Sa, 02. September 2017

Kosmismus und sozialer Fortschritt

Vorträge & Gespräch mit Keti Chukhrov, Alexei Penzin, Marina Simakova, moderiert von Margarete Vöhringer

Keti Chukhrov:
Die Anagogie im Kosmismus und Kommunismus

Paradoxerweise kehren heutige Emanzipationstheorien zur Geophysik des einen Planeten zurück und damit auch zum ptolemäischen Weltbild aus den Jahrhunderten vor der kopernikanischen Wende. Die Befreiung der Menschheit erfordert am Ende ihren eigenen Untergang, ihre restlose Selbstvernichtung. Man könnte meinen, Dante habe seinen Abstieg in die Unterwelt für die Sünder und nicht für sich selbst geschrieben. Diese obsessive Beschäftigung mit Abstieg und Niedergang lässt sich mit Sicherheit als Syndrom des Lebens im Kapitalismus bestimmen. Unterdessen nahm in Russland der Kosmismus seinen Lauf: Die kosmologische Dimension des Universums lief auf eine Bestätigung der conditio humana und ihrer erweiterten Gesellschaftskonzeption hinaus. Sie fordert nicht weniger als die Schaffung einer nuova, einer unvergänglichen vita mit einem erweiterten Bewusstsein. In fast allen Texten zur Kosmologie – vom 19. Jahrhundert bis hin zu Iljenkows Kosmologie des Geistes in den 1950er Jahren – beruhte der Glaube an das Gemeinwohl auf der Befähigung des Menschen zu zweckgerichtetem Handeln und zivilisatorischem Aufstieg. In ihrem Vortrag erörtert Chukhrov, warum der Kommunismus ohne diese anagogische Zielstrebigkeit undenkbar gewesen wäre.

Keti Chukhrov ist Privatdozentin im Fachbereich Kulturtheorie an der Moskauer Higher School of Economics und leitet die Theorieabteilung des Nationalen Zentrums für zeitgenössische Kunst in Moskau. Sie hat umfangreich zur Kunsttheorie, Kulturpolitik und Philosophie publiziert. Ihr Buch To Be – To Perform. ‘Theatre’ in Philosophical Criticism of Art erschien 2011. Zurzeit schließt sie die Arbeit an einem Band über das Verständnis des Begriffs „Ideal“ im sowjetischen marxistischen Denken der 1960er und 1970er Jahre ab.

Alexei Penzin:
Kontingenz und Notwendigkeit in Ewald Iljenkows kommunistischer Kosmologie

Ewald Iljenkow verfasste seine „Kosmologie des Geistes“ in den 1950er Jahren, veröffentlicht wurde sie jedoch erst in den 1980er Jahren. Zu Lebzeiten des Autors war dieser Text zu ketzerisch – nicht, weil er Kritik an der Sowjetunion geübt hätte, sondern aufgrund seiner enormen spekulativen Motivation. Iljenkow verband die Hegelsche Dialektik mit Spinozas Attributbegriff und diskutierte so die physikalische These einer „entropischen“ Vernichtung des Universums. Er kam zu dem Schluss, dass das Denken ein notwendiges Element alles Materiellen sei. Es könne nicht nur die finale Entropie des Universums verhindern, sondern auch dessen Kernreaktionen in einer letzten selbstopfernden Explosion zünden. Der Kommunismus war nach Ansicht Iljenkows die vollständig entfaltete Gedankenmacht eines Staates. So betrachtete er den Kommunismus auch als notwendige Voraussetzung für eine vollständig entwickelte Macht des Denkens, die er in Wissenschaft und Technologie verkörpert sah und die für ihn wiederum unerlässlich war, um das Universum wieder auf den richtigen Weg zu bringen und seinen anders unausweichlichen Zusammenbruch zu verhindern. Penzin erörtert in seinem Vortrag die Hintergründe von Ilyenkows Kosmologie des Geistes und setzt sie in Bezug zu heute geführten theoretischen Debatten. Er nutzt Iljenkows Konzeption für eine kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Strömungen „spekulativer“ und doch jegliche kommunistische Motivation entbehrender Philosophie.

Alexei Penzin promovierte am Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau, wo er als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist. Außerdem lehrt er an der University of Wolverhampton, Großbritannien. Penzin ist Teil des Kollektivs Chto Delat (What is to be done?). Seine Texte erscheinen in Zeitschriften wie Rethinking Marxism, Mediations, South Atlantic Quarterly und Manifesta. Er ist Mitherausgeber der 2017 erschienenen englischen Übersetzung des Buchs Kunst und Produktion von Boris Arvatov, einem der wichtigsten Theoretiker der sowjetischen Avantgarde. Zurzeit arbeitet er an dem Buch Against the Continuum: Sleep and Subjectivity in Capitalist Modernity, welches demnächst bei Bloomsbury Academic erscheint.

Marina Simakova:
Der russische Kosmismus als Vorgeschmack auf die Revolution

An der Schwelle zu einem Zeitalter des rasanten technischen Fortschritts und des Kriegs begegnete Nikolai Fjodorow, Gründervater des Kosmismus, der Zukunft mit dem Vorhaben, den Tod zu besiegen. Warum wurde diese Idee zu seiner großen Hoffnung, und wie verhielt sie sich zu seinen gesellschaftspolitischen und ethischen Anschauungen? Simakova erschließt in ihrem Vortrag Fjodorows Philosophie und ihr kritisches Potenzial ausgehend von Problemen, die heute von radikalen Theoretiker*innen diskutiert werden. Indem sie die subversiven Grundlagen von Fjodorows philosophischer Tradition sowie deren versteckte Zeichen und Andeutungen des kommenden politischen Umsturzes herausarbeitet, entsteht ein Eindruck von der damaligen politischen Brisanz des kosmistischen Denkens.

Marina Simakova lebt als Kulturkritikerin in St. Petersburg. Ihre Forschungsinteressen umfassen kontinentaleuropäische Philosophie, Kulturwissenschaften, Marxismus und die frühe sowjetische Geistesgeschichte. Ihre kritischen Aufsätze und Übersetzungen erscheinen in Zeitschriften wie e-flux, Colta.ru, New Literary Observer und Translit. Zurzeit ist sie Doktorandin am Institut für Politikwissenschaften und Soziologie der Europäischen Universität St. Petersburg.

Margarete Vöhringer ist Professorin für "Materialität des Wissens" an der Georg-August-Universität in Göttingen. Sie studierte Kunstwissenschaft und Medientheorie, Philosophie und Ästhetik sowie Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Nach der Promotion 2006 an der Humboldt Universität zu Berlin lehrte sie an den Universitäten Berlin (FU, HU, UdK), Weimar, Zürich und Moskau. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kunstgeschichte der Moderne und Gegenwart und Kulturwissenschaft mit einem Schwerpunkt auf visueller Kultur. Zu ihren Publikationen gehören Wissenschaft im Museum – Ausstellung im Labor (hg. mit Anke Te Heesen) von 2014 und Avantgarde und Psychotechnik. Wissenschaft, Kunst und Technik der Wahrnehmungsexperimente in der frühen Sowjetunion (2007).