Kritische Selbstreflexion

Heute, Mitte 2025, lese ich Maria Clara Araújos Buch als den Brief eines ermächtigten demokratischen Bewusstseins. Darin steht: „Ich bin noch am Leben“. Es ist ein Aufruf an alle Travestis, trans, transgender und transsexuellen Menschen, sich zu organisieren. Konzeptuell ist die Kritik im Zentrum von Araújos Projekt klassisch: Rechte sollen für alle gelten – unabhängig von unserer körperlichen Gestalt. Wenn wir trotz unserer Kooperation mit dem Rechtsstaat nicht als Rechtssubjekte anerkannt werden, müssen wir unser Bewusstsein schärfen und sowohl einander als auch die staatlichen Autoritäten auf ihre Unzulänglichkeiten hinweisen, um den Kreis der Rechtssubjekte um jene zu erweitern, die bislang aus ihm ausgeschlossen waren.

Das grundlegende konzeptuelle Problem liegt nach Araújo in der generellen Trennung eines ‚entkörperlichten‘ universellen Bewusstseins [mind] von einem ‚bewusst-losen‘ [mindless] spezifischen Körper[1] – verbunden mit der Abwertung des einen und der Aufwertung des anderen, besonders in Bezug auf Bürger*innenrechte, Staatsangehörigkeit und rechtliche Mündigkeit.[2] In diesem Sinn sind politische Kämpfe auch philosophische Kämpfe: Unterdrückung bedeutet oft die Unterdrückung von Materie. Und diejenigen, die auf ihre Körperlichkeit, also auf ihre bewusst-lose Materie, reduziert werden, sind am stärksten unterdrückt.[3] Typischerweise gelten trans und nichtbinäre Menschen, Schwarze, People of Color und Frauen als determiniert durch ihre Körper, ihre Begierden, ihre angeblich schwache Physiologie.

Ihnen wird unterstellt, ‚von Natur aus‘ dumm, lasziv, schwach oder gestört zu sein – Eigenschaften, die ihnen aufgrund ihrer Körper, ihrer Materie, zugeschrieben wurden. Araújo betont daher zu Recht, dass die Emanzipation von Travestis und trans Menschen in den verkörperten Praktiken jener Subjekte verankert sein muss, die befreit werden sollen[4] – wie zum Beispiel in der Emanzipation auf High-Heels.[5] In diesem Zusammenhang kritisiert sie auch den terminologischen Wandel von ‚travesti‘ über ‚transsexuell‘ hin zu ‚transgender‘ und ‚trans‘ – und beschreibt ihn als Hygienisierung (higienização): die Entfernung angeblich schmutziger, lasziver, körperlicher Assoziationen zugunsten einer importierten, weniger anstößigen Terminologie, die gesellschaftliche Anerkennung und damit politische Inklusion verspricht.

Wie aber lassen sich gesellschaftliche Anerkennung und Inklusion tatsächlich erreichen? „Sozialer Wandel kann […] nur durch die Entwicklung eines kritischen Selbstbewusstseins entstehen“.[6] Dabei nimmt das kritische Selbstbewusstsein, das Araújos Pädagogik anstrebt, zwei Formen an: Zum einen müssen wir uns als Träger*innen individueller Rechte begreifen,[7] zum anderen als Ausdruck einer Gruppe, die gesetzlichen und gesellschaftlichen Wandel herbeiführen will.[8] Diese Ansicht teile ich: Eine Gruppe muss sozial, politisch und kulturell unterscheidbar sein und sich diese Unterschiede zu eigen machen, um als Gruppe politisch handeln zu können.

Gayatri Chakravorty Spivak beschreibt dies am klassischen Beispiel der europäischen Arbeiterklassen wie folgt:[9] Sie unterschieden sich sozial, kulturell und politisch von den jeweiligen herrschenden Klassen. Sie lebten in bestimmten Stadtvierteln, sie hatten eigene Routinen und Verhaltensmuster in Bezug auf Essen, Musik, Sprache usw. Kurz: Sie ließen sich als Klasse beschreiben. Doch bloße Beschreibbarkeit macht noch keine*n politische*n Akteur*in. Eine zentrale Aufgabe politischer Parteien bestand und besteht immer noch darin, das Bewusstsein für die Handlungsfähigkeit zu schärfen, die eine Gruppe von Menschen entfalten kann, wenn sie gemeinsam handeln und das dann auch zu tun.[10] Für die Entwicklung dieses Bewusstseins – das wir traditionell als ‚Klassenbewusstsein‘ kennen –, ist die Artikulation einer gemeinsamen Geschichte entscheidend: sei es die Geschichte des Klassenkampfs, der Kolonialisierung, der Geschlechterunterdrückung oder der Travesti-Bewegungen. Die gemeinsame Geschichte vermittelt zwischen individuellem Leid und kollektivem politischen Kampf. Plötzlich heißt es nicht mehr nur: „Ich will leben“, nicht mehr nur: „Ich will mein Land zurück!“, sondern: „Ich widersetze mich der Geschichte kolonialer Enteignung und Unterdrückung. Sie ist ungerecht. Ich fordere Gerechtigkeit – nicht nur für mich, sondern für alle!“ Und plötzlich heißt es nicht mehr „Eine*r gegen alle“, sondern „zusammen gegen die Ungerechtigkeit“.[11]

In den überwiegend europäischen und US-amerikanischen Kontexten, in denen ich unterwegs bin, sind geschlechterdiverse Menschen oft insofern politisch entrechtet, als sie sich von vornherein nicht als politische Subjekte verstehen. Sie wenden sich nicht an ihre politischen Vertreter*innen. Sie reichen selten Klagen ein, um ihre Rechte einzufordern. Oft kennen sie ihre Rechte nicht einmal. Gründe dafür sind Armut, soziale Ausgrenzung und eine Existenz, die immer droht, von der stets lauernden Depression vereinnahmt zu werden. Das heißt: Trans Menschen zu befähigen, für sich selbst einzustehen, ein kritisches Selbstbewusstsein zu entwickeln und Veränderungen herbeizuführen, die ihnen tatsächlich zugutekommen – das scheinen Schritte in die richtige Richtung zu sein. Oder vielleicht doch nicht?

Einer oft vorgebrachten Kritik an der Kooperation mit staatlichen Institutionen entgegnet Araújo, sie sei nicht „daran interessiert, ein dualistisches Bild weiterzutragen, das den Staat als böse und die Zivilgesellschaft als tugendhaft darstellt“.[12] Es könne keine gute Strategie sein, unsere Handlungsmöglichkeiten dem Staat gegenüber zu unterschätzen, wenn wir echte Veränderungen erreichen wollen. Zudem entwickle sich eine Bewegung gerade durch die Konfrontation mit Hindernissen. Dem stimme ich zu. Doch in den US-amerikanischen und europäischen politischen und aktivistischen Zusammenhängen, in denen ich mich bewege, kommt noch ein weiterer Faktor ins Spiel: Die Depression. Sie ist, so scheint mir, einer der größten Feinde politischer Organisierung. Sie führt zu einer defätistischen Form von ‚Widerstand‘, die sagt: „Wir können eh nichts machen.“ Diese Form des Widerstands kleidet die Depression in ein glitzerndes Gewand radikaler Theorie, zum Beispiel: „The master’s tools will never dismantle the master’s house.“ (Audre Lorde). Um Unterdrückung loszuwerden brauchen wir also einen radikalen Neuanfang. In seiner depressiven Variante aber dient dies letztlich den Interessen, denen es vermeintlich entgegentreten will und trägt dabei noch zu unserer Entmachtung bei. Die Folge ist ein Rückzug in den Konsum, in die Party, in die sozialen Medien. Vor diesem Hintergrund erscheint die Entwicklung kritischer Selbstreflexion als politische Ermächtigung, wie Araújo sie vorschlägt, ein berechtigtes Ziel für ein politisches Projekt. Um unsere Lebensbedingungen zu verbessern, müssen wir ein politisches Bewusstsein entwickeln, das uns befähigt, als Mitglieder einer Gruppe (etwa als Travestis, als trans Menschen und so weiter) gegenüber den zuständigen Autoritäten zu sprechen – und unsere Beschwerden nicht nur im Freund*innenkreis oder in den sozialen Medien abzuladen. Die praktische Ausgestaltung einer solchen Entwicklung bildet wiederum eine Pädagogik. So lautet das demokratische Ideal: Menschen artikulieren ihre Forderungen und werden anerkannt. Mag sein, dass Kompromisse nötig sind – doch insgesamt bedeutet es eine Veränderung zum Besseren.[13] 


Kritik und Desinformation

Wer eben noch bekräftigt: „Ich bin noch am Leben“, kann im nächsten Moment schon tot umfallen. Und ist das nicht genau hier der Fall? Trans- und Travesti-Politik muss sich der Herausforderung stellen, aus einer Minderheitenposition heraus zu agieren: Demokratische Systeme beruhen auf Mehrheitsentscheidungen und orientieren sich daher stets an Mehrheiten. Wenn Minderheitenparteien Regierungsverantwortung übernehmen, dann meist nur als Juniorpartner*innen. Das erschwert es ihnen, ihre Anliegen durchzusetzen. Natürlich gibt es auch Minderheitenregierungen – etwa Tyranneien, Monarchien oder Oligarchien –, in denen eine kleine Gruppe oder eine einzelne Person über alle anderen herrscht. Doch traditionell standen die Interessen von trans und travesti Personen in diesen Kontexten nicht auf ihrer Agenda. (Sollten Leser*innen daran interessiert sein, ein Gegenbeispiel zu liefern, haben sie dafür meine volle Unterstützung.) Wie also können Minderheiten politische Erfolge erzielen?

Wenn wir über Mehrheitsentscheidungen rechtliche Fortschritte erzielen wollen, müssen wir die Mehrheit für uns gewinnen. Das geht entweder durch Kritik oder durch Mitgefühl. Ich werde zuerst die Politik des Mitgefühls diskutieren. Jede Form von Ermächtigung, die auf diesem Weg erreicht wird, muss immer bedingt bleiben. Ein Beispiel dafür ist das deutsche Selbstbestimmungsgesetz, das Änderungen von Namens- und Geschlechtseinträgen regelt: Im Zuge der Aushandlungen eines neuen Gesetzestextes, der das alte ‚Transsexuellengesetz‘ ablösen sollte,  lieferten NGOs, die sich für trans Rechte einsetzten, schlagkräftige Argumente. Es gab aber weder große Demonstrationen noch politische Akteur*innen aus dem Establishment, die sich für das Thema stark gemacht hätten. Und auch andere politische Hebel blieben ungenutzt. In der Politik jedoch bleibt Oppositionohne Druck meistens bloß ein Appell an den guten Willen. Faktisch waren die Bemühungen der NGOs daher in erster Linie Appelle an das Mitgefühl. Sie dienten kaum mehr als dem Nachweis bürgerlicher Seriosität. Leider wurde die Angelegenheit zu einem strategischen Spielball in größeren Zusammenhängen, deren Details hier keinen Platz haben. Festzuhalten ist: Nach dem Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (SBGG) von 2024 können trans Frauen rückwirkend zum Militär eingezogen werden. Tritt innerhalb von zwei Monaten nach der Änderung des Geschlechtseintrags ein Spannungs- oder Verteidigungsfall ein, gilt die Erklärung zunächst nur ‚im zivilen Leben‘. Trans Geflüchtete wiederum geraten schnell unter Betrugsverdacht, sobald sie das SBGG in Anspruch nehmen wollen und trans Frauen können unter keinen Umständen Mütter werden.[14] Mitgefühl allein reicht nicht.

Wie steht es aber um die Kritik? Kritik ist eine politische Praxis, die auf der Verbindung von Macht und Wissen beruht. Sie geht davon aus, dass Menschen ihr Verhalten ändern, wenn sie nur besser informiert werden. Wenn Politiker*innen oder Richter*innen mehr Einblick in die Lebensumstände von Travestis, trans und nichtbinären Menschen hätten, so die Annahme, dann würden sie ihre Politik anpassen oder angemessenere juristische Entscheidungen treffen – oder zumindest von wortgewandten und mutigen trans oder travesti Politiker*innen und Aktivist*innen dazu gebracht werden.[15] Für trans Anliegen hat dieser Ansatz insbesondere vor Gericht gut funktioniert, wo Wissen und Macht ein engeres Verhältnis zu pflegen scheinen als anderswo. Ist das aber auch weiterhin der Fall?

Kritik lässt sich zum Beispiel umgehen, indem Macht nicht auf Wissen gründet, sondern schlicht auf sich selbst. Das nennen wir Tyrannei: „Wir machen das, weil ich es so bestimme!“ Eine zweite Methode ist die Kommodifizierung von Gedanken: „Das ist meine Meinung, die betrachte ich als mein Privateigentum. Ich muss niemandem darüber Rechenschaft ablegen. Das sind nur meine Gedanken. Ich hasse dich. Tschüss!“ Das nennen wir Hyperkapitalismus. Eine dritte Strategie besteht darin, so viel Desinformation zu streuen, dass ‚Wissen‘ zum Eigentum des/der Meistbietenden oder des/der skrupellosesten Lügner*in wird. „Es ist ja nur meine Meinung.“ An diesem Punkt wird Redefreiheit toxisch. Genau diesen Weg haben rechte Politiker*innen in den letzten Jahren eingeschlagen. Rechtspopulist*innen lügen den lieben langen Tag, und ihr Maßstab ist nicht der Wahrheitsgehalt dessen, was sie sagen, sondern dessen Wirkung. Sie knüpfen an das an, was die Menschen ohnehin schon zu wissen glauben – und haben es damit bei einem rechts eingestellten Publikum leichter als linke Politiker*innen beim linken. Der Grund liegt schlicht darin, dass rechts eingestellte Personen ihre Weltanschauung auf relativ willkürliche Tugenden, Überzeugungen und Präferenzen stützen, während Linke häufiger auf Argumente, Rationalität und Gerechtigkeit Wert legen, die über eine einzelne Ordnung hinaus Bestand haben – sei sie rechtlicher, moralischer oder konzeptueller Natur.

Ich gehe davon aus, dass politische Teilhabe beziehungsweise Staatsbürger*innenschaft für Araújo zugleich bedeutet, zu einem Subjekt kritischer Selbstbestimmung zu werden. Mit Baruch Spinoza ließe sich sagen:  Menschen werden nicht als Bürger*innen geboren, sondern dazu gemacht („Homines enim civiles non nascuntur, sed fiunt.”)[16] Das setzt allerdings eine kritische Infrastruktur voraus – Institutionen, an denen wir lernen, aufblühen, Freude empfinden und zur Ruhe kommen können.[17] Doch was tun, wenn Kritik als soziale Institution selbst angegriffen wird?

Genau das geschieht im Moment. „Es ist die große Aufgabe unserer Zeit, die Politik in all ihren Formen hinter uns zu lassen. Nur die Technologie kann das möglich machen“, schrieb Peter Thiel 2009 in The Education of a Libertarian.[18] Heute zählt Thiel zu den größten Geldgebern radikal rechter und libertärer Politiker*innen und Tech-Akteur*innen. Im Jahr 2025 hat sich seine Drohung bewahrheitet:[19] Riesige Desinformationskampagnen aus unterschiedlichen Lagern – beispielsweise den USA, Russland, dem Vatikan – instrumentalisieren gesellschaftliche Spaltungen so stark, dass jede produktive Auseinandersetzung online unmöglich geworden ist und damit der direkte Austausch oft effektiv zum Schweigen gebracht wurde (‚silencing’). Diese Dynamik frisst sich tief in den politischen Diskurs: Zum einen stehen sich politische Gruppen gegenüber, die sich kaum noch verstehen, geschweige denn miteinander sprechen; zum anderen setzen sich gleichzeitig immer absurdere politische Positionen durch – und zwar auf allen Seiten.

Der Einsatz von Trollfabriken, Bots und KI-generierten Inhalten auf Online-Plattformen droht nicht nur demokratische Prozesse auszuhöhlen, sondern auch jede Form von Kreativität und Vorstellungskraft zu ersticken, die einen Ausweg eröffnen könnte. Wir erleben die Wiedergeburt der politischen Tyrannei, die eigenmächtig bestimmt, und mit ihr die Verbreitung von Krieg und wirtschaftlicher Instabilität. Kurz: Thiel und seine Technokrat*innen haben, was sie wollten – Politik wird ersetzt durch eine Simulation, genannt ‚soziale Medien‘. Die Folge: Wenn du das hier liest, ist echte Politik – aktivistisches Organisieren, parlamentarische Prozesse, Gewaltenteilung, öffentliche Debatten, die in politische Maßnahmen münden, ganz zu schweigen von Demokratie selbst – vielleicht schon nicht mehr am Leben.


Euphorie

Gewöhnlich nutzt Desinformation ein angebliches Vorverständnis oder  Vor-Urteil, mit dem Gefühle von Sicherheit vermittelt werden,  eine unhinterfragte Art, die Welt zu erfassen. Angeblich wissen wir immer schon, was ein Mann ist, was eine Frau ist, was Weiße von Schwarzen unterscheidet – und warum die einen besser sind als die anderen. Ein Update der Demokratie, das dieser Herausforderung begegnen will, muss Gefühle und Affekte ansprechen, die stärker sind als jenes aus vorgefertigten Überzeugungen erwachsende Wohlgefühl.

Ein kritisches Selbstbewusstsein braucht jedoch Infrastrukturen, die Kritik fördern, statt diese zum Schweigen zu bringen.[20] Nun ist Kritik nicht immer erwünscht. Denn ihre Wirksamkeit liegt oft darin, dass Menschen sich schuldig fühlen, wenn sie im Unrecht sind. Doch viele haben es satt, sich schlecht fühlen zu müssen und entwickeln deshalb Abwehrhaltungen gegenüber Kritik. Könnte es eine andere kritische Emotion geben, jenseits der Schuld? Ist eine andere kritische Infrastruktur denkbar, eine, die genau diesen Affekt erzeugt und damit Mehrheiten mobilisieren kann? Eine, die auf trans oder travesti Körperlichkeiten gründet?

Ja.

Traditionell wurde Trans-sein als Dysphorie verstanden: als Angst oder Unbehagen gegenüber dem eigenen Körper oder der eigenen sozialen Positionierung. In den letzten Jahren jedoch haben immer mehr Travestis, trans und nichtbinäre Menschen betont, dass sie nicht von Dysphorie, sondern von Euphorie angetrieben werden – von einer Freude (joy) oder einem Wohlgefühl (healthiness/well-being), die durch bestimmte vergeschlechtlichten Verhaltensweisen (gender performances) erfahren werden. Ich habe zum Beispiel seit meiner Transition festgestellt, dass meine Fähigkeit zu flirten in einem lesbischen Kontext am besten funktioniert. Ich habe keine Ahnung, wie ich sonst flirten sollte.[21] Ist geschlechtliche Euphorie transspezifisch? Vermutlich nicht. Auch cis Menschen können geschlechtliche Euphorie erleben: Denken wir beispielsweise an die Typen im Fitnessstudio, die halbnackt posieren, um Fotos ihrer muskelbepackten Körper in sozialen Medien zu posten, oder an cis Frauen, die sich mit den neuesten Schuhtrends oder Make-up-Techniken beschäftigen. Beides sind klare Anzeichen von geschlechtlicher Euphorie. Und das ist gut so!

Hier also liegt unsere neue kritische Infrastruktur: Lasst uns einen Staat entwickeln, der Euphorie ins Zentrum stellt – anstelle der heutigen Verfassungsstaaten, die sich auf den Gesellschaftsvertrag und dessen Dynamik von Unterwerfung und Schutz berufen. Ich glaube, ein solcher Wandel könnte auch die aktuelle KI-Ordnung der Desinformation und einer Macht, die nicht auf Wissen basiert, erfolgreich bekämpfen. Denn Wahrheit überzeugt in der Regel nicht, weil sie wahr ist. Sie überzeugt, weil sie sich gut anfühlt – oder zumindest besser als etwas anderes. Vielleicht lindert sie das Schuldgefühl darüber, Unrecht zu haben. Vielleicht erzeugt sie ein Gefühl von Macht und Überlegenheit. Im besten Fall kann sie eine Form von Freude und Fröhlichkeit oder Euphorie hervorrufen, wenn wir eine echte Erkenntnis erleben (wie vielleicht sogar in diesem Moment). Und genau diese Art von kritischem Affekt streben wir an.

Warum Euphorie stärker ist als andere Gefühle, kann ich hier nicht ausführlich begründen.[22] Doch an dieser Stelle will ich als Grundlage für Araújos Konzept kritischer Selbstbestimmung eine euphorische Infrastruktur vorschlagen: eine euphorische Kritik und eine euphorische Demokratie. Ein Staat, der sich nicht um Schutz herum organisiert – und damit auch nicht um Unterwerfung, Verlassenheit und Strafe –, und eine Kritik, die nicht auf Schuldgefühlen fußt. Stell dir vor: Richter*in, Kläger*in und Angeklagte*r singen gemeinsam, während sie den Fall lösen. Stell dir vor, dass Regierung und Opposition beseelt lächeln, egal wessen Vorschlag sich schließlich durchsetzt. Stell dir einen Staat vor, der konsequent versucht, die Euphorie seiner Bürger*innen in allen Lebensbereichen zu unterstützen und zu ermöglichen: die Freude darüber, am Leben zu sein, die Freude darüber, einer Community anzugehören, die Freude über die Erkenntnis. Spring aus der Badewanne wie Archimedes nach seiner berühmten Eingebung! Lauf nackt durch die Straßen! Schrei: „HEUREKA!“

 

Dieser Text erschien erstmals in der Publikation Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen (Berlin: HKW & Archive Books, 2025). S. 203–216. Eine englische Ausgabe ist ebenfalls erhältlich. 

 

[1] Araújo dos Passos, Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen, Berlin: HKW und Archive Books, 2025, S. 182, siehe auch 86, 91, 124, 127.

[2] Araújo dos Passos, Pedagogies, 87, 128ff.

[3] Araújo dos Passos, Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen, S. 91f.

[4] Araújo dos Passos, Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen, S. 74ff, 180.

[5] Araújo dos Passos, Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen, S. 174.

[6] Araújo dos Passos, Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen, S. 100, siehe auch 87, 112, 117.

[7] Araújo dos Passos, Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen, S. 73, 117, 128f.

[8] Araújo dos Passos, Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen, S. 69, 76, 117.

[9] Gayatri Chakravorty Spivak, A Critique of Postcolonial Reason: Toward a History of the Vanishing Present, Cambridge: Harvard University Press, 1999, S. 260.

[10] Araújo dos Passos, Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen, S. 77, 88.

[11] Für manche Gruppen ist dieser Übergang von geteilten Verhaltensweisen zwischen Individuen zu einer kollektiven politischen Aktivität (politisch und epistemologisch) versperrt. Für Spivak ist dies das Merkmal der ‚Subalternität‘. Und der Grund, warum Subalterne nicht „sprechen“ können, liegt genau darin, dass sie sich (aus Gründen der politischen Ideologie, aber auch aufgrund ihrer Beziehung zu Intellektuellen und zu sogenannten „native Informants“) ihre Position nicht auf eine politische Subjektivität hin aneignen können. Siehe Spivak A Critique of Postcolonial Reason, 1999, S. 270–273, sowie S. 102 und S. 196, siehe auch Araujo Dos Passos, S. 68. Für mehr über die Subalternität, siehe vor allem Namita Goswani, Subjects that matter: Philosophy, feminism, and postcolonial theory. New York: SUNY Press, 2019. Für eine trans spezifische Übertragung in den europäischen Kontext, siehe Luce deLire, Can the Transsexual Speak? philoSOPHIA: Journal of Transcontinental Feminism, Special Issue ‚Intersectionality Today‘, 2023, S. 13.

[12] Araújo dos Passos, Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen, S. 141.

[13] Vgl. Axel Honneth, Das Recht der Freiheit: Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit, Berlin: Suhrkamp, 2011.

[14] Vgl. Juliana Franke und Luce deLire, „Selbstbestimmungsgesetz: Zeichen von Disziplinierung und Privatisierung“, Neues Deutschland (2. November 2024), https://www.nd-aktuell.de/artikel/1186425.bundesregierung-selbstbestimmungsgesetz-zeichen-von-disziplin-und-privatisierung.html.

[15] Betrachten wir die Statistiken, wird allerdings klar, dass diese Strategie nicht funktioniert – es sei denn, es besteht ein recht enges emotionales Verhältnis. Siehe: Sarah Stein Lubrano. Don’t talk about politics: How to change 21st century minds. Bloomsbury Continuum: London, 2025.

[16] Baruch Spinoza, Tractatus Politicus, V.2, V/62/14, in: Opera, Bd. IV, hg. von Carl Gebhardt, Heidelberg: Carl Winter, 1925.

[17] Araújo dos Passos, Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen, S. 21, 48, 83f, 166.

[18] Peter Thiel, „The Education of a Libertarian“, Cato Unbound (13. April 2009), https://www.cato-unbound.org/2009/04/13/peter-thiel/education-libertarian/.

[19] Für einen laufend überarbeiteten Überblick über Desinformationskampagnen in der EU, siehe: EU DisinfoLab. The disinformation landscape across Europe (15 Januar 2025), https://www.disinfo.eu/publications/disinformation-landscapes-in-european-countries/. Für eine Fallstudie in Bezug auf trans* und zur besonderen Rolle des Vatikans, siehe: Rowlands, S. (2023). Landscape analysis: What we know on anti-gender movement measures and actors targeting trans people across Europe and Central Asia, Transgender Europe (TGEU), 2023, https://www.tgeu.org/files/uploads/2024/08/TGEU-AGM-landscape-analysis_updated.pdf.

[20] Araújo dos Passos, Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen, S. 117, 166f, 169.

[21] Für weitere Gedanken über das Flirten, siehe: Luce deLire, ‘Lessons in love I: On revolutionary flirting,’ Stillpoint Magazine, 2021, https://stillpointmag.org/articles/lessons-in-love-i-on-revolutionary-flirting/.

[22] Luce deLire, ‘EUPHORIA: A treatise against capitalism’s techno-tyrants (notably THE BABY) and for revolutionary Trans Lesbian hospitality’ (forthcoming). Siehe ebenfalls das letzte Kapitel von Luce deLire, Spinoza on Sex, Gender and Sexuality (Cambridge: Cambridge University Press, 2026, forthcoming).