Das Programm des HKW, inklusive der Ausstellungen, findet zunächst bis einschließlich Sonntag, 01.11.2020 wie geplant statt. Mehr…

Eine Archäologie des Klangs

Mitte der 1990er Jahre begann der Autodidakt Umashankar Manthravadi mit seiner akustisch-archäologischen Forschung: Er vermaß und dokumentierte die Raumdimensionen und akustischen Eigenschaften der Rani Gumpha-Höhle im indischen Bundesstaat Odisha (Orissa). Diese in den Felsen gehauene, doppelgeschossige Höhle, ca. aus dem dritten Jahrhundert v. Chr., war vermutlich ein Kloster, vielleicht aber auch ein Theater. Eines Tages saß Umashankar dort in einem Winkel vor einem wuchtigen Rechner, eigens für die Aufzeichnung auf die Hügel von Udayagiri geschleppt und mit abgezweigtem Strom aus einer Überlandleitung betrieben. Er trug Kopfhörer und war mit Messproben beschäftigt, als ein wissbegieriger Beamter des Archaeological Survey of India auf ihn zukam und fragte: „Und, können Sie sie hören?“

Diese Frage hallt nach in diesem Projekt, das vor allem danach fragt, was es heißt, der Vergangenheit zu lauschen, also dem, was eigentlich für immer außer Hörweite ist. Wer genau ist zu hören? Oder was? Die Menschen, die diesen Ort geschaffen haben. Einst erzeugte Geräusche. Der Frage des Beamten zugrunde lag die seltsame, technikgläubige Gewissheit, dass sich die Vergangenheit erschließen lässt. Doch eine Archäologie des Klangs strebt nicht danach, dem Widerhall an gebauten Flächen Tatsachen zu entlocken, um vergangene Ereignisse in den Räumen zu rekonstruieren. Sie führt im Gegenteil zur grundlegenden Einsicht, dass sich Vergangenes nicht einfangen lässt. Auch Umashankar war von Beginn an überzeugt, dass seine Messungen nichts beweisen würden außer sich selbst. In Odisha lernte er jedoch etwas anderes: dass in den Landschaften der Vergangenheit nicht einfach nur mit Augen nach Theatern gesucht werden kann, sondern sie auch danach abgehorcht werden müssen. Gegenstand einer Archäologie des Klangs ist, was zugleich verloren und für immer vorhanden ist – eine Gleichzeitigkeit des Vergangenen in der Gegenwart, eine überzeitliche Gemeinschaft jenseits allen Besitzens und Anhäufens.

Was heißt das: dem Vergangenen zuhören? Diese Frage richtet die Aufmerksamkeit auf den Klang als gesellschaftliches Ereignis – auf Musik, Theater oder Tanz als Verkörperungen von Verhältnissen. Zugleich macht sie bewusst, dass vom Klang nichts bleibt als seine Abwesenheit. Aufmerksam werden auf das, was fehlt, stört die ausschließliche Konzentration auf das Sichten materieller Beweise, das mindestens seit dem Aufkommen der Archäologie um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Erkundung der Vergangenheit strukturell bestimmt. Tatsächlich kann man es dem forschenden Blick der wissenschaftlichen Archäologie als einem Hauptantrieb der Moderne zum Vorwurf machen, dass er die Vergangenheit für eine Zurschaustellung gesammelt und kolonisiert hat. Denn eigentlich besteht eine Ausgrabungsstätte nicht nur aus Trümmern und Artefakten; sie ist auch eine Chronik all dessen, was an ihr stattgefunden hat. Klangwellen zwischen Resten von Bauten als den verstummten materiellen Archiven zu messen, führt den archäologischen Blick in eine Selbstreflexion. Was davon als Echo zwischen Wänden, Böden, Decken und Säulen von Kammern hin- und hergeworfen wird, trägt in sich Spuren vergangener Ereignisse, die nicht in die Geschichte eingegangen, sondern als Andenken erlebter, von niemandem in Besitz zu nehmender Gemeinschaft latent geblieben sind.

Indem sie antiken und mittelalterlichen Ritual-, Fest- und Theaterorten ihre verborgenen Aufführungspotenziale entlockt, verschiebt eine Archäologie des Klangs die Grenzen zwischen mündlicher Kultur und Schriftkultur, Körperbewegung und gebautem Raum. Nach dem verlorenen Andenken an kollektive Vorstellungswelten zu suchen, hinterfragt somit auch den gewohnten Begriff einer Vormoderne als Gegenbild zur Moderne. Es wendet sich gegen eine unablässige zeitgenössische Legendenbildung, die die Vergangenheit in voneinander isolierte Sprachen und unumschränkte Hoheiten als Materialien der Geschichte zerlegt. Sich auf die Statik des Vergangenen einzustimmen, auch um dem Lärm der Gegenwart beizukommen, ist zugleich ein Appell, den dramatischen Veränderungen heutiger akusmatischer Landschaften ein Ohr zu leihen. Ob es so auch gelingt, das unzugänglich Gewordene zu hören – den historischen Wandel der Sinneswahrnehmung in der Moderne?