Während des Ersten Weltkriegs wurden Tausende junger afrikanischer Männer eingezogen, um für Frankreich und Großbritannien zu kämpfen. Viele von ihnen gerieten in Gefangenschaft und wurden in Deutschland als Kriegsgefangene festgehalten. Ihre Geschichten und Lieder wurden von der Königlich Preußischen Phonographischen Kommission aufgezeichnet und archiviert, später wurden sie in das Lautarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin aufgenommen. Auch wenn sie unter Zwang aufgenommen wurden, stellen diese Sammlungen von Tonaufzeichnungen bedeutende, aber bislang wenig erforschte Quellen für neue historische Perspektiven und alternative Wissensproduktion dar.  
  
In dieser Keynote vollzieht Anette Hoffmann die Geschichte dieser Aufnahmen und ihre eigene Forschung in der Sammlung des Lautarchives nach. Hoffmann rückt die Stimmen, die Inhalte der Aufnahmen und die historische Position der Sprecher in den Vordergrund, anstatt die Aufzeichnungen als „linguistischen Forschungsgegenstand“ zu behandeln. Der Vortrag konzentriert sich auf einen bestimmten Sprecher, Abdoulaye Niang (1878–1919) aus Dakar, der im 234. Regiment der französischen Infanterie kämpfte. Er wurde später verwundet, gefangengenommen und im Kriegsgefangenenlager Wünsdorf bei Berlin interniert. Abdoulayes Aufenthalt in Europa hinterließ archivarische Spuren in verschiedenen Institutionen und Sammlungen, die jahrzehntelang ignoriert wurden. In den vergangenen Jahren jedoch wurden seine Aufnahmen von Serigne Matar Niang und Fatou Cissé Kane aus dem Wolof übersetzt.  

Darin sang Abdoulaye von den Rekrutierungskampagnen der französischen Kolonialarmee, nach denen er und andere afrikanische Männer in den Krieg nach Europa geschickt wurden. Ebenso thematisiert er seinen Wunsch, nach Dakar zurückzukehren. Indem sie seinen Spuren durch die Archive folgt, zeigt Hoffman, wie Abdoulayes Stimme durch die Aufnahme hindurch bis heute nachhallt. Des Weiteren stellt sie das Projekt Echo travels vor, das kürzlich in Kapstadt ins Leben gerufen wurde. Es bietet den Zuhörenden die Möglichkeit, sich in der Gegenwart mit seinem akustischen Echo auseinanderzusetzen.