Sa, 03. November 2018

Radiophones Funkkolleg V: Das Suchende Ohr

Mit Verena Kuni, Hassan Khan, Anna Zett und Cevdet Erek

Der radiophone Raum ist ein unheimlicher Raum. Immer wieder rutscht das Ohr ab, hört Bedeutung, wo nur Rauschen ist, wird angerufen von körperlosen Stimmen. Nicht ohne Grund wurde der Radioapparat in seiner Frühzeit auch als spiritistisches Medium entdeckt. Mit der technischen Vermittlung von Geräusch explodiert die Vielfalt des Hörbaren, die erst nach und nach mit Sinn versehen werden kann. Welche Macht haben diese Geräusche aus den Apparaten? Wie frei ist das Ohr bei der Suche und der Bestimmung von Sinn? Was wissen wir wirklich über den Raum zwischen Sender und Empfänger?

Die Kunst- und Medienwissenschaftlerin Verena Kuni erforscht die Grenzen zwischen Mustererkennung und -verkennung. Der Künstler und Musiker Hassan Khan lädt Sender und Empfänger zum Dialog ins Funkkolleg. Die Künstlerin und Autorin Anna Zett untersucht mit Hilfe einer Kartenlegung die Handlungsmöglichkeiten von Stimmen, die von individuellen menschlichen Gesichtern entkoppelt sind. Der Künstler und Musiker Cevdet Erek befreit in einer Performance die Hörstücke aus dem Radioarchiv von Sinn und führt sie zurück ins Geräusch.

Verena Kuni: Mustererkennung
Ohne Mustererkennung wäre die Welt für das menschliche Ohr nicht Klang, sondern immerwährendes Rauschen. So auch im Radioraum: Hinhören heißt wiedererkennen wollen. Wenn aber das, was der Mensch als Lautsignal versteht, stets auf Mustererkennung basiert, wie kann sich dann das Repertoire der Rapporte erweitern? Und was passiert, wenn Muster erkannt werden, wo keine sind? Verena Kuni unternimmt in ihrem Beitrag eine radiophone Erkundungsreise entlang der Grenzen, die zwischen Mustererkennung und -verkennung verlaufen.

Hassan Khan: Stuffed Creatures Also Have a Life
„Es gibt keine Voraussetzungen oder Formen. Dies ist nur ein Gespräch. Dies ist nur die Karte, bevor der Wind nachlässt. Das ist nur das Boot. Nur der Moment der Hoffnung. Nur der dunkelste Stern. Auf das Sehen in die Ferne! Lassen Sie mich noch einmal von vorne beginnen. Was bin ich hier? Eine ausgestopfte Kreatur. Eine Erinnerung an eine Reise. Versuchen Sie, zu senden. Zu rufen. Wie heißt Du? Wie heißt Du? Wie heißt Du? Wie heißt Du? Dieser Reim ist nicht das, was er zu sein scheint. Formgerecht. Auf die Phonie in der Klangwelt. Auf den Schleifstein. Auf den Verlust. Auf das Hörgerät. Auf den sanft geschwungenen Weg, die Straße hinunter. Ich habe die Welt mit meiner Stimme kolonisiert.”

Anna Zett: Minimale Manipulation
Die Grundlage eines jeden Gesprächs ist die gegenseitige Beeinflussung seiner Beteiligten – und sei es nur, dass Sprechende ihr Gegenüber zum Zuhören, Zuhörende ihr Gegenüber zum Sprechen bewegen. Die radiophone Situation verhindert bestimmte Formen der Kommunikation und ermöglicht andere. Welche Mittel der gegenseitigen Beeinflussung sind Sprechenden und Hörenden im institutionellen Rahmen eines Auditoriums zugänglich? Anna Zetts Beitrag begegnet der Hörbühne als einem Raum der kontakt- und gesichtslosen Handgriffe. Mit Hilfe eines vom Tarot adaptierten Kartendecks untersucht sie das dichte Netz an assoziativen Verbindungen zwischen Hand und Stimme im symbolischen Kosmos der Demokratie.

Cevdet Erek: RA RS P RP II
Die Grundlage der Radiophonie besteht darin, Informationen und Bedeutungen aus dem Rhythmus und Rauschen des Radios zu entschlüsseln. Diese Fähigkeit ist Voraussetzung für alle Arbeiten des begehbaren Radioarchivs Radiophonic Spaces, für das Cevdet Erek die Szenografie entworfen hat. Für RA RS P RP II nimmt Erek die lineare Form einer typischen Radiosendung zum Ausgangspunkt, um ausgewähltes Material aus Radiophonic Spaces neu zu arrangieren. RA RS PR P II untersucht die klanglichen und rhythmischen Qualitäten von Sprache und lässt so die Grenzen der sprachlichen Bedeutung hinter sich. Damit befreit Erek die Arbeiten der Radiokunst aus ihrem konkreten Sinnzusammenhang und führt sie zurück in den Zustand der reinen Radiophonie.
RA RS P RP II entstand im Auftrag von Deutschlandfunk Kultur und wird dort am 23.11.2018 um 0.05h in der Sendung Klangkunst ausgestrahlt.

Teil von Der Ohrenmensch