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Art Without Death: Russischer Kosmismus


Fr, 01. September 2017 — Di, 03. Oktober 2017

Anton Vidokle, Filmstill aus Immortality and Resurrection for All, 2017. Courtesy the artist

Anton Vidokle, Filmstill aus Immortality and Resurrection for All, 2017. Courtesy the artist

Anton Vidokle, Filmstill aus Immortality and Resurrection for All, 2017. Courtesy the artist

Anton Vidokle, Filmstill aus Immortality and Resurrection for All, 2017. Courtesy the artist

Anton Vidokle, Film Still aus The Communist Revolution Was Caused By The Sun (2015). Courtesy the artist

Anton Vidokle, Film Still aus The Communist Revolution Was Caused By The Sun (2015). Courtesy the artist

Der Russische Kosmismus stand für die Forderungen nach physischer Unsterblichkeit der Lebenden, Wiedererweckung der Toten und Reisen ins All. Die Bewegung entwickelte sich aus der Spiritualität im Russland des 19. Jahrhunderts verbunden mit einer schier unerschöpflichen Begeisterung für Wissenschaft und Technik. Die Doktrin vom unsterblichen Dasein im unendlichen Raum vereinte in sich den Optimismus sowohl der Wissenschaft als auch der Künste der damaligen Zeit. Seither hatte das utopische, science-fiction-artige Denken der Kosmist*innen großen Einfluss auf Kunst, Wissenschaft und Politik – im vorrevolutionären Russland ebenso wie in der Sowjet-Ära.

Aus heutiger Sicht eröffnet der Russische Kosmismus, obwohl von der offiziellen Sowjet-Ideologie überschattet, neuartige Perspektiven auf die russische Avantgarde sowie Ideologie und Politik Russlands bis in die Gegenwart. So verlangte etwa Nikolai Fjodorow (1829–1903) in seinen einflussreichen Schriften, dass oberstes Ziel der Technologieentwicklung die Überwindung des Todes sein müsse; alle Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben, müssten wieder zum Leben erweckt werden. Die Kosmist*innen waren auch visionäre Wegbereiter*innen der Raumfahrt – bei Fjodorow etwa war die Besiedlung anderer Planeten unausweichliche Folge der Raumknappheit nach der Wiedererweckung der Verstorbenen. Das Museum als Institution spielte ebenfalls eine bedeutende Rolle: Dort sollten die für die Resurrektion nötigen Überreste der Toten konserviert werden. Fjodorow wie auch der Maler und Gründer des Suprematismus Kasimir Malewitsch glaubten außerdem, das Museum sei nach dem Tod Gottes der einzige Ort, an dem eine transhistorische Vereinigung über das Grab hinaus möglich sei.

Art Without Death ergründet den Russischen Kosmismus – seine philosophischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Konzepte und Ideen – und verknüpft dabei historisches Material mit zeitgenössischen Positionen. Eine Ausstellung präsentiert die Film-Trilogie Cosmism (2013–17) von Anton Vidokle in einer Architektur, die von muslimischen Friedhöfen in Kasachstan – wo viele Sequenzen gedreht wurden – und dem Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz inspiriert ist. Das Ausstellungsdesign von Nikolaus Hirsch und Michel Müller basiert auf einer Idee von Hito Steyerl. Der dritte Teil der Trilogie, ein ausgedehntes Rechercheprojekt, dessen Drehorte sich über die gesamte ehemalige Sowjetunion erstrecken, wird bei Art Without Death Premiere feiern. Daneben zeigt die Ausstellung historische Werke der Sammlung George Costakis (Staatliches Museum für zeitgenössische Kunst, Thessaloniki), der größten Sammlung der Russischen Avantgarde außerhalb Russlands. Die Arbeiten – ausgewählt vom Philosophen und Kunstkritiker Boris Groys – sind von Projekten einer utopischen Biopolitik der Unsterblichkeit inspiriert und ermöglichen eine neue Lesart vor ihrem oft übersehenen kosmistischen Hintergrund. Arseny Zhilyaevs raumgreifende Arbeit schließlich – funktionsfähige Bibliothek und Installation in einem – versammelt Schlüsselwerke kosmistischer Theorie, Wissenschaft, Lyrik und Fiktion aus Russland unter dem Licht therapeutischer Lampen zur Verbesserung der Blutzirkulation, die auf einer Technologie des Biophysikers Alexander Tschischewski basieren.

Eine Konferenz am 1. und 2. September untersucht die aktuelle Bedeutung des Russischen Kosmismus: An der Schwelle zwischen Anthropozentrismus und Materialismus stehend, gewinnt die Bewegung 100 Jahre nach der Russischen Revolution erneut an Relevanz. Mit Beiträgen von Anastasia Gacheva, Hito Steyerl, Trevor Paglen, Kodwo Eshun, Keti Chukhrov, Michael Hagemeister und anderen.

Eine Publikation von Sternberg Press mit Gesprächen über den Kosmismus mit Arseny Zhilyaev, Hito Steyerl, Franco (Bifo) Berardi, Boris Groys, Marina Simakova, Anton Vidokle und anderen erscheint im September 2017.

Im Rahmen von 100 Jahre Gegenwart

Ausstellung, Konferenz

Eröffnung 31.8.2017

Ausstellung
Fr, 01. September — Di, 03. Oktober 2017
Täglich (außer Di) 11–19h

Konferenz
Fr 01. und Sa 02. September 2017