soldiers in World War II“.

[29] Maghraoui, „Moroccan Colonial Soldiers“, S. 22.