Als Maria Clara und ich uns zum ersten Mal begegneten, war ich als Englischlehrerin, Übersetzerin und Wissenschaftlerin tätig, während sie als Bachelorstudentin zu sozialen Bewegungen und Formen politischer Kommunikation in Brasilien arbeitete. Ich hatte sie als eine der Wortführerinnen einer aufstrebenden Generation von brasilianischen travesti Denkerinnen schon lange, bevor sie schließlich bei mir studierte, bewundert. Bereits in jungen Jahren hatte sie sich fest vorgenommen, einen Weg einzuschlagen, der auf den Aufbau transnationaler Brücken und die Verwirklichung jenes politisch-pädagogischen Projekts abzielte, das sie in diesem Buch so eindrucksvoll schildert. Sie dabei zu unterstützen, ihre Englischkenntnisse weiterzuentwickeln, stellte einen der Höhepunkte meiner Lehrtätigkeit dar.

Als Pedagogias das Travestilidades in Brasilien erschien, war mir sofort klar, dass ich dieses Buch lesen, von ihm lernen und es eines Tages übersetzen wollte. Mein Wunsch ließ sich gut mit Maria Claras Vorhaben vereinbaren, Lehren und Strategien der progressiven sozialen Bewegungen in Brasilien – insbesondere der Movimento de travestis e mulheres transexuais do Brasil (MTMTB) (Bewegung der Travestis und transsexuellen Frauen) sowie der Wissenschaftlerinnen, die diese hervorbrachte – möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen.

Drei Jahre später – nach intensiver Übersetzungsarbeit, konzeptionellem Überdenken, redaktioneller Überarbeitung und Erweiterung des ohnehin schon hervorragenden portugiesisch-brasilianischen Originals – erscheint diese Publikation nun zeitgleich auf Englisch und Deutsch. Im Verlauf der Arbeit am englischen Manuskript wurde uns bewusst, dass einige unserer Gespräche über den Übersetzungsprozess und wiederkehrende akademische Fragen, die in diese aktualisierte Fassung eingeflossen sind, auch für unsere Leser*innen relevant sein könnten. Wir hoffen, dass wir auf diese Art dazu beitragen, den Kontext dieses Buches für Leser*innen, Wissenschaftler*innen und Übersetzer*innen anschaulicher zu machen.

Natália: Kannst du etwas über dein Verhältnis zu Sprachen sagen und wie es dein Denken beeinflusst hat?

Maria Clara: Vor Kurzem habe ich wieder begonnen, Spanischunterricht zu nehmen. Ich arbeite derzeit in einer internationalen Institution, in der ich täglich mehrere Sprachen spreche. Da meine Arbeit tief im transnationalen Feminismus wurzelt, ist auch Spanisch zu einer wesentlichen Sprache für mich geworden. In der letzten Unterrichtsstunde fragte unsere Dozentin, wann wir uns zum ersten Mal als Lateinamerikaner*innen verstanden hätten. Die Frage stimmte mich nachdenklich. Sie versetzte mich zurück in eine Zeit, als ich angefangen hatte, mir die Wörter genauer anzuschauen, die mich in irgendeiner Form repräsentieren und eine Geschichte über mich erzählen. Es war ein wichtiger Moment für mich, als ich erkannte, dass das Wort Travesti in Ländern wie Brasilien eine sehr spezifische Bedeutung hat. Mir wurde bewusst, dass dieser Begriff in den lateinamerikanischen Ländern unterschiedliche Bedeutungen hat, aber auch viele Gemeinsamkeiten – positive wie negative – insbesondere im Hinblick auf Geschlechtsidentität, Nationalität und Ethnizität. Als ich merkte, dass die Wörter, mit denen wir uns beschreiben, keine zufälligen oder geschichtslosen Begriffe sind, dass jedes Wort in sich ein Erbe trägt, fing ich an, Sprache als etwas zu verstehen, was die Macht hat, in die Welt einzugreifen. Ich beschreibe, ich benenne mich nicht nur. Ich produziere Bedeutungen. 

Ich bin eine brasilianische Travesti, aber ich bin auch Teil einer größeren Gemeinschaft, insbesondere in Südamerika. Diese Erkenntnis war wichtig, weil sie mir half, mein Verständnis der Region zu erweitern und Allianzen mit Menschen zu knüpfen, die sich als Teil ähnlicher politischer Identitäten verstehen. Heute ist mir vollkommen klar: Wir müssen Räume für echten Austausch über Ländergrenzen hinweg schaffen – nicht nur, was politische Ziele und gesellschaftliche Mobilisierung angeht, sondern auch in persönlicher Hinsicht. Wir müssen Zeit miteinander verbringen, voneinander lernen und Räume schaffen, in denen solche Allianzen entstehen können.

Natália: In Bezug auf regionale Debatten: Manche ‚dekolonialen‘ Wissenschaftler*innen sagen, wir sollten nicht in den Sprachen der Kolonialmächte, also auf Englisch oder Französisch, schreiben oder veröffentlichen – obwohl sie selbst auf Portugiesisch oder Spanisch publizieren. Welche Position vertrittst du in diesem Zusammenhang?

Maria Clara: In einer Zeit, in der wir mehr internationale Solidarität und ein gemeinsames Vokabular brauchen, um globale Ereignisse zu verstehen und Strategien zu entwickeln, halte ich es nicht für hilfreich, darüber zu streiten, ob es gut ist oder nicht, ein Buch wie dieses, das in Brasilien so viel Wirkung entfaltet hat, in andere Sprachen zu übersetzen. Natürlich wünsche ich mir, dass mein Buch auch ins Spanische und in so viele Sprachen wie möglich übersetzt wird. Wenn wir ernsthaft über dekoloniale oder antikoloniale Sprache sprechen wollen, sollten wir darüber nachdenken, Bücher wie dieses in Indigene Sprachen zu übersetzen. Was mich im Moment interessiert – da das Buch nun auf Deutsch und Englisch erscheint – ist: Wer ist bereit, die Stimmen aus dem Globalen Süden zu lesen und wirklich von uns zu lernen?

Natália: Denn die Ausrede, dass sie es nicht verstehen können, weil es auf brasilianischem Portugiesisch geschrieben ist, zählt jetzt nicht mehr, oder?

Maria Clara: Genau! (lacht) 

Natália: Du hast mir einmal von einer Diskussion erzählt, die du in Frankreich mit einer frankofonen trans Frau aus der afrikanischen Diaspora geführt hattest. Magst du die Geschichte noch einmal erzählen – und was du daraus mitgenommen hast?

Maria Clara: Als ich das erste Mal nach Paris gereist bin, hat eine brasilianische travesti Freundin mich und mehrere andere trans Frauen zu einem Abendessen eingeladen. Inmitten einer Unterhaltung sagte ich etwas wie „Also, ich als Travesti…“ und wurde gleich von einer trans Frau unterbrochen: „Bitte sag das nicht – du bist keine Travesti, du bist eine trans Frau.“ Sie sagte das auf Englisch, obwohl sie bis dahin den ganzen Abend Französisch gesprochen hatte. Sie meinte es nicht böse, sie war wirklich betroffen. Am Ende entwickelte sich daraus eine amüsante Situation, und ich konnte ihr unsere Perspektive vermitteln.

Es war faszinierend zu sehen, wie dieses Wort so unterschiedliche Reaktionen hervorrufen kann. Sich öffentlich als Travesti zu bezeichnen, ist immer eine politische Entscheidung. Ich weiß nie, wie die Leute reagieren werden. Trotzdem ist es für uns essenziell, diese Positionierung klar zu benennen. Der Begriff ‚Travesti‘ existierte bereits, bevor ‚transgender‘ in unseren Regionen verwendet wurde.

Die Vielschichtigkeit des Begriffs macht es besonders wichtig, mich vor Menschen, die nicht aus Brasilien kommen, als Travesti zu bezeichnen. In Brasilien und in Argentinien trägt dieses Wort ganze Geschichten in sich: Ich beschreibe damit nicht nur die individuelle Wahrnehmung meiner Selbst, ich schreibe mich damit auch in eine weitere kollektive Geschichte ein. Ich zeige: Ich komme aus einer bestimmten Gemeinschaft. Und genau das ist es auch, was ich mit Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen zeigen will. Allein ‚Transbewegung‘ zu sagen, reicht in Brasilien nicht. Wenn ich Travestis nicht ausdrücklich nenne, lösche ich Menschen aus der Geschichte, die wesentlich zu dieser Bewegung beigetragen haben.

Oft wird der Begriff ‚Travesti‘ in wissenschaftlichen Texten aus dem globalen Norden nur als Beispiel erwähnt – als Fußnote, als symbolischer Beweis dafür, dass jemand ‚dekolonial‘ arbeitet – ohne echten Bezug zum Kontext: Wo Travestis herkommen, wo sie leben, auf welchen Wegen sie sozialen Wandel bewirken. Aber wir dürfen keine Fußnote sein. Geschlechtervielfalt ist ein grundlegender Bestandteil der brasilianischen Geschichte – sie existierte schon vor der Kolonialisierung und besteht bis heute.

Natália: Wie war der Übersetzungsprozess für dich? Wie fühlt es sich an, dein Buch auf Englisch zu sehen?

Maria Clara: Es war ein sehr bereichernder Prozess. Nicht viele Travestis haben die Möglichkeit, ein Buch zu veröffentlichen und noch weniger erleben, dass ihre Werke übersetzt werden. Es bedeutet einen individuellen Erfolg, aber auch einen kollektiven Sieg für alle Travestis. Jetzt erreichen wir ein viel größeres Publikum und wahrscheinlich viele Menschen, die mit der Thematik nicht sehr vertraut sind. Für mich ist es eine Sache, über Transrechte zu sprechen und es ist etwas anderes, über Politik von und für travesti und trans Personen in Lateinamerika zu sprechen. Es gibt Überschneidungen, aber für mich ist es sehr wichtig, zu betonen, dass wir aus unterschiedlichen Positionen sprechen. 

Wir haben das Buch ja nicht nur übersetzt, sondern auch überarbeitet, stellenweise neu geschrieben und erweitert. Ich habe das Original 2020 nach meinem Bachelorabschluss geschrieben. Ich war damals 24 Jahre alt und noch dabei, mich selbst zu finden und zu der Wissenschaftlerin zu werden, die ich heute bin. Rückblickend fühlt es sich an, als hätte eine andere Person dieses Buch geschrieben. Nicht, dass ich das Buch heute anders schreiben würde, aber ich bin mittlerweile besser in der Lage, theoretisch zu erklären, warum es wichtig ist, sich damit zu beschäftigen, wie Travestis – und die LGBTQ+-Community im weiteren Sinne – neue Perspektiven auf Sexualität, Geschlecht, Identität, Demokratie und Teilhabe entwickelt haben.

Natália: Übersetzer*innen sprechen viel von ‚unübersetzbaren‘ Begriffen – Konzepte und Wörter, die sich nicht in eine andere Sprache übertragen lassen. Manche halten das für Unsinn und glauben, dass wir letztlich alle eine gemeinsame Erfahrungswelt teilen und alles kulturübergreifend übersetzbar sei. Interessanterweise hast du 2017 ein Soundstück mit dem Titel „Travesti“ não se traduz! entwickelt. Alles außer dem Titel wurde ins Englische übersetzt und 2021 als Teil der LUX-Online-Ausstellung Notes on Travecacceleration gezeigt. In dem Stück argumentierst du, dass travesti nicht übersetzt werden sollte – dass kein anderer Begriff (wie etwa ‚Transvestit‘) herangezogen werden sollte, um die Erfahrung brasilianischer Travestis abzubilden. Lustigerweise bedeutet der Satz „‚Travesti‘ não se traduz!“, wenn wir die Anführungszeichen weglassen, sowohl „Travesti sollte nicht übersetzt werden“ als auch „Eine Travesti übersetzt sich nicht.“

In der Einleitung zu Pädagogik der Travesti-Bewegungen schreibst du, dass du weder festlegen willst, wer eine Travesti ist, noch daran Interesse hast, eine geschlossene Definition dieser Identität anzubieten. Lässt sich ‚travesti‘ also nicht übersetzen? Kannst du etwas mehr zu diesen Ideen und zu deiner Ablehnung sagen, Travesti zu definieren?

Maria Clara: In Brasilien gibt es eine größere Debatte darüber, ob der Begriff travesti als Geschlechtsidentität kategorisiert werden sollte. ‚Travesti‘ nicht zu übersetzen, ist nicht nur eine redaktionelle Entscheidung: Es geht darum, die Geschichte von Travestis in andere Sprachen und Kulturen zu tragen. Es gibt Travestis in Brasilien, die sich als Teil eines dritten Geschlechts verstehen; andere sehen sich als Teil einer erweiterten Kategorie von Frau.

Ich möchte, dass die Leser*innen dieses Buches travestilidade – also den Zustand, Travesti zu sein – als Einladung verstehen, Komplexität zuzulassen, sich von ihr berühren zu lassen. Das portugiesische Wort complexidade wird oft mit etwas Schwierigem assoziiert – aber es kann auch Vielschichtigkeit bedeuten. Ich sage das, weil wir oft so sehr auf Definitionen fixiert sind, dass wir letztlich geschlossene Kategorien schaffen, die die Realität verzerren – und das kann sehr kontraproduktiv sein. Travestis fordern uns auf, über solche oberflächlichen Verständnisse hinauszugehen. Wenn jemand mehr an einer Definition von Travestis interessiert ist als an ihrer politischen und pädagogischen Praxis, ist dieses Buch vielleicht nicht für diese Person geeignet.

Travesti zu sein erfordert Praxis. Es ist kein individueller Akt der Selbstdefinition. Es ist kein individualisierender Akt der Selbstidentifikation. Es bedeutet, tief verwurzelt zu sein in einer kollektiven politischen Identität, im Aufbau von Communitys, in der Organisierung von Bewegungen, im gemeinsamen Überleben – und im gemeinsamen Erfolg. Deshalb heißt das Buch Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen – Bewegungen im Plural. Selbst unsere Praxis ist vielfältig. Es geht darum, die historischen und politischen Praktiken zu würdigen, die von Travestis entwickelt wurden.
 

Dieses Gespräch wurde am 4. April 2025 online auf Englisch geführt und anschließend für einen besseren Lesefluss redigiert. Maria Clara hielt sich zu dem Zeitpunkt in Brasilien auf, Natália Affonso in den USA.

 

Dieser Text erschien erstmals in der Publikation Eine Pädagogik der Travesti-Bewegungen (Berlin: HKW & Archive Books, 2025). S. 25–33. Eine englische Ausgabe ist ebenfalls erhältlich.