Sa, 03. November 2018

Radiophones Funkkolleg IV: Hörgedächtnis

Mit Gilles Aubry und Nathalie Anguezomo Mba Bikoro, Marie Guérin, Zoran Terzić, ARK

Die radiophone Konstellation vermittelt zwischen Sender und Empfänger nicht nur über den Raum sondern auch durch die Zeit. Die Möglichkeit der Archivierung von Klang, Geräusch, Stimme und Musik ermöglicht es dem „Ohrenmenschen“ vermehrt, Reservoire des Hörwissens aufzusuchen und zueinander in Beziehung zu setzen. Was können uns die Klangarchive erzählen? Wie verhalten sich gesellschaftliche und technisch-radiophone Zustände zueinander? Die Frage, was archiviert wird und zugänglich ist, welche Stimmen gehört werden und welche Ohren hören dürfen, ist dabei immer auch eine politische.

Die Künstler*innen Gilles Aubry und Nathalie Anguezemo Mba Bikoro lauschen den antikolonialen Kämpfen im radiophonen Raum. Die Soundkünstlerin Marie Guérin lässt frühe Aufnahmen aus dem Lautarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin mit Stimmen der Gegenwart in einen Dialog treten. Der Musiker und Philosoph Zoran Terzić befasst sich mit der Idee und Ideologie der Vertonung. Die Künstlergruppe ARK lässt ihre Gäste die postkolonialen Geografien analysieren, die bis heute die Interfaces der Drummachines organisieren.

Gilles Aubry & Nathalie Anguezomo Mba Bikoro: Black A(n)thena (Kosmos)
Nathalie Anguezomo Mba Bikoro und Gilles Aubry erforschen das Radiohören und -machen als Praxis zur Dekolonisierung des Ohrs. Black A(n)thena spürt der Geschichte des deutschen Kolonialismus in Gabun nach und bringt mit historischen Aufnahmen anti-kolonialer Piratensender die Stimmen und Geräusche des Widerstands zum Sprechen. Die Künstler*innen folgen den Spuren des Schriftstellers und Botanikers Adelbert von Chamisso, der auf einer Bananenplantage in Gabun als Göttin Camissonae erscheint, während die Natur den Plantagenarbeiter*innen Botschaften und Warnungen zuflüstert. Black A(n)thena macht den „Wissenschaftler“ und nicht den „Einheimischen“ zum Objekt der Untersuchung und liest die Geschichte der Tonaufnahmen und -übertragungen im 20. Jahrhundert gegen den Strich.

Marie Guérin: Recorded Songs Don’t Ever Die – Side A
1915 nahm der Sprachwissenschaftler Wilhelm Doegen in deutschen Kriegsgefangenenlagern Gesänge von Häftlingen auf. Diese englischen, algerischen, tunesischen, ukrainischen oder bretonischen Lieder gehören zu den ersten Tonaufnahmen überhaupt. Sie waren als Material für linguistische Studien gedacht, erzählen aber auch Geschichten von Migration und Exil. In ihrer musikalischen Performance untersucht Marie Guérin die Echos dieser Klänge und lässt sie in Dialog treten mit zeitgenössischen Stimmen. Die Performance versteht die Aufnahme- und Funktechnologie als Apparatur zur Herstellung diasporischer Heterotopien, in denen von Zeit und Raum getrennte Stimmen zueinander finden.

Zoran Terzić: Vertonungen
In welchen Zusammenhängen findet Musik im Sinne der Vertonung einer Idee, einer Information, einer Ideologie oder eines Werks statt? Wie weit bestimmen solche Vertonungen den Hör- und Gedankenraum des Ohrenmenschen? Und welche Rolle spielt das Medium der Vertonung für deren Wirkung? Schon die menschliche Stimme lässt sich einerseits als Vertonung des Gedankens interpretieren, andererseits ist sie den Anrufungsmechanismen politischer Macht ausgesetzt, die ihrerseits „Vertonungen“ der Herrschaftsverhältnisse sind. Zoran Terzić erforscht unter Zuhilfenahme eines Wurlitzer E-Pianos die Stellen, an denen sich die Phänomenologie der Mediums mit der politischen Ökonomie reibt. Ist meine Stimme, die sowohl eine existenzielle, eine politische als auch eine akustische ist, nur dann meine eigene Stimme, wenn sie sich als Subjekt einer Entgegnung vertont?

ARK: Unboxing cultural spaces. Ein spekulatives Feature über Rhythmusmaschinen
Welches Hörgedächtnis speichern Drum Machines? Erfunden, um das analoge Trommeln mit seinen aufwändig zu transportierenden und auszusteuernden Instrumenten zu ersetzen, scheint die Drum Machine dienstbarer Teil des kolonialen und imperialen Verdinglichungsprozesses. Ihre Geschichte ist eine der Raubkopien, der Clones und Simulationen. Ihre Schalterleisten mit Bezeichnungen wie „Latin“, „American“ oder „Traditional“ lassen sich wie postkoloniale Atlanten lesen. Das Klangkollektiv ARK lädt ihre Gäste dazu ein, eine Auswahl von Drum Machines in ihrer Materialität und Visualität als Artefakte des Hörgedächtnisses und der ihm zugrundeliegenden Politiken zu analysieren.

Teil von Der Ohrenmensch