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Fr, 01. September 2017

Nikolai Fjodorow und sein Projekt der “Gemeinsamen Tat”

Vorträge & Gespräch mit Angeliki Charistou, Anastasia Gacheva, Michael Hagemeister, moderiert von Margarete Vöhringer

Anastasia Gacheva:
Die Kunst als Überwindung des Todes: Von Nikolai Fjodorow zu den Kosmisten der 1920er Jahre

Die unsterbliche Ausrichtung des russischen Kosmismus zeigt sich in seiner Ästhetik. Nikolai Fjodorow und seine Nachfolger*innen gingen davon aus, dass die Kunst „aus der Trauer des Sohnes über den Tod des Vaters“ geboren wird und somit der Versuch einer „imaginären Auferstehung“ ist. So deklarierten sie die reale Wiederherstellung und Verwandlung des Lebens zur „Kunst der Zukunft.“ Der Mensch erscheint hierbei sowohl als Subjekt des Schaffens als auch als Objekt der Anwendung künstlerischer Energien. Die Kosmisten stellten der „Kunst des Abbilds“ die „Kunst der Realität“ gegenüber und bestanden darauf, dass die Gesetze des künstlerischen Schaffens zu Gesetzen der Realität selbst werden müssen. Die kreative Tätigkeit der Menschheit, die Entropie und Tod besiegt, führe zur Vergeistigung der Materie und zum Triumph der Schönheit an jedem Punkt des natürlichen Universums. Der Übergang zu einer harmonischen synthetischen Tätigkeit, die sowohl weltordnend als auch künstlerisch ist, erforderte nach Auffassung der Kosmisten eine enge Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Aus diesem Grund führte der Kosmismus den Begriff der theoanthropologischen Kunst ein, in dem die schöpferische Energie der Gottheit und die schöpferische Energie des Menschen die Welt wieder in den Zustand „unvergänglicher Herrlichkeit“ versetzen, „in dem sie sich vor dem Verfall befunden hat.“

Anastasia Gacheva ist habilitierte Philologin und leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Weltliteratur A.M. Gorki der Russischen Akademie der Wissenschaften. Sie ist Mitherausgeberin der Werkausgabe Nikolai Fjodorows, der Anthologien Der russische Kosmismus (1993) und N.F. Fedorov: pro et contra (2004-2008). Gacheva ist Spezialistin und Herausgeberin des literarisch-philosophischen Nachlasses der Kosmisten der 1920er und 1930er Jahre. Sie hat Arbeiten zum geistig-schöpferischen Dialog Fjodorows mit Dostojewski und Solowjow veröffentlicht sowie zur Historiosophie und Ästhetik des russischen Kosmismus und den Strömungen der russischen Emigration in den postrevolutionären Jahren.

Michael Hagemeister:
Nikolai Fjodorows Projekt der Welterlösung und der „Russische Kosmismus”

In seiner Philosophie der Gemeinsamen Aufgabe (1906/1913) rief Nikolai Fjodorow, der heute als Begründer des Russischen Kosmismus gilt, alle Lebenden dazu auf, den Tod mit wissenschaftlich-technischen Mitteln zu überwinden und sämtliche verstorbene Vorfahren wiederauferstehen zu lassen. Er war überzeugt, dass sich das Paradies auf Erden erst einstellen könne, wenn alle Menschenwesen in Zeit und Raum vereint werden. Nur so entkomme man der Aporie aller bisherigen Theorien des Fortschritts und der Erlösung, nämlich deren unvermeidlicher Voraussetzung von „Verdammten“ oder „Opfern der Geschichte“. Fjodorows Ideen zur „Lösung“ des Todesproblems vertrugen sich jedoch nicht mit denen eines anderen bedeutenden Kosmisten, Konstantin Ciolkovskij. Es stellt sich also die Frage, ob es den Kosmismus als solchen überhaupt je gegeben hat. Hagemeister beschreibt diese Denkrichtung in seinem Vortrag als eine hybride Ideologie aus späteren sowjetischen Zeiten, die nach dem Ende der Sowjetunion einen nationalistischen Diskurs der russischen Identität wesentlich geprägt hat.

Michael Hagemeister ist Historiker und Slawist. Er promovierte mit einer Arbeit über den russischen Philosophen Nikolai Fjodorow und verfasste zahlreiche Publikationen zur russischen Philosophie und Geistesgeschichte, zum utopischen und apokalyptischen Denken in Russland sowie zu den Protokollen der Weisen von Zion. Gemeinsam mit Boris Groys gab er den Band Die Neue Menschheit (2005) heraus. Nach Forschungs- und Lehrtätigkeit an zahlreichen Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz arbeitet er derzeit am Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum über das antimoderne und antiwestliche Denken in Russland.

Angeliki Charistou:
Die „Philosophie der gemeinsamen Tat” und der Weg zur Nichtobjektivität: Begriffe von Zeit und Raum

Nikolai Fjodorow entwarf in seiner Philosophie der gemeinsamen Tat auf der Grundlage christlichen Gedankenguts Mittel und Wege, um das ultimative Ziel seiner Zeit zu erreichen: die Wiederauferstehung der Toten und das Weiterleben der Menschheit in Verwandtschaft, Solidarität und Liebe. Für ihn bestand die höchste Pflicht der Menschheit darin, ein geistiges Niveau zu erreichen, das die wissenschaftlichen und technologischen Voraussetzungen für die Verwirklichung dieses Zieles mit sich bringen würde. Daraus ergaben sich zwei Konsequenzen: Erstens hätte die Wiederbelebung der Toten und die Unsterblichkeit aller Menschen zur Folge gehabt, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander verschmelzen und so wäre auch das Verständnis von Zeit ein anderes geworden. Zweitens wäre es zu einem Mangel an Lebensraum gekommen: Denn die Erde hätte kaum alle wiederauferstanden, lebenden und zukünftigen Generationen gemeinsam beherbergen können. Deshalb forderte Fjodorow dazu auf, den unendlichen Kosmos zu erforschen, ihn zu erobern und zu kolonisieren. Die Gemeinsame Tat forderte von den Menschen also mehr, als sich im Inneren zu wandeln; sie sollten auch ihr Verhältnis zur Natur und zu den Bedingungen ihres eigenen physischen Daseins in der Natur neu bestimmen. In ihrem Vortrag erörtert Charistou Fjodorows philosophische Auffassung von Zeit und Raum sowie seine Vision eines „neuen Menschen“ und lotet dabei Schnittstellen zu künstlerischen Konzepten der russischen Avantgardekunst aus.

Angeliki Charistou hat Archäologie und Kunstgeschichte an der Aristoteles-Universität in Thessaloniki und der Saint-Andrews Universität studiert, wo sie 2004 ihren Master mit einer Arbeit zur russischen Avantgarde abschloss. Nach ihrem Studium hat sie am Staatlichen Museum für Zeitgenössische Kunst in Thessaloniki (SMCA) und der Teloglion Stiftung (A.U.Th.) gearbeitet. Seit 2007 ist sie Kuratorin der Costakis Collection am SMCA. 2015 war sie als Ausstellungsregistrarin für den Pavillon der Republik Armenien auf der 56. Biennale in Venedig tätig, der den Goldenen Löwen für den besten nationalen Pavillon gewann. Zurzeit ist sie Doktorandin an der Universität Makedonien in Thessaloniki und arbeitet an einer Arbeit zum Kosmismus und der russischen Avantgarde.

Margarete Vöhringer ist Professorin für "Materialität des Wissens" an der Georg-August-Universität in Göttingen. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie, Philosophie und Ästhetik sowie Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Nach der Promotion 2006 an der Humboldt Universität zu Berlin lehrte sie an den Universitäten Berlin (FU, HU, UdK), Weimar, Zürich und Moskau. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kunstgeschichte der Moderne und Gegenwart und Kulturwissenschaft mit einem Schwerpunkt auf visueller Kultur. Zu ihren Publikationen gehören Wissenschaft im Museum – Ausstellung im Labor (hg. mit Anke Te Heesen) von 2014 und Avantgarde und Psychotechnik. Wissenschaft, Kunst und Technik der Wahrnehmungsexperimente in der frühen Sowjetunion (2007).