Fr, 02. November 2018

Radiophones Funkkolleg III: Politiken des Raumhörens

Mit Lino Camprubí, Marko Peljhan, Sebastian Kunas und Emeka Ogboh

Im Radio fallen zwei Räume ineinander: der Raum der Aufnahme und der Raum der Wiedergabe. Dadurch ist das Radio einerseits ein Medium der Ortlosigkeit, schließlich sind seine Stimmen und Geräusche stetig und allgegenwärtig. Andererseits ist das Radio Medium der Orientierung, es beschwört mit O-Tönen die Gegenwart des Lokalen und dient als Technologie der Standortbestimmung und Vermessung. Das Verhältnis des Aufnahmeraums zum Wiedergaberaum ist immer auch ein politisches. Wer hört was? Wer bringt was zu Gehör? Wer oder was bleibt stumm? Wer vermag es, neue radiophone Räume zu erschaffen?

Der Wissenschaftshistoriker Lino Camprubí stellt das Hören als Orientierungs- und Vermessungstechnologie vor. Der Künstler Marko Peljhan experimentiert mit den unerschöpflichen Ressourcen des magnetischen Spektrums. Der Musiker Sebastian Kunas untersucht die virtuellen Räume, die von den radiophonen Apparaturen geschaffen werden. In der Arbeit von Emeka Ogboh überlagern sich die Soundscapes von Berlin und Lagos.

Lino Camprubí: Finding your Way in the Ocean’s Soundscape
Der radiophone Raum teilt eine Reihe von Eigenschaften mit dem Ozean. Der eine wie der andere entzieht sich Konzepten wie Territorialität, Sichtbarkeit und Stabilität und stellt damit westliche Ontologien in Frage. Paradoxerweise ermöglichen es aber radiophone Technologien, den Ozean zu vermessen, auf ihm zu navigieren und in seine Tiefen zu „sehen“. Diese Messungen gehen dabei weit über Verfahren der physischen Geografie hinaus: Wie werden auf See Grenzen gezogen? Wie orientieren sich U-Boote in tiefen Gewässern? Wie lassen sich in Seenot geratene Boote orten? Lino Camprubí untersucht in seinem Beitrag Schalltechnologien und ihre politischen, technologischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen unter besonderer Berücksichtigung des radiophonen Raums Mittelmeer.

Marko Peljhan: Star Valley (Icarus)
Das elektromagnetische Spektrum ist eine natürliche Ressource, die moduliert, überwacht und transformiert werden kann. Obwohl diese Ressource unerschöpflich ist, ist es von weitreichender politischer Bedeutung, wer sie wie nutzt. Marko Peljhan arbeitet in seinem Beitrag mit einem manipulierten Löschfunksender. Diesen Sender, einen der ersten Apparate zur Funkübertragung, lässt er von einem künstlichen neuronalen Netz steuern, dem militärische Codes beigebracht wurden. Aus einem Set von Militäreinheiten, -befehlen und -strategien generiert es selbstständig imaginäre Operationen im elektromagnetischen Feld.
Entwickelt wurde Star Valley (Icarus) gemeinsam von Marko Peljhan und Matthew Biederman.

Sebastian Kunas: Politics of Hyperspace
Hall und Echo vermitteln räumliche Strukturen akustisch. Seit es Aufnahme- und Wiedergabetechniken gibt, können Hall und Echo von ihren Kontexten gelöst und akustische Raumstrukturen unabhängig von ihren materiellen räumlichen Gegebenheiten reproduziert werden. Die Apparate der Tonstudios, die Hall- und Echomaschinen, die Metallkörper, Tonbänder, elektrischen Schaltungen und Algorithmen vermögen akustische Räume zu produzieren, die keine Entsprechung mehr außerhalb der radiophonen Konstellation haben. Sebastian Kunas untersucht in seinem Beitrag diese Räume und ihre Akteur*innen. Welche Erzählungen stecken in den Wänden des radiophonen Hyperraums? Welche sonischen Lebensformen bringt er hervor?

Emeka Ogboh: I sneak into Lagos in a Yam Truck
In welchem Verhältnis stehen Ort und Klang zueinander? Was für ein Raum entsteht, wenn Klang von seiner physischen Umgebung isoliert wird? Welche Menschen bewohnen diese Räume und was sind ihre Bedürfnisse? Der Titel von Emeka Ogbohs Performance bezieht sich auf ein Gedicht von Akeem Lasisi, das sich mit den Illusionen und Desillusionen von Migrationsprozessen beschäftigt. Emeka Ogbhoh überlagert Klanglandschaften aus Lagos und Berlin und schafft damit einen Raum, in dem die beiden Städte aufeinandertreffen.

Teil von Der Ohrenmensch