Nischal Khadka, What Can a Song Do to You (2025–26)
Listening Encounter mit Gongs aus der Himalaya-Region und Becken

Was geschieht mit einem Lied, wenn es die Person überdauert, die es singt? Was bedeutet das Zuhören, wenn Geschichte sich durch Atmen, Knistern und Verlust ausdrückt? Inwiefern kann Klang zugleich als ein Archiv der Gewalt als auch eines des Überlebens dienen? In diesem Listening Encounter setzt sich Nischal Khadka mit den Erfahrungen von Nepalesen auseinander, die unter dem britischen Kolonialismus rekrutiert und zur militärischen Ausbildung sowie zu Kriegen gezwungen wurden, die nicht ihre eigenen waren. Tausende von ihnen waren während des Ersten Weltkriegs in deutschen Gefangenenlagern interniert, beispielsweise in Wünsdorf bei Berlin. Doch ihre Geschichten sind in der Stadt nach wie vor kaum bekannt. 

In kolonialen Narrativen wurden nepalesische Rekruten als „Gurkhas“ bezeichnet, um sie herum wurde der Mythos einer „kriegerischen Rasse“ konstruiert. Doch der Begriff bezog sich ursprünglich lediglich auf die nepalesische Bergregion Gorkha, aus der viele von ihnen rekrutiert wurden. Während ihrer Gefangenschaft in deutschen Lagern wurden sie einer weiteren Form der Ausbeutung ausgesetzt: Forschende nahmen im Rahmen kolonialer ethnografischer Projekte ihre Stimmen und Sprachen auf. Khadka folgt dem Vorschlag Saidiya Hartmans, mit und gegen diese Sammlungen von Tonaufzeichnungen zu arbeiten. Er betrachtet diese Archive als umkämpften Raum, in dem Gewalt genauso wie das Andenken und das Überleben weiterhin nachhallen. 

Das Listening Encounter stützt sich auf ein Lied des nepalesischen Rekruten Jas Bahadur Rai, der nie aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Das Stück wurde im Jahr 1916 unter Haftbedingungen aufgenommen und ist heute auf einer Reihe von fragilen Wachszylindern erhalten. Durch aufmerksames Zuhören und mittels zeitgenössischer Feldaufnahmen aus Wünsdorf entfaltet Khadka vielschichtige Geschichten und Emotionen, um mögliche Fluchtwege Bahadur Rais aus dem Gefangenenlager zu imaginieren. Khadka setzt das Lied in Beziehung zu seinen eigenen Erfahrungen als nach Berlin emigrierter Nepali, verortet es in der Tradition nepalesischer folkloristischer Musik und widmet den Texten, die an die Landschaft von Gorkha erinnern, besondere Aufmerksamkeit. So ermöglicht er eine generationenübergreifende klangliche Begegnung und unterstreicht die Rolle des Gesangs als Raum antikolonialer Zugehörigkeit.  

Mohamed-Ali Ltaief, I Hear the Old Sound of The World’s Future (2026)
Lecture-Performance und Hörakt  

Lecture Performance und Hörakt betonen die Verbindungen zwischen Klang, Poesie und Kunstgeschichte, indem sie zur neuerlichen Auseinandersetzung mit den Tonaufzeichnungen des frühen 20. Jahrhunderts in Nordafrika anregen. Mohamed-Ali Ltaief befasst sich mit Aufnahmen, die sich dem kolonialen Apparat widersetzen. Er lädt das Publikum dazu ein, anders zuzuhören und zu erkennen, wie ihr Klang bis heute nachhallt. Die Arbeit stützt sich auf die Sprachaufnahmen nordafrikanischer Tirailleurs, die während des Ersten Weltkriegs in deutschen Kriegsgefangenenlagern interniert waren. In diesem Hörakt bringt Ltaief die Dichter und Musiker der Tirailleurs in einen Dialog mit Kulturproduzent*innen jener Zeit und entwirft auf diese Art eine moderne Kunstgeschichte, die sich der epistemischen Gewalt des Kolonialismus widersetzt. In der Lecture Performance sind die Stimmen der tunesischen Dichter und Sänger Younes und Othmane (die im Lager Wünsdorf in Brandenburg inhaftiert waren) sowie des somalischen Dichters Mohamed Nur (der im Lager Ruhleben in Berlin inhaftiert war) zu hören. 

Ermöglicht wurde der Zugang zu den Aufnahmen dank der Unterstützung und den Aufarbeitungsbemühungen des Centre for Arab and Mediterranean Music am Ennejma Ezzahra in Tunis sowie des Berliner Phonogramm-Archivs, des Lautarchivs der Humboldt-Universität zu Berlin und des Institut Mémoires de l’Edition Contemporaine (IMEC) in Frankreich. Sie wurden zudem über Gegenarchive ausfindig gemacht, beispielsweise in Katalogen unabhängiger Musiklabels, darunter Oum-El-Hassen (Tunis, ab den 1930er-Jahren), Rsaïssi  (Tunis, 1930er-Jahre), Fiesta (Paris, 1940er-Jahre), Macksoud  (New York, 1910er- bis 1930er-Jahre) und Alamphon (USA, 1950er Jahre).  

Die Lecture Performance und der Hörakt sind Teil von Mohamed-Ali Ltaiefs Ausstellungs- und Forschungsprojekt I Hear the Old Sound of The World’s Future (2026), das von der Kamel Lazaar Foundation in Zusammenarbeit mit Ibraaz in London und dem Festival Archipel in Genf  entwickelt wurde.