Sa, 25. März 2017

Staatstechnologien

Mit Keller Easterling, cinéma copains (Arne Hector und Minze Tummescheit), Felix Stalder, Charles Lim Yi Yong, Samar Yazbek und Boaventura de Sousa Santos

Keller Easterling
Infrastruktur
Freihandelszonen, die in infrastrukturelle Räume eingebettet sind, ermöglichen und optimieren den globalen Transfer von Milliarden von Gütern. Sie bewegen nicht nur viele Millionen Tourist*innen, sondern auch billige Arbeitskräfte. Und dennoch existiert heute, da weltweit 65 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden sind, kein logistisches System, um die Millionen, die in Syrien Krieg und Terror ausgesetzt sind, an andere Orte bringen zu können. Ist es wirklich unmöglich, in eine Lücke zwischen Staat und „NGOcracy“ zu stoßen, anstatt weiterhin der ineffektiven Praxis zuzusehen, mit deren Hilfe die Ströme der Geflüchteten verwaltet werden? Die Urbanistin Keller Easterling fragt, ob es nicht an den Architekt*innen wäre, Institutionen so umzugestalten, dass räumliche Faktoren stärker in die weltpolitische Diskussion einfließen, statt weiterhin Architektur und Design als Mittel zur Fortführung institutioneller Gewalt zu begreifen.

cinéma copains (Arne Hector & Minze Tummescheit)
Finanz
„Die USA sind der ideale Ort für die Entwicklung der großen Terminbörsen. Es ist ganz in unserem nationalen Interesse, dass hier ein Devisenterminhandel entsteht.“ Diesen Satz schrieb Milton Friedman 1971 und verhalf damit einer unbedeutenden Warenterminbörse in Chicago zum entscheidenden Sprung in die Abstraktion: von Butter und Eiern zu Wechselkursen. Es war der Start für Finanzderivate, eine neue Klasse von Finanzprodukten, deren Geschäftsgrundlage der Handel mit Risiko und Zeit ist. Gespeist aus der Angst vor Unsicherheit und getrieben von der Aussicht auf gigantische Gewinne, entwickelten sie sich zu Massenvernichtungswaffen – Waffen, die das ambivalente Verhältnis von Kapital und Staat neu justieren sollten. cinéma copains übersetzen diese Geschichte in eine filmische Lecture-Performance.

Felix Stalder
Daten
Die Idee eines Protokolls – oder Regelwerks – ist eine zentrale Praxis neoliberaler Macht. Hier geht es um die Regeln, die das Zusammenspiel verschiedener unabhängiger Akteure bestimmen, die nicht per se durch eine hierarchische Beziehung aneinander gebunden sind und damit weder befehlen dürfen noch gehorchen müssen. Dennoch sind die Regeln solcher Protokolle verbindlich und müssen von den Beteiligten akzeptiert werden. Im Lauf der letzten 30 Jahre haben die neoliberalen Eliten ein dichtes Netz von Protokollen aufgebaut und Machtstrukturen geschaffen, die diese Regeln in Kraft setzen, ohne sie je zu rechtfertigen. Heute sind jedoch allerorts Krisen zu beobachten, verbunden mit einer zunehmenden Auflehnung gegen überbordende Formen der Machtfülle, die sich jeglicher Rechenschaft entziehen. Daraus wiederum ist ein neues Bedürfnis nach einer klar gefassten, greifbaren Macht entstanden. Eine fortschrittliche Antwort auf die Krise könnte – so der Medienwissenschaftler Felix Stalder – aber darin bestehen, die Beschaffenheit der Regeln selbst zu reformieren, anstatt einfach zur Idee des Nationalstaats und seinen Hierarchien zurückzukehren.

Charles Lim Yi Yong
Management
Während Staaten und Unternehmen normalerweise auf ganz unterschiedlichen Prinzipien beruhen, ist es im Fall von Singapur so, dass der Staat selbst wie ein Unternehmen geführt wird. Deshalb wird sogar die Topografie Singapurs – ein kleines, natürlicherweise vom Meer begrenztes Areal – zum Gegenstand ökonomischer Ausbeutung. Mithilfe von Sand, der hauptsächlich aus Indonesien stammt, wird Landgewinn im großen Stil betrieben. Damit hat sich das Gebiet, auf dem Singapur liegt, entscheidend vergrößert, so dass eine ganz neue Beziehung von Land und Meer entstanden ist. Der Künstler Charles Lim Yi Yong macht die neu gewonnenen Gebiete zu seinem Thema: Weil sie als Steueroasen gelten, haben sich hier viele der reichsten Menschen weltweit niedergelassen. Der so ins Land gespülte Wohlstand hat jedoch nicht nur starke Auswirkungen auf die wirtschaftliche Lage des Landes, er führt auch zu einer grundlegenden Rekonfiguration von Land und Meer.

Samar Yazbek
Gewalt
An zahlreichen Orten der Welt sind Krieg und Gewalt die beherrschenden Determinanten des Staatsmanagements. Dabei wird diese Gewalt, wie die Schriftstellerin Samar Yazbek am Beispiel Syriens zeigt, von allen Konfliktparteien als Herrschaftsinstrument eingesetzt. Hier spielen mediale Bilder eine entscheidende Rolle, um die öffentliche Wahrnehmung zu steuern: „Terroristische“ Gewalt gilt als illegitim, staatliche hingegen als „normal“. Die globale Übertragung gewaltvoller Bildinhalte sind Bestandteil eines Mechanismus, der Erinnerung auslöscht, und somit zur Verfälschung und Instrumentalisierung einer Geschichte beiträgt, in der staatliche Strukturen durch die Herrschaft der Gewalt zersetzt werden.

Boaventura de Sousa Santos
Demokratie
Die heutigen Erscheinungsformen des Nationalstaats sind zunehmend in die Kritik geraten. Wie kann das westliche politische Denken aus dem Zentrum gerückt werden? Und welche neuen demokratischen Möglichkeiten entstehen aus sozialen Bewegungen, die momentan weltweit stattfinden? Der Soziologe und Rechtswissenschaftler Boaventura de Sousa Santos stellt einige neuere Entwicklungen vor, die alternative Formen der Solidarität und der kommunitären Entscheidungsfindung aufzeigen. Die in diesem Zusammenhang neu entstandenen Parteien, sozialen Bewegungen und organisierten Proteste werfen die Frage auf, wie das Erbe europäischer Ideen und die daraus hervorgegangenen Strukturen von „außen“ in Frage gestellt und erneuert werden können.