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Sa, 02. September 2017

Kosmismus, Universalismus, zeitgenössische Kunst

Vorträge von Trevor Paglen und Arseny Zhilyaev, Gespräch mit Hito Steyerl und Anton Vidokle, moderiert von Anselm Franke

Trevor Paglen:
Vergiss Fjodorow!

In seinem Vortrag untersucht Paglen das Verhältnis von Raum, Zeit und Erkenntnistheorie in Nikolai Fjodorows Philosophie und reflektiert dabei, welchen Einfluss dessen Ideen auch auf seine eigenen Arbeiten haben. Paglens Ziel ist es, das Potential von Fjodorows Ideen für eine neue Vorstellung politischer und epistemologischer Systeme nutzbar zu machen. Gleichzeitig lässt er aber auch die Probleme und Hinfälligkeiten in Fjodorows gesamtphilosophischem Projekt nicht aus dem Blick.

Trevor Paglen ist ein vielfach ausgezeichneter Künstler, dessen Arbeit Malerei, Skulptur, investigativen Journalismus, Text und technische Konstruktion umfasst. Zu seinen Hauptanliegen gehört die Frage, wie sich der gegenwärtige historische Moment in den Blick nehmen und mit welchen Mitteln sich alternative Zukünfte imaginieren lassen. Paglens Arbeit wurde in Einzelausstellungen an der Wiener Secession, am Van Abbemuseum Eindhoven, im Frankfurter Kunstverein und bei Protocinema Istanbul und in Gruppenausstellungen u. a. am Metropolitan Museum of Art und an der Tate Modern gezeigt. Er ist Autor mehrerer Bücher über experimentelle Geografie, staatliche Geheimhaltung, militärische Symbolik, Fotografie und Sichtbarkeit.

Arseny Zhilyaev:
Der Optimist der vollendeten Vorvergangenheit

In seinem Vortrag macht sich Zhilyaev Leo Trotzkis Beschreibung des Optimisten zunutze, um der Idee des Ewigen nachzugehen und sie in Bezug zu den Versprechen des Kapitalismus zu setzen. Gut genährt vom Optimismus der gegenwärtigen Zeit lebt der Spießbürger in einer scheinbar idealen Welt. Einerseits begegnet ihm in seinem täglichen Leben potentiell endloses wirtschaftliches Wachstum. Andererseits wird sein Leben von den Forderungen des Leistungsfortschritts bestimmt. Es scheint also fast, als könne nur die von Marx entworfene Figur des zukünftigen Optimisten das ursprüngliche Versprechen des Kapitalismus mithilfe einer rationalisierten Optimierung der Produktionsbedingungen erfüllen. Für die Kosmisten, die die bolschewistische Revolution als nicht revolutionär erachteten, löste dieser Wandel jedoch nicht das Problem der Ewigkeit. Sie waren davon überzeugt, dass nur ein neues Bewusstsein, das mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse Macht über die Zeit gewinnen würde, das Streben nach Ewigkeit erfüllen und die Figur des Optimisten als einen Optimisten der „vollendeten Vorvergangenheit“ etablieren könne.

Arseny Zhilyaev lebt und arbeitet als Künstler in Moskau. In neueren Arbeiten untersucht er das Erbe der sowjetischen Museologie und das Museum im Russischen Kosmismus. Er veröffentlicht Beiträge u. a. im e-flux journal. Seine Arbeiten wurden u. a. bei der Liverpool Biennale und der Triennale Ljubljana gezeigt sowie bei Ausstellungen im Centre Pompidou und im Palais de Tokyo, Paris, bei De Appel, Amsterdam; Kadist Art Foundation, Paris und San Francisco sowie in der V-A-C Foundation, Moskau.

Anton Vidokle und Hito Steyerl:
Immortality for All!

In ihrem Gespräch diskutieren Hito Steyerl und Anton Vidokle die Filmtrilogie Immortality for All!, in der Vidokle dem Einfluss des Kosmismus auf das zwanzigste Jahrhundert nachgeht und seine Relevanz auch für die Gegenwart verdeutlicht. In Teil 1 spürt er den Ursprüngen des kosmistischen Denkens nach (This Is Cosmos, 2014), Teil 2 untersucht die Querverbindungen zwischen Kosmologie und Politik (The Communist Revolution Was Caused By The Sun, 2015) und in Teil 3 re-inszeniert er das Museum als einen Ort der Wiederauferstehung – eine zentrale kosmistische Idee (Immortality and Resurrection for All!, 2017). In seiner Überblendung von Essay, Dokumentation und Performance zitiert Vidokle die Schriften von Nikolai Fjodorow, einem Mitbegründer des Kosmismus, sowie anderer Philosophen und Dichtern.

Hito Steyerl arbeitet als Künstlerin und Filmemacherin mit Mitteln des essayistischen Dokumentarfilms. Sie ist Professorin im Bereich Multimedia an der Universität der Künste, Berlin. Ausgehend von der Produktion und Zirkulation von Bildern widmet sich ihre Arbeit Fragen der Globalisierung, Feminismus und postkolonialer Kritik. Neben ihrer regelmäßigen Vortragstätigkeit hat sie einflussreiche Texte publiziert und war auf zahlreichen Ausstellungen und Biennalen vertreten. Ihre Arbeiten wurden u. a. auf der 32. São Paulo Biennale (2016), der 9. Berlin Biennale (2016), im Deutschen Pavillon der 56. Biennale von Venedig (2015) und auf der documenta 12 (2007) gezeigt.

Anton Vidokle ist Künstler und Herausgeber des Online-Journals e-flux. In Moskau geboren, lebt er mittlerweile in New York und Berlin. Vidokles Arbeiten wurden in vielen Ländern ausgestellt, unter anderem auf der documenta 13 und der 56. Kunstbiennale von Venedig. Seine Filme waren unter anderem beim Bergen Assembly, auf der Shanghai Biennale, im Forum Expanded der 65. und 66. Berlinale, auf der Gwangju Biennale, am Centre Pompidou, in der Tate Modern, am Moskauer Garage Museum, auf der Istanbul Biennale zu sehen.

Anselm Franke lebt als Kurator und Autor in Berlin. Er ist Leiter des Bereichs Bildende Kunst und Film am Haus der Kulturen der Welt. Als Co-Kurator verwirklichte er dort Projekte wie Nervöse Systeme (2016), Ape Culture (2015), Forensis (2014), Das Anthropozän-Projekt (2013-2014), The Whole Earth und After Year Zero (beide 2013). 2012 ko-kuratierte er die Taipei Bienniale. Frankes Ausstellungsprojekt Animismus wurde zwischen 2010 und 2014 in zahlreichen Kollaborationen in Antwerpen, Bern, Wien, Berlin, New York, Shenzhen, Seoul und Beirut präsentiert. Vor seiner Tätigkeit im HKW wirkte Anselm Franke als Kurator in den KW Berlin und als Direktor der Extra City Kunsthal, Antwerpen. Seinen Doktor schloss er am Goldsmiths College, University of London ab.