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Fr, 02. November 2018

Radiophones Funkkolleg II: Die Störung der Zukunft

Mit Wolfgang Hagen, Alexandra Hui, Mara Mills und Marina Rosenfeld

Wesentliches Merkmal der Radiophonie ist die Störung: das Rauschen zwischen den Frequenzen, die plötzliche Funkstille, die Überlagerung von Stimmen, das Quietschen des Tonbandes. Entlang dieser Momente entwickelten sich spezifische Techniken und Ästhetiken. Das unbeabsichtigte Geräusch wird zum Träger von Bedeutung, zum eigenständigen Klang. Da die Richtung, in die die Störung weist – und aus der sie kommt –, gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen unterliegt, wohnt ihr stets ein utopisches Moment inne: In der Störung kann alles in jedem Moment ganz anders werden. Die Digitalisierung hat die Störung unterdrückt, wenn nicht abgeschafft. Bedeutet dies das Verschwinden eines ästhetischen und gesellschaftlichen Möglichkeitsraums, oder lässt sich das Potenzial der Störung bewahren?

Der Medienwissenschaftler Wolfgang Hagen untersucht die prophetischen Kräfte radiophoner und digitaler Konstellationen. Die Historikerin Alexandra Hui zeigt anhand ihrer Recherchen zum “Nature Conservation Radio” des 20. Jahrhunderts die Komplexität der gesellschaftlichen Verständigungsprozesse, die die Radiophonie ermöglicht und provoziert. Die Historikerin Mara Mills und die Musikerin Marina Rosenfeld suchen in den Archiven der ehemaligen Bell Laboratories nach alternativen radiophonen Zukünften.

Wolfgang Hagen: Das Radio und die Aprophetie des Digitalen
Digitale Medien und digitalisierte Daten tragen den Tausch von Entropie gegen Wissen als eine Art materielle Erbschaft in sich. Elektronische Medien, insbesondere das Radio, verdanken sich historisch einer Prophetie, die einen Überschuss an Unwissenheit über die Elektrizität enthielt und einer Idee von Natur als von keinem Beobachtungsgerät berührter Vergänglichkeit anhing. Digital wiederum existieren die elektronischen Medien im Feld statistischer Prognosen Künstlicher Intelligenz, von Big Data und Deep Learnings. Wie lässt sich dieser Aprophetie begegnen?

Alexandra Hui: Nature Conservation Radio
Mitte des 20. Jahrhunderts strahlten Radiosendungen in den USA Naturgeräusche aus, die in freier Wildbahn aufgenommen wurden, und ermutigten ihre Hörer*innen, diese radiophonen Klanglandschaften mit denen ihrer direkten Umgebungen zu vergleichen. Indem sie in ihren Wohnzimmern diesen ortlosen Klängen lauschten, fügten die Zuhörer*innen ihren persönlichen Klangwelten neue Klänge und Bedeutungen hinzu. Sie machten sich mit Geräuschen von Tieren vertraut, denen sie wahrscheinlich nie begegnen würden. Alexandra Hui untersucht diesen Prozess und stellt ihn ins Verhältnis zu der zunehmenden Standardisierung und Universalisierung von Klängen als taxonomische Signifikanten.

Mara Mills: A Field Guide to Interference
Um 1900 entstand an der Schnittstelle von drahtloser und drahtgebundener Telekommunikation das Konzept der Funkstörung. Frühe Versuche, diese Interferenzen zu klassifizieren, unterscheiden zwischen „Übersprechen“ (crosstalk), „Rauschen“ (static) und „Summen“ (hum). Über die neutrale Logik von Qualitätskontrollen hinaus entwickelte sich damit einhergehend eine aggressive Rhetorik um die Beseitigung dieser Störungen. Mara Mills untersucht die Anfänge in Forschung und Diskurs zum Thema der Funkstörung.

Marina Rosenfeld: Deathstar Orchestration
Ende der 1990er Jahre entwickelte AT&T ein multimediales Mikrofonsystem zur „perzeptiven Klangfeldrekonstruktion“, einer Aufnahme- und Wiedergabetechnik, die darauf abzielte, das subjektive Erlebnis eines akustischen Raumes in einem anderen Raum zu reproduzieren. Rosenfeld hat ihr Exemplar dieses Apparats, das sie „Deathstar“ nennt, verschiedenen Architekturen, Störungen und Verzerrungen ausgesetzt. Die daraus entstandenen Aufnahmen stellen die Basis dar, von der aus Rosenfeld über eine alternative technologische Zukunft spekuliert, in der die Standardisierung von Kommunikation nicht zur Vernichtung der Individualität von Wahrnehmung führt. Rosenfeld stellt die Entwicklung ihrer Arbeit und ausgewählte Klangfelder des „Deathstar“ vor.

Teil von Der Ohrenmensch