Mi, 27. November 2019

“Of Mimicry and White Man”

Mit Rajkamal Kahlon, Erhard Schüttpelz und Kalpana R. Seshadri

Filmstill aus Jean Rouch | Les maîtres fous, 1955, Les Films de la Pléiade

Filmstill aus Jean Rouch | Les maîtres fous, 1955, Les Films de la Pléiade

Drei Vorträge hinterfragen die problematische Idee des „umgekehrten Blicks“: Rajkamal Kahlon wird anhand einer Betrachtung von Formen des politischen und ästhetischen Widerstandes in aktivistischen, philosophischen und anthropologischen Schriften – beispielsweise von Bernice Johnson Reagon, Achille Mbembe und Julius Lips – ihre eigenen Praktiken der Intervention in ethnografische Archive erläutern. Um den Begriff der kolonialen Mimikry zu diskutieren, verortet Kalpana R. Seshadri ihn im weiteren Kontext von Race als einem höchst eigentümlichen europäischen System zur Verwaltung und Erklärung menschlicher Vielfalt. Erhard Schüttpelz beleuchtet die Verschränkung von Besessenheitsritualen mit dem Medium Film in den Arbeiten des umstrittenen Ethnologen Jean Rouch, gefolgt von einer Vorführung zweier seiner Filme.

18h Vortrag
Rajkamal Kahlon (Künstlerin)

In ihrem Vortrag befasst sich Rajkamal Kahlon mit Formen des politischen und ästhetischen Widerstands in den Schriften von Bernice Johnson Reagon, Gründerin des Performance-Ensembles Sweet Honey in the Rock, des Philosophen Achille Mbembe und des Ethnologen Julius Lips. Vor diesem Hintergrund erläutert sie ihre Praxis der Intervention in ethnografische Archive am Beispiel ihrer Ausstellung Staying With Trouble am Weltmuseum Wien.

19h Vortrag
Kalpana R. Seshadri (Boston College, English Department)

Um den Begriff der kolonialen Mimikry zu diskutieren, verortet Kalpana Seshadri ihn im weiteren Kontext von Race als einem höchst eigentümlichen europäischen System zur Verwaltung und Erklärung menschlicher Vielfalt. Dabei legt sie den Schwerpunkt auf das Fehlen einer gemeinsamen Epistemologie zwischen Kolonisierern und Kolonisierten sowie auf die grundsätzliche Nichtübereinstimmung ihrer jeweiligen Reaktionen aufeinander. Angesichts dieser radikalen Unvereinbarkeit von Bedeutungen erscheint die Idee eines „umgekehrten Blicks“ als hochproblematisch.

20h Vortrag
Erhard Schüttpelz (Professor für Medientheorie, Universität Siegen)

Die beiden Filme Les Maîtres Fous und Jaguar von Jean Rouch sind Dokumente aus der Zeit kurz vor der Entkolonialisierung, die sich mit afrikanischen Künsten des Widerstands gegen die koloniale Herrschaft beschäftigen. Sie ergeben ein zusammengesetztes Porträt der Spätzeit der Kolonialherrschaft und waren Wegbereiter sowohl für die französische Nouvelle Vague wie auch für Jahrzehnte des afrikanischen Filmschaffens, dem sie als Inspiration für afrikanische Gegenversionen und Kritiken dienten.
Der Vortrag von Erhard Schüttpelz wird einige der historischen Entwicklungslinien nachzeichnen, die in die Entstehung dieser beiden Filme eingeflossen sind: die Hauka-Bewegung, die Songhai, die britische Kolonialherrschaft, die französische Kolonialherrschaft, das koloniale städtische Leben, Persische Briefe und die Figur der „umgekehrten Anthropologie“, Skulptur und Tanz, und das Auto, das man Jaguar nennt.

21h Filmscreenings
Jaguar, Jean Rouch, 1967, 91 min, frz. OmeU
Les maîtres fous, Jean Rouch, 1955, 36 min, frz. OmeU

Jaguar ist eine improvisierte filmische Fiktion über das Leben von Wanderarbeiter*innen, die ihre Freiheit im Wechsel zwischen den französischen und den britischen Kolonien und ihren jeweiligen Regimen finden. Dabei verfolgen sie das Ideal, die Wandlung zu urbaner Überlegenheit zu vollziehen und zum “Jaguar”, einem städtischen Dandy, zu werden. Les Maîtres Fous zeigt das religiöse Leben: sowohl in seinen persönlichen Beziehungen zu den Göttern der kolonialen Gewalt, der Technologie und der Indifferenz wie auch die Rituale zu ihrer kollektiven Austreibung.