Fr, 04. Mai 2018

Anthropocene Lecture: Bruno Latour

Restaurant View, Cairo Egypt | © Armin Linke, 2006

Restaurant View, Cairo Egypt | © Armin Linke, 2006

Im Zentrum aktueller politischer Stürme steht die Klimafrage, argumentiert der Soziologe und Wissenschaftsphilosoph Bruno Latour. Er sieht in ihr die Bedingung gegenwärtiger Geopolitik und betont ihren inneren Zusammenhang mit Ungerechtigkeit und wiedererstarkendem Nationalismus. In seiner Anthropocene Lecture stellt er die Frage, wie in dieser Situation wieder festen Boden unter den Füßen gewonnen werden kann.

In seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch Das terrestrische Manifest betrachtet Latour die ökologische Krise des Anthropozäns als eine grundlegende Krise der Moderne. Diese hatte sich in einer Weltdefinition verschanzt, die abstrakt und ohne Bezug zu ihren materiellen Randbedingungen steht. Die moderne Gesellschaft scheint daher, ähnlich wie archaische Gesellschaften, unfähig, auf eminenten Wandel zu reagieren. Stattdessen verdeutlichen die politischen Anomalien der Gegenwart, dass die Angebote, wie auf diese Krise zu reagieren sei, unheilige Allianzen gegen das eigentliche Problem hervorbringen: Während das Kapital sorglos in eine posthumane Hypermoderne voranschreitet, wird zugleich die Flucht in nationale und ethnische Imaginationen angetreten. Wenn sich jedoch überall in Europa und anderswo Menschen nach der imaginären Heimstatt einer alten nationalen Ordnung zurücksehnen, ist es für Latour entscheidend, die Kartographie eines neuen Territoriums zu entwickeln, das sowohl örtlich zugehörig als auch weltbezogen bleibt. Er plädiert für eine Politik, die weder globalistisch noch nationalistisch agiert, sondern erdverbunden. Seinen Entwurf einer „terrestrischen Politik“ diskutiert Latour im Anschluss an seinen Vortrag mit Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK).

Bruno Latour ist emeritierter Professor des Sciences Po in Paris, wo er weiterhin am médialab und dem Experimental Programme in Political Arts (SPEAP) assoziiert ist. Seit Januar 2018 ist er Fellow am ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe und Professor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG). Er ist Mitglied zahlreicher Akademien und Träger von sechs Ehrendoktorgraden sowie des Holberg Preises des Jahres 2013. Latour hat mehr als 20 Bücher und insgesamt über 150 Artikel veröffentlicht.

Hans Joachim Schellnhuber gründete 1992 das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und leitet es seit dem als Direktor. Er ist Professor für Theoretische Physik an der Universität Potsdam, Research Fellow am Stockholm Resilience Centre und Senior Advisor am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Herr Schellnhuber ist derzeit Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) und gewähltes Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und weiterer akademischer Vereinigungen.

Die Anthropocene Lectures laden Akteur*innen der Anthropozän-Debatte dazu ein, das Konzept neu zu akzentuieren und weiterzudenken.
Mehr zum Anthropozän-Projekt

Die Reihe entsteht in Kooperation mit dem Institute for Advanced Sustainability Studies, Potsdam, und dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin.