Do, 14. April 2016

The Scenario Mode

The Scenario Mode | © Nina Jäger 2016

The Scenario Mode | © Nina Jäger 2016

Das Szenario ist zu einem Wissensmodus ersten Ranges geworden. In soziotechnischen Szenarien – Szenarien der Technosphäre – zu denken und zu navigieren, ist längst ein unverzichtbares Mittel geworden, um Hypothesen über die (ferne) Zukunft anzustellen, dieselbe zu imaginieren und zu entwerfen.

Tatsächlich scheint der Lauf „im Szenario-Modus“ ein bestimmender Typus zeitgenössischen Daseins zu sein: als explorierende Praxis und Werkzeug ist er beispielhaft für die Art und Weise des Lernens und Forschens im und am Anthropozän. Dieser Abend widmet sich dem trans-methodischen Arrangement der Szenarienbildung und –analyse sowie ihrer spezifischen Formatierung durch institutionelle und medienbasierte Infrastrukturen. Wie wird Nichtwissen angeordnet, getrimmt und kodifiziert, so dass stabile Szenarien entstehen können, die – zumindest eine Zeit lang – Rohdaten für empirische Leerstellen zur Verfügung stellen? Was ist die Architektur, Wirksamkeit und Lebensfähigkeit dieser Wissensform, die das Unbekannte als Bekanntes behandelt? Und bis zu welchem Grad befördert die Szenarienwissenschaft die Formierung und Stärkung der Technosphäre selbst, indem sie existierende technische und mentale Infrastrukturen aufrechterhält und befördert?

Mit Peter Galison, Sander van der Leeuw, Claire Pentecost, Sebastian Vehlken

19h
Sebastian Vehlken: The Alternative Futures Approach – Modelling the Unthinkable

Szenarientechniken sind Medien der Krise. Dies gilt für den Atomkrieg oder die Grenzen des Wachstums (D. Meadows et al) ebenso wie für heutige Kontexte wie den Klimawandel. Sie entwerfen „hypothetische Narrative für die Initiation, den Ablauf und die Beendigung zukünftiger Krisen“ (B. Bruce-Biggs). Als simulierte Erzählungen mit einer Eigenzeit, in der alle möglichen „bizarren Handlungen“ (H. Kahn) eintreten können, verschalten sie die „breite Gegenwart“ (H.-U. Gumbrecht) mit einer Pluralität möglicher Zukünfte. Nicht die Prognostik für den richtigen Weg in eine bessere Zukunft steht im Mittelpunkt, sondern die Sensibilisierung für die Kontingenz, Verzweigungen und Abgründe auf solchen Wegen. Vehlkens Vortrag skizziert anhand von fünf exemplarischen Szenen die Geschichte dieser futurologischen Explorationstechnik – bis hin zu Computersimulationen, den heute allgegenwärtigen Szenario-Medien schlechthin.

19.30 h
Containment
Regie: Peter Galison, Robb Moss. Japan/USA 2015, 81 min, englische Originalfassung.
Mit einer Einführung von Peter Galison

Als ein Überbleibsel des Kalten Krieges bedeckt radioaktiver Schlamm riesige Flächen verseuchten Landes. Regierungen weltweit haben begonnen, eine Gesellschaft in 10.000 Jahren zu imaginieren, um Monumente schaffen zu können, die über solche Zeiträume hinweg ihre Aussagekraft bewahren. Teils beobachtendes Essay mit Aufnahmen aus Waffenfabriken, in Fukushima und tief im Untergrund, teils Graphic Novel, verbindet Containment eine Gegenwart des Unbehagens mit der Voraussicht auf eine ungewisse ferne Zukunft.

21.15 h
Im Szenario-Modus: Über die Nachhaltigkeit von Szenarienmodellen
Gespräch mit Peter Galison, Sander van der Leeuw und Claire Pentecost, moderiert von Sebastian Vehlken

Was ist der aktuelle Status der Szenarienanalyse und worin liegt die Bedeutung dieser hochkodifizierten Form der Wissensproduktion für die Schaffung nachhaltiger Zukünfte? Als Werkzeug zur Erforschung von Langzeit-Dynamiken der Mensch-Umwelt-Beziehungen ist das Modellieren von Szenarien zentral, um von der Spekulation zur vorausschauenden Steuerung zu gelangen. Aber verstetigt die Szenarienwissenschaft in ihrer entscheidungsmächtigen Rahmensetzung – mit ihrer eigenen medientechnischen Datengrundlage und ihren soziotechnischen Quantifizierungsstrategien – nicht bereits bestehende Verhältnisse und Trends? Befördert sie letztlich self-fulfilling prophecies einer sich selbsterhaltenden Technosphäre? Ist die Szenarienwissenschaft als Nachhaltigkeitswissenschaft selbst nachhaltig?