Sa, 03. Oktober 2015

Der kommende Krieg

Mit Judith Raum und Marina Gržinić

Ist das Heute als Vorkriegszeit zu denken? Oder hat der „kommende Krieg“ längst begonnen? Womit muss europäisches Geschichtsverständnis aufräumen, um der Gegenwart ins Gesicht zu blicken? Wohin führen neue imperiale Rivalitäten und Kollektivprojektionen?

Europe, Racialization, Coloniality: The Problem of the Present for Future Scenarios

Marina Gržinić, Philosophin, Künstlerin, Theoretikerin, Ljubljana, Wien

Marina Gržinić spricht über einen Kurs von Europa, der sich in einem Prozess ständiger und brutaler Ethnisierungen unter der „unsichtbaren“ Hand des westlichen Kanons entwickelt. Dies wird heute durch die Situation der Geflüchteten in Europa in besonderer Klarheit vergegenwärtigt. Bereits 1915, neun Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs (manchmal als „Krieg, der alle Kriege beendet“ bezeichnet,) schrieb W.E.B. Du Bois seinen Aufsatz The African Roots of War. Dort beschreibt er präzise die Verbindungen zwischen Rassismus, Krieg und Imperium, die zum Ersten Weltkrieg führten. Schon 1915 interpretierten Du Bois und Leser*innen seines Textes (später beispielsweise Howard Winant) den Ersten Weltkrieg als einen Rassenkrieg. Von dort gibt es eine direkte Verbindung zum gegenwärtigen Europa der Ethnisierung und Kolonialität. Wie Frantz Fanon einige Jahrzehnte später in seinem 1961 erschienen Buch Die Verdammten dieser Erde schreibt: „Europa ist buchstäblich die Schöpfung der Dritten Welt. Die Reichtümer, die es würgen, sind diejenigen, die von den unterentwickelten Völkern geplündert wurden [...] Und wenn das Oberhaupt eines europäischen Staates mit der Hand auf dem Herzen erklärt, dass er den unglücklichen Völkern der unterentwickelten Welt zu Hilfe kommen müsse, dann zittern wir nicht vor Dankbarkeit.“ Oder, wie es Ann Laura Stoler ausdrückt: Es geht hier „weder um stures Unwissen noch um plötzliches Wissen ... reflektiert werden hier vielmehr die konzeptuellen Prozesse, akademischen Konventionen und affektiven Praktiken, die sowohl verbergen als auch aufdecken, weshalb koloniale Geschichte bedeutsam ist!“ – im gegenwärtigen Europa und der EU und auch für zukünftige Szenarien.

am of the opinion strike is useful (2015)

Judith Raum, Künstlerin, Berlin, mit Susanne Sachsse

Judith Raum hat in einer künstlerischen Recherche die deutsche Einflussnahme auf die Wirtschaft und Kultur des Osmanischen Reiches in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg untersucht und dabei besonders nach Erzählungen von alternativen Ökonomien und lokalem Widerstand gegen Rationalisierung und Modernisierung gesucht. 1888 erhielt die damals noch junge Deutsche Bank die Konzession zum Bau der Anatolischen Eisenbahn und später der Bagdadbahn, was eine Reihe von kolonialen und kapitalistischen Phantasien auf den Plan rief. In einer neuen Lecture Performance folgt Judith Raum dem Habitus unterschiedlicher Akteure im Streik der Arbeiter der Anatolischen Bahn von 1908. Mit skulpturalen Handlungen und im Dialog mit der Schauspielerin Susanne Sachsse reagiert sie auf historische Fotografien, Zeichnungen und Korrespondenzen und lässt so ein labyrinthisches Netz von Zusammenhängen zwischen Ästhetik, Sozial-, Wirtschafts- und Kolonialgeschichte entstehen. Die Gesten und die Rhetorik der Macht, wie sie im Anatolischen Bahnprojekt aufscheinen, werden zum Ausdruck eines – angreifbaren – wirtschaftlichen Prinzips, das nicht mit der Kolonialzeit geendet hat, sondern bis heute andauert.


Biografien

Marina Gržinić ist Philosophin, Künstlerin und Theoretikerin. Sie forscht am FI SRC SASA (Forschungszentrum der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste) in Ljubljana und ist Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Sie hat in Slowenien und im Ausland insgesamt zehn Bücher (Monografien und Übersetzungen) veröffentlicht und gemeinsam mit Šefik Tatlić das Buch Necropolitics, Racialization and Global Capitalism: Historicization of Biopolitics and Forensics of Politics, Art, and Life (2014) verfasst.

Judith Raum lebt und arbeitet in Berlin. Nach ihrem Kunststudium in Frankfurt am Main und New York schloss sie 2006 ihren Magister der Philosophie, Kunstgeschichte und Psychoanalyse an der Universität Frankfurt mit Auszeichnung ab. Ihre Arbeit sucht die Symbiose aus künstlerischen und wissenschaftlichen (Erkenntnis-)Formaten, umfasst Performance Lectures, künstlerische Arbeiten, die auf detaillierter Recherche basieren, und ästhetische Auseinandersetzungen mit philosophischen Fragestellungen. Die Werke der aktuellen Villa-Romana-Stipendiatin wurden u. a. in Einzelausstellungen im SALT Beyoğlu, Istanbul (2015) und im Heidelberger Kunstverein (2014) gezeigt. Ihre Publikation eser ist 2015 bei Archive Books erschienen.

Susanne Sachsse ist Schauspielerin und Regisseurin. In den '90er Jahren war sie u.a. Mitglied des Berliner Ensembles, wo sie mit Heiner Müller, Robert Wilson und Einar Schleef gearbeitet hat. 2001 co-gründete sie das Künstlerkollektiv CHEAP, mit dem sie u.a. Performances für das HAU/Berlin, den Steirischen Herbst und das Donau Festival entwickelt hat. Seitdem arbeitet Sachsse in verschiedenen Performance, Film- und Kunstkontexten u.a. mit Yael Bartana, Bruce LaBruce, Phil Collins, Keren Cytter, Vaginal Davis, Katya Sander und Vegard Vinge. 2014 spielte sie die Hauptrolle in LaBruces preisgekrönter Verfilmung von Schönbergs Pierrot Lunaire. Sachsses erste Video Arbeit Serious Ladies (2013) ist zuerst als Installation in den KW Berlin ausgestellt worden, und wurde danach in Galerien und auf mehreren internationalen Filmfestivals gezeigt. Zurzeit arbeitet sie an Ihrem ersten Feature-Film Original Sin.