Im Rahmen von AI (Ancestral Immediacies): Digitale Zwillinge und Datendoppelgänger präsentiert Zas Ieluhee die interaktive Installation Wùn Ná Kre. Sie zielt darauf ab, die Beziehung zwischen unserem innersten Selbst und der Art und Weise, wie dieses durch Daten-Doppelgänger erfasst wird, zu überdenken. Die Arbeit untersucht die unsichtbaren Verträge des heutigen digitalen Zeitalters und versteht dabei die Beziehung zwischen Individuen und ihren Daten-Doppelgängern als eine Form der Verstrickung – ein unauflösliches Band, bei dem beide Seiten die jeweils andere an Ort und Stelle fixiert. Diese den Menschen auferlegte Starrheit wird oftmals als Versprechen von Sicherheit dargestellt und verlangt ihnen jedoch ab, die Komplexität menschlicher Erfahrungen allzu stark zu vereinfachen. Wenn der Modernismus neue Formen der Abstraktion und Fragmentierung hervorbringt und damit die Nutzer*innen von ihren Kontexten entfremdet, welche andere Rolle können dann Digitalisierung und KI spielen, als den Menschen von der Unordnung des Lebens fernzuhalten? 

Das Werk setzt sich mit der Geschichte der Tirailleurs auseinander. Es nimmt dabei die sozialen, spirituellen und materiellen Welten in den Blick, die ihre Subjektivität prägten, während sie im Krieg zu bloßen Maschinen degradiert wurden. Die Grundlage der Arbeit bildet die Serer-Mathematik, die ihrerseits in der Kosmogonie der Serer-Bevölkerung in Senegambia verwurzelt ist, aus der während des Zweiten Weltkriegs viele Tirailleurs rekrutiert wurden. Der Ausdruck „Wùn Ná Kre“ entstammt der Ghomálá-Sprache Westkameruns. Er kann sowohl einen Befehl ausdrücken, der Linie zu folgen (sich anzupassen), als auch als disziplinarische Drohung von Eltern gemeint sein, die ein Kind zum Ungehorsam herausfordert. In diesem künstlerischen Kontext wird der Ausspruch zur Einladung, sich auf Mehrdeutigkeit einzulassen und Ungewissheit anzunehmen. Die Kosmogonie der Serer dreht sich um die Zahl Drei, die das weibliche Prinzip repräsentiert, das der Schöpfung zugrunde liegt – eine Geschichte mit drei Phasen. In der Installation wird die erste Phase – die Erschaffung der tiefen Gewässer, in denen die spirituelle Welt beheimatet ist – durch den Klang vermittelt, der das Werk prägt: ein statisches Geräusch zwischen den Rhythmen des Meeresbodens und dem Brummen elektronischer Lüftungsanlagen. Die zweite Phase – die Erschaffung des Himmels und des Weltraums (mit Sternen wie Yoonir) – hat die vor der Aktivierung auf dem Bildschirm erscheinenden Bilder inspiriert. Und schließlich inspirierte die Erschaffung der Sümpfe, der Wiegen der Menschheit und des Lebens auf der Erde – wie die Bäume, in denen Pangool (Ahnengeister) wohnen – die Vinyl-Drucke, die sich über den Boden der Installation schlängeln. Wùn Ná Kre formuliert eine Kritik an einer Welt, in der menschliche (und nicht-menschliche) Daseinsformen von Kontrollsystemen in die Enge getrieben wurden. Zugleich regt es die Frage an: Was passiert, wenn wir aufhören, uns anzupassen – und uns stattdessen darauf konzentrieren, zu gedeihen?  

In Auftrag gegeben vom Haus der Kulturen der Welt (HKW). Interaktive Systeme und visuelle Programmierung von Lars Sorger.