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AI (Ancestral Immediacies): Digitale Zwillinge und Datendoppelgänger

Installationen, Vorträge, Performances, Gespräche

22. & 23. Mai 2026

AI – Ancestral Immediacies Logo

Visual: Yukiko

AI (Ancestral Immediacies): Digitale Zwillinge und Datendoppelgänger befasst sich mit der rasanten Zunahme virtueller Darstellungen und synthetischer Nachbildungen, die durch digitale Infrastrukturen ermöglicht werden, und untersucht die Auswirkungen dieser „Verdopplung“ des Lebens. Bei einem „digitalen Zwilling“ handelt es sich um das digitale Spiegelbild eines physischen Objekts, Systems oder Prozesses, das mit Daten aus der realen Welt auf dem neuesten Stand gehalten wird und wiederum zur Simulation, Überwachung oder Analyse seines echten Gegenstücks verwendet werden kann. Im Gegensatz zu statischen Archiven erlauben Simulationen dieser Art jederzeit sowohl den Zugriff auf als auch den Eingriff in diese Gegenstücke – ein Versprechen, das nur allzu leicht in Formen der Kontrollausübung umschlagen kann.  Durch die Automatisierung von Daten, die die Vergangenheit ordnen, um die Zukunft vorherzusagen, stellt Künstliche Intelligenz nun in Aussicht, das Anzestrale, also das Wissen vorausgegangener Generationen, in die Unmittelbarkeit der Gegenwart zu holen. Somit positioniert sich der digitale Zwilling als etwas, das einem unmittelbaren Ahnen gleicht. Indem sie die spirituelle Nähe von Zwillingen heraufbeschwört, die sich auf eine über die Sprache sowie sogar das Zeit-Raum-Gefüge hinausgehende Weise zu kennen scheinen, bietet diese Figur einen privilegierten und „lebendigen“ Zugang zur realen Welt.

In der Vergangenheit wurde angeführt, dass ein digitaler Zwilling im Sinne einer Objektivierung funktioniert, das heißt als die Umwandlung komplexer Realitäten in Formen, die wiederum rechnerisch dargestellt und dann weiterverarbeitet werden können. So wird beispielsweise ein digitaler Zwilling der berühmten Hamburger Köhlbrandbrücke, die bis 2030 abgerissen und ersetzt werden soll, nun auf Schwachstellen und Verfallserscheinungen untersucht. Diese Untersuchungen stützen sich anstatt auf den materiellen Zustand der physischen Architektur auf Datenpunkte und Warnsensoren, um Verschleiß auszumachen. Der digitale Zwilling bringt somit die Zeitlichkeit von Instandhaltung und Reparatur ins Wanken. Beispielsweise gibt es Smart Citys, in denen digitale Zwillinge zum Zwecke der Klimaregulierung und der Bewältigung anderer drohender Krisen eingesetzt werden. In diesen Fällen werden längerfristige Investitionen in nachhaltige Architektur potenziell zugunsten Sofortmaßnahmen zur Schadensbegrenzung vernachlässigt. Obendrein gestalten sie Stadtlandschaften als transparent und handlungsfähig und reproduzieren damit eine bestimmte Subjektivität: Rassifizierte und gegenderte Körper sind möglicherweise nicht in der Lage, sich in diesen Räumen mit der entsprechenden Leichtigkeit zu bewegen.[1]

Trotz seiner Unmittelbarkeit signalisierenden Sprache lässt sich der digitale Zwilling besser als ein dreidimensionales Archiv beschreiben, das auf Game-Engines läuft. Er birgt die Hoffnung in sich, das vom Verschwinden Bedrohte zu retten und zu bewahren, und stellt gleichzeitig in Aussicht, ein neues Zeitalter ferngesteuerter Kontrolle einzuläuten. Bemerkenswert ist daher, dass digitale Zwillinge nicht nur zur Kontrolle von Brücken und Stadtlandschaften eingesetzt werden. Sie dienen auch dazu, in einer vom Klimakollaps bedrohten Welt ganze Kulturen zu bewahren. Dies zeigt sich am Beispiel von Tuvalu. Der Inselstaat hat als weltweit erste digitalisierte Nation internationale Anerkennung erlangt. Da das physische Territorium des Landes durch steigende Meeresspiegel bedroht ist, könnten von seinem sozialen und kulturellen Erbe letzten Endes nur noch digitale Überreste in seinem digitalen Zwilling übrig bleiben. Das verleiht diesem eine große archivarische Bedeutung. Das Wissen, das derzeit auf den digitalen Zwilling übertragen und normalerweise von den Ältesten bewahrt wird, könnte für die Nation die einzige Möglichkeit darstellen, ihre Traditionen zu bewahren. Mehr noch könnte es sogar das Konzept der nationalen Zugehörigkeit, basierend auf einer neuen und inhärent diasporischen Form des kulturellen Erbes, neu definieren. Andere Nationen, darunter auch solche, die weniger vom Umweltkollaps bedroht sind, folgen Tuvalus Beispiel.

Solche Entwicklungen werfen Fragen auf. Was wird zu Daten gemacht und woraus überhaupt lassen sich Daten machen? Wie repräsentieren diese Daten-Doubles ihre Offline-Zwillinge, und welche Kontexte stellen sie dabei her? Anstatt auf demokratischen Prozessen zu beruhen, werden derlei Entwicklungen vielmehr von einem Gefühl der Dringlichkeit und der Verlockung getrieben, mit neuen digitalen Architekturen experimentieren zu können. Tatsächliche reparative Maßnahmen – wie Investitionen in den Klimaschutz oder die Erhaltung von Infrastrukturen – laufen dabei Gefahr, vernachlässigt zu werden. Dazu kommt eine von Begeisterung und Grenzenlosigkeit geprägte Sprache, mit dem weiteren Effekt, dass arbeitende Körper und Affekte verflacht oder gar gänzlich ausgeschlossen werden, da sie als nicht berechenbar und daher als unwichtig angesehen werden.

AI (Ancestral Immediacies): Digitale Zwillinge und Datendoppelgänger setzt sich mit den psychologischen, infrastrukturellen, ethischen und affektiven Dimensionen der digitalen Verdopplung von Landschaften, Monumenten und Persönlichkeiten auseinander. Wie wird die Politik eines Doppelgängers bestimmt, wie wird mit seinen Schwächen und Verletzlichkeiten umgegangen? Welche psychologischen, infrastrukturellen und ethischen Dimensionen hat der Akt der Verdopplung? Was bedeutet es, dass Menschen die Realität zu einer Zeit verdoppeln, die von wachsenden sozialen Ängsten geprägt ist, die dem Anschein nach aus der Auseinandersetzung mit digitalen Infrastrukturen entstehen und von ihnen angefacht werden? Da KI das sensorische Multiversum menschlicher und nicht-menschlicher Erfahrungen nicht reproduzieren kann, betrachtet AI (Ancestral Immediacies): Digitale Zwillinge und Datendoppelgänger mittels Performances, Spaziergängen, Vorträgen, Gesprächen und einer Installationsarbeit die verkörperten Affekte und Reaktionen auf externe Reize als Teil des Spiels der Verdopplung.

[1] Gillian Rose, „Visualising human life in volumetric cities: City digital twins and other disasters“, Dialogues in Urban Research, 3/2 (2025), S. 148–169.