Einleitung: Deberlinisierung – eine List?
Ein Ort: Berlin, die deutsche Hauptstadt
Eine Ära: das ausgehende 19. Jahrhundert (1884/85)
Die Akteure: alle Staats-und Regierungschefs der damaligen europäischen Großmächte, des Osmanischen Reiches und der Vereinigten Staaten
Ein Ereignis: ein Treffen zur Festschreibung des Kolonialprojekts, also zur Aufteilung von Gebieten sowie Einfluss-und Ausbeutungszonen in anderen Teilen der Welt
Das langfristige Ziel: die Stärkung der europäischen Macht auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene
Das kurzfristige Ziel: die Auflösung europäischer Rivalitäten, bevor sie sich auf Afrika ausweiten
Die vorgesehenen Mittel: militärische Eroberung, Verbreitung neuer anthropologischer und religiöser Symbolik, Schaffung neuer Bedürfnisse durch Außenhandel, systematische Ausbeutung von Humankapital und natürlichen Ressourcen

Der Palast des Reichskanzlers des Deutschen Reiches in der Berliner Wilhelmstraße. Stich um 1878 von Gottlob Theuerkauf, Illustrirte Zeitung 70 (1878), S. 329. Wikimedia Commons
Berlin und sein Geist schließen das 19. Jahrhundert ab und leiten das 20. ein. Letzteres brachte keineswegs Frieden, sondern verwickelte vielmehr Deutschland zwischen 1914 und 1918 in einen gewaltsamen Krieg. Die Neugestaltung der Einflusszonen in der Welt führte zu militärischen Konflikten und veränderte damit die politischen Landkarten Europas und Afrikas. Über diese weltweite Umwälzung hinaus fand die Berlinisierung als Prozess der Aufteilung und Aneignung 1919 ihren Niederschlag im Vertrag von Versailles, der den Nährboden für den Zweiten Weltkrieg schuf.[1] Afrika sollte in der Folge das gesamte 20. Jahrhundert damit verbringen, auf seinen schmerzenden Schultern die Last der Berlinisierung zu tragen: des kolonialen Geists und all seiner Machenschaften (religiöser, politischer, rhetorischer, künstlerischer, erkenntnistheoretischer und ethischer Art). Eine Frage drängt sich auf: Wenn Deberlinisierung darin besteht, Berlin und seinem Geist den Rücken zu kehren, warum findet dann ein Treffen zur Deberlinisierung in Berlin statt? Lässt sich darin eine Art List erkennen, durch die Berlin (das hier alle Länder repräsentiert, die an der Konferenz von 1884/85 teilgenommen haben) den Prozess der Deberlinisierung kontrollieren würde? Fest steht: Dieses Treffen zur Deberlinisierung findet in Berlin statt, obwohl eine Verlagerung des Ortes die Diskussion über die Deberlinisierung bereits räumlich und symbolisch hätte deberlinisieren können.
Diese Überlegungen erfordern eine Präzisierung dessen, was „Berlin“ im Rahmen der Deberlinisierung bedeutet. Die Stadt ist nicht nur der Ort, an dem 1884/85 die Aufteilung der Welt vollzogen wurde, sondern auch ein Beispiel für die Verwandlung eines Ortes in ein Projekt. Dieses Projekt betraf sowohl die Transformation der kolonialisierten Völker, ihre Beziehungen zu anderen als auch ihre Sichtweise auf Institutionen. Berlin war ein Projekt der Zerrüttung alles Eigenen zugunsten einer erzwungenen und schlecht verarbeiteten Europäisierung. Berlin etablierte antagonistische Beziehungen durch die Vertreibung von Bevölkerungsgruppen, die Veränderung von lokalen Sprachen und der Sprachen der Kolonialmächte, die Neugestaltung der Wohnverhältnisse, die Zerschlagung bestehender Institutionen, die Bewirtschaftung und Inbesitznahme von Boden und Bodenschätzen sowie die Auferlegung bestimmter Formen der Gestaltung des Zusammenlebens unter der Akzeptanz jener Realität, die man mangels eines besseren Begriffs auch heute noch „Kolonialstaat“ nennt. Wenn Berlin weniger ein Ort als vielmehr ein Projekt ist, das nicht nur Deutschland, sondern das kolonisierende Europa in seiner Gesamtheit betrifft, dann kann dieses Projekt überall in Europa und sogar in Afrika diskutiert werden, denn die „Berliner Konferenz“ war keine deutsche, sondern eine globale Angelegenheit. Der Ort (Berlin) spielt keine Rolle. Es geht darum, den Geist von Berlin, der ein Triumph des „Eroberungsgeistes“ war, in einen größeren Zusammenhang zu stellen.[2] Zu diesem Zweck möchte ich im Folgenden die Deberlinisierung als Kritik, Poetik und Klinik verstehen.
I. Eine Kritik – Deberlinisierung oder wie man Distanz schafft
I.1. Deberlinisierung – eine Form des Gedenkens?
Gedenken ist eine wiederkehrende Bewegung, die vergangene Ereignisse in Erinnerung ruft, um sie einer erneuten Analyse zu unterziehen, wobei der Blick auf die Geschichte gerichtet sein kann oder auch nicht. Das Gedenken kommt nicht ohne Ritualisierung aus; gerahmt wird es oft von einer rituellen Inszenierung mit einer festgelegten Sprache, Formeln und Ermahnungen. In seiner Beschwörung der Erinnerung und der Geschichte ist das Gedenken zweideutig: zugleich Weckruf und Routine, die echte Erneuerung verhindern. Diese würde Distanz erfordern, ein Ins-Verhältnis-Setzen und vor allem eine Neuerfindung. Es sei an die Bemerkung von Paul Ricoeur über eine gewisse Sterilität von Gedenkfeiern erinnert: „Die wachgehaltene Erinnerung schlägt nun ins feierliche Gedenken mit seiner Besessenheit von einer endlichen, abgelaufenen Geschichte um.“[3] Die Deberlinisierung sollte nicht zu einer Gedenkfeier mit Ritualen und Hohepriester*innen werden. Das Gedenken kann erstarren und eine Bewegung zum Stillstand bringen, während die Deberlinisierung – eine Form der Kritik für Menschen aus Afrika am „Geist von Berlin“, der die Kolonisierenden beseelte und von den Kolonisierten verinnerlicht wurde – ein gemeinsames Streben nach einer einigermaßen sicheren afrikanischen Zukunft darstellt. Die Deberlinisierung darf also kein Gedenken sein, sondern muss als Akt der Erneuerung verstanden werden, der auf neue Anstöße wartet.
I.2. Deberlinisierung – ein Ressentiment?
Ohne Zweifel ist die Deberlinisierung das Ergebnis einer für Afrika schmerzhaften Geschichte. Man denke an den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, der von der deutschen Kolonialmacht im heutigen Namibia an den Herero verübt wurde; es ließen sich auch die willkürlichen Hinrichtungen durch verschiedene Kolonialmächte anführen, wobei die belgische Kolonialherrschaft im Kongo besonders grausam war; nicht zu vergessen sind die Landnahme und Plünderung von Kunstgegenständen – doch ich bin der Ansicht, dass all dies ohne Ressentiment analysiert werden sollte. Ressentiment kann dazu führen, dass die eigentlichen Herausforderungen der wiedergutmachenden Gerechtigkeit verfehlt werden, um die es bei der Deberlinisierung gehen muss. Ressentiment ist unterdrückter Hass und rastloses Grübeln, das den Geist vergiftet. Max Scheler definiert es als „seelische Selbstvergiftung“. Und weiter: „Die hier an erster Stelle in Betracht kommenden Gemütsbewegungen und Affekte sind: Rachegefühl und -impuls.“[4] Während Wut explodiert – mit körperlichen Anzeichen bei Zornigen, die schon Seneca beschreibt[5] –, ist Ressentiment verborgen: Es explodiert nicht, sondern wird immer wieder durchgekaut. Es ist instinktiv und leicht zu wecken, weil es die Bedingungen der Möglichkeit dessen, was geschehen ist und nicht mehr geschehen darf, nicht hinterfragt. Das Ressentiment begnügt sich mit der Erinnerung und der Forderung, erschafft aber keine neuen Wege, auf denen sich das Abenteuer der in Konflikt stehenden Gruppen (Kolonisierende und Kolonisierte) vollziehen kann. Wenn sich durch den Groll die politische und ethische Frage der Gerechtigkeit auf Arithmetik reduziert – man misst, was getan wurde, man rechnet auf und erstellt Listen dessen, was zurückgezahlt werden muss –, wird damit die existentielle Sicht auf die Koexistenz der Völker durch eine buchhalterische ersetzt. Durch die Deberlinisierung stellt sich die allgemeine Frage nach der Herrschaft bestimmter Menschen über andere. Das Ressentiment, das aus dieser Herrschaft resultieren kann, beruht auf Rache – wobei Zahlungen eine wirtschaftliche Form der Rache sind: Du hast gestohlen, also bezahle! Es wirft jedoch nicht die Frage nach den Bedingungen auf, unter denen dieses bei Menschen stets vorhandene Gefühl möglich ist, nämlich der Wunsch, andere zu beherrschen und zu kontrollieren. Das Ressentiment überwindet nicht das Unvernehmen, das eine bestimmte Art von Sprechsituation ist: „jene, bei der einer der Gesprächspartner gleichzeitig vernimmt und auch nicht vernimmt, was der andere sagt“.[6] Im Gespräch entstehen Missverständnisse, wenn alle dieselben Worte verwenden und jede*r sie anders versteht.
Um das Klima einer wirklich wiedergutmachenden Gerechtigkeit zu schaffen, die hoffentlich Gegenstand der Deberlinisierung sein wird, muss die Atmosphäre des Ressentiments einer Atmosphäre der aufmerksamen Auseinandersetzung weichen, die sich nicht auf die bloße Bestandsaufnahme der Kunstgegenstände beschränkt, die während der Kolonialzeit in Afrika geraubt wurden, sondern die geheimen Triebkräfte der libido dominandi hinterfragt, die Völker dazu getrieben hat und noch immer dazu treibt, andere zu überfallen und zu unterwerfen. Die Schriftstellerin Maryse Condé, die sich mit der Atmosphäre des Ressentiments beschäftigt, schreibt über das Aufarbeiten der Geschichte unterdrückter Völker: „Muss man den Menschen ständig vorwerfen, was sie einmal waren? Müssen wir den Engländern, den Amerikanern, den Franzosen, den weißen Guadeloupern und den Békés aus Martinique ewig die Verbrechen ihrer Vorfahren, die Menschen versklavten, vorhalten? Wir müssen weiterkommen.“[7] Deberlinisierung würde bedeuten, gemeinsam weiterzukommen, wobei alle die Last ihrer Geschichten tragen (der historischen wie der erzählten).
II. Eine Poetik – Deberlinisierung oder wie man sich neu erfindet
II.1. Bewohnen
Eine Deberlinisierung, die künftig sowohl eine Veränderung von sich selbst als auch von anderen sein wird, vollzieht sich zunächst durch die Art und Weise, wie Menschen sich zu Orten verhalten. Die Berlinisierung war eine Besetzung von Orten, bevor sie eine Besetzung der Köpfe war. Wie Orte gestaltet und bewohnt werden, muss also die grundlegende poetische Frage sein. Im „Bewohnen“ lassen sich Perspektiven erkunden, die verbunden sind mit der Architektur, der Urbanisierung („wohnen“ als Indikator für soziale Schichtung), der Organisation und Symbolisierung des Raums (Formen der Landwirtschaft und der Raumnutzung) sowie der ökologischen Dimension (die Auswirkungen des „Wohnens“ auf das Verhältnis zur Natur). Was bedeutet es, die Zeiten von Naturkatastrophen zu bewohnen? Was bedeutet es, in einer afrikanischen Stadt oder einem Slum in einem Müllcontainer zu leben? Die Deberlinisierung bezieht sich hier auf die Bewertung des Gesellschaftsvertrags – wie „sozial“ ist der contrat social überhaupt? Nein, Jean-Jacques Rousseau ist weit weg![8] Und was ist mit dem gesellschaftlichen Verhältnis zur Natur? Ja, in ökologischer Hinsicht ist Michel Serres näher dran![9] Dessen Begriff des Naturvertrags beschreibt das Beziehungsgeflecht des Müllcontainers: zwischen dem bewussten Subjekt, das im Müllcontainer lebt und isst, und den dortigen Fliegen, Regenwürmern und Maden.
Was bedeutet es, in Afrika an einem kontaminierten Ort zu leben, der das Ergebnis des Abbaus afrikanischer Bodenschätze ist? Bitte wählen Sie zwischen drei Möglichkeiten: erstens Mounana, einer Gegend in Gabun mit hoher radioaktiver Belastung;[10] zweitens dem Ogoniland am Nigerdelta in Nigeria, einer Region, in der Boden, Wasser, Tiere und Vögel in giftigen Ölrückständen getränkt sind;[11] oder drittens den toxischen Müllhalden von Côte d’Ivoire.[12] Das eigentliche Dilemma der Deberlinisierung in Bezug auf die „Wohngesundheit“ ist das folgende: Entweder leben Menschen auf einer Müllhalde zusammen mit Maden, Bakterien, Ratten und Kakerlaken, was durch die Wirkung von Parasiten, Krankheiten und menschliche Fahrlässigkeit schließlich zu einem „natürlichen“, ökologischen Tod führt – oder sie bewohnen einen Ort, der durch die industrielle Tätigkeit großer ausländischer Unternehmen kontaminiert wurde, die mit Hilfe der Menschen vor Ort selbst die Berlinisierung der afrikanischen Natur fortsetzen, was durch massenhaftes Auftreten von Leukämie und diverse Atemwegserkrankungen schließlich zu einem „genetisch veränderten Tod“ führt. Inwieweit ist das „Bewohnen“ dann eine Form der Qual oder der Resilienz? Und bei freiwilliger oder erzwungener Migration: Was bedeutet es, in prekären Verhältnissen zu leben?
II.2. Erschaffen, betrachten und berühren – die Frage nach ästhetischen Formen
Die erste Form der Schöpfung auf ästhetischer Ebene besteht darin, „die Sinne zu deberlinisieren“, durch die ästhetische Formen in Malerei, Bildhauerei, Musik oder Literatur geschaffen werden. Die Berlinisierung der Kunst bestand nicht nur darin, dass afrikanische Kunstgegenstände geraubt wurden, und die Deberlinisierung besteht nicht einfach darin, sie aus Europa und anderen Teilen der Welt zurückzuholen. Diese Form der Deberlinisierung ist die vulgärste von allen, denn sie inszeniert den Kreislauf von Kunstobjekten, also sichtbaren, greifbaren Objekten, die monetär bewertbar und symbolisch entweiht sind. Die Berlinisierung hat vielmehr auch kulturelle Grenzen gezogen und kleine Völker gespalten (so wie die Ewe, aufgeteilt zwischen Togo und Ghana).
Die Berlinisierung, verstanden als Isolation, Trennung und willkürliche Grenzziehung, ist bisweilen eine gute Beschreibung für die Funktionsweise der Sinneswahrnehmung, die zur ästhetischen Schöpfung beiträgt. Das Visuelle (das Sehen) ist getrennt vom Taktilen (dem Tasten); das Olfaktorische (das Riechen) ist wiederum getrennt vom Visuellen und Taktilen und so weiter. Diese Grenzkontrolle (eine „Berlinisierung unserer Sinne“) hat die ästhetische Wahrnehmung geprägt. Eine Deberlinisierung besteht hier darin, auf ästhetischer Ebene die harten Grenzen zwischen Tasten und Sehen, zwischen Riechen und Sehen aufzuheben.[13] Für Gilles Deleuze begnügt sich das Auge nicht nur mit dem Sehen, es berührt das Objekt auch; als würde sich das Auge an einer Oberfläche reiben. In Anlehnung an Alois Riegl bezeichnet Deleuze diese taktile Funktion des Auges als „haptisch“. Das bedeutet, dass sich mit dem Tastsinn etwas betrachten und mit dem Blick etwas berühren lässt. Auf der Ebene des Subjekts, das künstlerische Formen erschafft, besteht somit eine Austauschbarkeit zwischen dem Taktilen und dem Optischen.[14] Die ästhetische Deberlinisierung ist also eine Aufhebung der falschen Grenzen zwischen den menschlichen Sinnen, die, ausgehend von der Austauschbarkeit zwischen dem Taktilen und dem Optischen sowie zwischen Optischen und dem Olfaktorischen, es ermöglicht, neue Objekte und neue ästhetische Formen zu erschaffen.
III. Eine Klinik – Deberlinisierung oder Arten der Fürsorge
III.1. Menschliche Vermittler*innen
Die Deberlinisierung bringt eine Krise der Vermittlungsinstanzen ans Tageslicht, die ihre Botschaft und ihr Projekt umsetzen sollen. Die Götter der vorherrschenden Monotheismen hatten stets Vermittler (Engel), die damit beauftragt waren, den Menschen Nachrichten – gute, schlechte oder sogar peinliche – zu übermitteln. Die Deberlinisierung genießt diesen Vorteil noch nicht: Sie muss echte Vermittlungsinstanzen finden, die das Projekt der Abstraktion von Bürokratien, Budgets und festgelegten Diskursen in die Tat umsetzen. Es wird bereits über die Finanzierung der Deberlinisierung als erste Form der Vermittlung nachgedacht, ganz im Sinne der Mentalität der instrumentellen Rationalität, die alles auf materielle Interessen reduziert. Dabei wird übersehen, dass ein Projekt nicht deshalb gelingt, weil viel Geld hineingesteckt wird, sondern weil es den Menschen, die es umsetzen sollen, etwas sagt. Alles liegt in diesem Begriff des „Etwas“, des gewissen Etwas, das sich nicht leicht definieren lässt – dem den Völkern innewohnenden Elan, der diese nicht nur dazu antreiben kann, sich der Schwere ihrer Endlichkeit bewusst zu werden, sondern angesichts repressiver Kräfte auch den Mut zu eigener Größe zu bewahren. Die Deberlinisierung, die hier darin bestünde, den Impuls zu finden, der die Völker beflügelt, ist ein Element in einem umfassenderen anthropologischen Projekt: dem der Bewahrung des Lebens.
Die kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Eliten Afrikas wären die zweite Vermittlungsinstanz. Diese formulieren Forderungen, sie deberlinisieren, erledigen die „Hausaufgaben unter Aufsicht“ – wie fleißige, aber zum Schummeln neigende Schüler*innen – und schreiben weitere von den Lehrkräften (den Kolonialmächten und Geldgeber*innen) geforderte Berichte, prangern den postkolonialen Staat, die Kolonialisierung und die Globalisierung an. Allerdings steht zu befürchten, dass die radikal gedachte Deberlinisierung von diesen Spezialist*innen der subventionierten Revolte und Wut, die den Gesetzen des Spektakels, der Industrie und der Politik unterworfen sind, abgeschwächt und verfälscht wird.
Könnten afrikanische Völker selbst andere Formen der Vermittlung ermöglichen? Eingeschränkt durch die Unmittelbarkeit, zerstreut, berauscht von falscher Begeisterung und geschwächt, versuchen sie, sich neu zu erfinden … bevor sie irgendetwas deberlinisieren. Könnte die Jugend auf dem afrikanischen Kontinent eine Hoffnungsträgerin sein? Sie sucht keinen eigenen Weg (mehr), den Blick auf die Bildschirme gesenkt; feindselig gegen Geschichte im großen Maßstab, da sie der ständigen Suche nach Jobs und der Pflege ihrer Follower unterworfen ist, plappert sie, gibt vor zu sein, was sie nicht ist, verzerrt ihre Vorbilder – aus Sport, Musik, Mode und Religion –, durchläuft in ihren von TikTok geprägten Gehirnen eine tiefgreifende Transformation des eigenen Kapitals aus Träumen und Trieben, während die digitale Sphäre ihr eine Welt ohne Tiefe beschert. Sie kann Anklage, Rechnungswesen und Deberlinisierung nicht auseinanderhalten. Als klinisches Phänomen ist Letztere eine Selbstreflexion der afrikanischen Kulturen über die ihnen zugrunde liegenden Tabus und vor allem über ihre Habsucht und ihre Schwächen, die es der Berlinisierung ermöglicht haben, sich zu etablieren, verklärt zu werden, afrikanische Akteur*innen zu gewinnen und durch vielfältige Rechtfertigungsdiskurse ihr Gesetz zu diktieren.[15] Als Klinik wird die Deberlinisierung – auf dem Markt der gegenwärtig im Großen wie im Kleinen herrschenden Unwissenheit – eine Weisheit reaktivieren, die bei Menschen in Afrika die libido cognoscendi wiedererwecken wird.
III.2. Versöhnung
Die Deberlinisierung könnte eine Art Versöhnung sein. Diese lässt den Streit nicht verschwinden, denn das Erinnerungsvermögen ist dazu da, an das begangene Unrecht zu erinnern. Versöhnung führt nicht zu Einstimmigkeit, zur Auslöschung des Selbstbewusstseins und zu einer negativen Synthese, die Unterschiede ausblendet. Versöhnen bedeutet, Prozesse in Gang zu setzen, Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten zu teilen und vor allem die Dynamik der gegenseitigen Anerkennung wieder zu beleben. Versöhnung ist nicht der Frieden der Tapferen, bei dem sich Völker und Individuen, kampfesmüde, an einen Tisch setzen, um an einer Notlösung zu basteln. Die Deberlinisierung wird ihr historisches Ziel erreicht haben, wenn es ihr gelingt, zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten eine Atmosphäre des Friedens zu schaffen. Dieser ist nicht, wie Spinoza sagt, „die Abwesenheit von Krieg“, sondern eine permanente Erziehung zur fragilen Beziehung, zur Stärkung der Vermittlungsinstanzen, zur Neubetrachtung von Situationen, zur Bewertung von Risiken und Machtverhältnissen – kurz gesagt geht es um jene spannungsgeladene Konstellation, die zugleich die Gewalt in Schranken weist, Emotionen reguliert, die Vorstellungskraft anregt und das zentrale Anliegen wiederbelebt: das eines würdigen und freien Lebens in einer sozialen Koexistenz, in der Spannungen (die sich nicht auflösen lassen) nicht zu Triebkräften der Zerstörung, sondern zu Gelegenheiten des Wiederaufbaus werden. Auf dieser Ebene ist die Deberlinisierung eine Suche nach neuen Vermittlungsformen – ohne eine „kannibalische Versöhnung“ zwischen den Völkern, die ihre übliche Begleiterin längst verschlungen hätte: die Gerechtigkeit!
Fazit: Eine Kritik, eine Poetik und eine Klinik – Deberlinisierung als Wagnis
Weder eine Doktrin (diese kann das Doktrinäre und die Folter hervorbringen), noch ein Dogma (das für Ketzerei sorgt), noch eine wirtschaftliche Investition (die Unwägbarkeiten der Börsenspekulation sind wenig beruhigend), noch eine politische Partei (in der strategisches Denken Kreativität und Humor hemmt), noch eine Sekte (die immer einen hohen und einen niederen Klerus ausbildet), noch ein Alibi (von dem nur Opportunist*innen profitieren) – die Deberlinisierung ist eine Wette auf die Zukunft, auf das besorgte Afrika, auf die verantwortungsvolle und offene Auseinandersetzung mit diesem historischen Streitfall, auf die Menschen und auf den Zuspruch für das Überleben alles Lebendigen.
Aus dem Französischen von Birthe Mühlhoff
Dieser Text ist erschienen in Deberlinisierung. Die Welt neu erzählen: eine Theorie der Praxis. Festschrift, Berlin, Zürich: Diaphanes, 2026. Eine englische Ausgabe ist ebenfalls erhältlich.
[1] Siehe Patrick de Gmeline, Versailles 1919. Chronique d’une fausse paix, Paris: Presses de la Cité, 2001.
[2] Siehe Benjamin Constant, „Vom Geist der Eroberung und der Usurpation in ihrem Verhältnis zur europäischen Zivilisation“, in: Axel Blaeschke und Lothar Gall (Hg.), Werke, Bd. 3, übers. von Eva Rechel-Mertens, Berlin: Propyläen, 1972 [1814].
[3] Paul Ricoeur, Gedächtnis, Geschichte, Vergessen, übers. von Hans-Dieter Gondek, Heinz Jatho und Markus Sedlaczek, München: Fink, 2004, S. 627.
[4] Max Scheler, „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“, in: Vom Umsturz der Werte, Gesammelte Werke, Bd. 3, Bern: A. Francke AG Verlag, 1972 [1912], S. 38.
[5] Siehe Seneca, De ira (1. Jahrhundert), in: Philosophische Schriften. Erster Band. Dialoge. Dialoge I–VI, übers. von Otto Apelt, Hamburg: Meiner, 1993.
[6] Jacques Rancière, Das Unvernehmen. Politik und Philosophie, übers. von Richard Steurer, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2002, S. 9.
[7] Maryse Condé, Histoire de la femme cannibale, Paris: Mercure de France, 2003, S. 296.
[8] Siehe Jean-Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundsätze des Staatsrechtes, Frankfurt a. M.: Fischer, 2005 [1762].
[9] Siehe Michel Serres, Der Naturvertrag, übers. von Hans- Horst Henschen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1994.
[10] Mounana ist eine Kommune in Gabun, in der das Bergbauunternehmen COMUF Uran abbaute. Die gesamte Region ist nach wie vor durch Radioaktivität verseucht, die (je nach Bericht) drei- bis viermal höhere Werte erreicht als normal. Der Fluss Mitembe und seine Fische, die Vegetation, die Tiere, die Luft, die man dort atmet, und der Boden sind hochradioaktiv. Der Anstand verbietet es, Prognosen darüber abzugeben, was mit den heutigen Bewohner*innen und ihren Nachkommen geschehen wird. Siehe nuclear-risks.org/de/hibakusha-weltweit/mounana.html
[11] Siehe Olof Lindén und Jonas Pålsson, „Oil Contamination in Ogoniland, Niger Delta“, Ambio 42/6 (2013), S. 685–701.
[12] Es handelt sich um den Skandal um das Frachtschiff Probo Koala. Im Jahr 2006 wurden an mehreren Stellen in Abidjan giftige Abfälle von dem Schiff abgeladen, das von einem ausländischen Unternehmen gechartert war. Es kam in der Folge zu mehr als 43.000 Vergiftungsfällen unter der ivorischen Bevölkerung.
[13] Der Philosoph François Noudelmann liefert ein ästhetisches Beispiel dieser Art: Siehe François Noudelmann, Penser avec les oreilles, Paris: Max Milo, 2019.
[14] „Mehrere praktische und theoretische Begriffe sind geeignet, eine nomadische Kunst [...] zu definieren. Zunächst die ‚nahsichtige Auffassung‘ im Unterschied zur Wahrnehmung aus der Ferne; dann der ‚taktile‘ oder vielmehr ‚haptische Raum‘ im Unterschied zum optischen Raum. Haptisch ist ein besseres Wort als taktil, da es nicht zwei Sinnesorgane einander gegenüberstellt, sondern anklingen lässt, daß das Auge selber diese nicht-optische Funktion haben kann.“ Gilles Deleuze und Félix Guattari, Kapitalismus und Schizophrenie, Bd. II: Tausend Plateaus, Berlin: Merve, 1992, S. 682.
[15] Ich verwende den Begriff der Klinik im Sinne von Gilles Deleuze. Siehe Deleuze, Kritik und Klinik, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2000.