Anton Vidokle, Immortality and Resurrection for All!, 2017, Filmstill, Courtesy the artist
Iwan Kljun, Rotes Licht. Sphärische Komposition, 1923, Greek State Museum of Contemporary Art – Costakis Collection, Thessaloniki
Anton Vidokle, Filmstill aus Immortality and Resurrection for All, 2017, Courtesy the artist
Solomon Nikritin, Komposition mit Teleskop, 1920er, Greek State Museum of Contemporary Art – Costakis Collection, Thessaloniki

Fr., 01. September 2017 — Di., 03. Oktober 2017

Art Without Death: Russischer Kosmismus

Ausstellung, Konferenz

1.9.–3.10.2017

Ausstellungshalle 1 + 2

Was ist unsterblicher als die Idee ewigen Lebens? Der Russische Kosmismus um 1900 imaginierte nicht weniger als die Überwindung des Todes. Eine Ausstellung im ganzen Haus und eine Konferenz befragen die Ideen dieser Strömung, die trotz ihres großen Einflusses auf die Kunst, Wissenschaft und Politik Russlands nahezu in Vergessenheit geriet, nach ihrer Aktualität.

Der Russische Kosmismus stand für die Forderungen nach physischer Unsterblichkeit der Lebenden, Wiedererweckung der Toten und Reisen ins All. Die Bewegung entwickelte sich aus der Spiritualität im Russland des 19. Jahrhunderts verbunden mit einer schier unerschöpflichen Begeisterung für Wissenschaft und Technik. Die Doktrin vom unsterblichen Dasein im unendlichen Raum vereinte in sich den Optimismus sowohl der Wissenschaft als auch der Künste der damaligen Zeit. Seither hatte das utopische, science-fiction-artige Denken der Kosmist*innen großen Einfluss auf Kunst, Wissenschaft und Politik – im vorrevolutionären Russland ebenso wie in der Sowjet-Ära.

Aus heutiger Sicht eröffnet der Russische Kosmismus, obwohl von der offiziellen Sowjet-Ideologie überschattet, neuartige Perspektiven auf die Russische Avantgarde sowie Ideologie und Politik Russlands bis in die Gegenwart. So verlangte etwa Nikolai Fjodorow (1829–1903) in seinen einflussreichen Schriften, dass oberstes Ziel der Technologieentwicklung die Überwindung des Todes sein müsse; alle Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben, müssten wieder zum Leben erweckt werden. Die Kosmist*innen waren auch visionäre Wegbereiter*innen der Raumfahrt – bei Fjodorow etwa war die Besiedlung anderer Planeten unausweichliche Folge der Raumknappheit nach der Wiedererweckung der Verstorbenen. Das Museum als Institution spielte ebenfalls eine bedeutende Rolle: Dort sollten die für die Resurrektion nötigen Überreste der Toten konserviert werden. Fjodorow wie auch der Maler und Gründer des Suprematismus Kasimir Malewitsch glaubten außerdem, das Museum sei nach dem Tod Gottes der einzige Ort, an dem eine transhistorische Vereinigung über das Grab hinaus möglich sei.

Die Ausstellung verknüpft Arbeiten der Russischen Avantgarde aus der Sammlung George Costakis – ausgewählt von Boris Groys – mit zeitgenössischen Positionen: Filme von Anton Vidokle und eine Installation von Arseny Zhilyaev reflektieren philosophische, wissenschaftliche und künstlerische Konzepte des Russischen Kosmismus. Eine zweitägige Konferenz untersucht Verschränkungen von Kunst, Wissenschaft und Ideologie, deren Ursprünge im Russischen Kosmismus liegen und die bis heute wirksam sind.

Im Rahmen von 100 Jahre Gegenwart