Was bedeutet es, wenn ein Osten auf den anderen Osten blickt? Können die Romantisierten selbst romantisieren? In ihrer Lecture-Performance I Utter Other (2014–) setzen sich Slavs and Tatars angefangen mit Pol*innen im Dienste des Zaren bis hin zu persischen Presbyterianer*innen mit einem Kuriosum auseinander, das sie im Kontext des Russischen Reichs und den Anfangsjahren der UdSSR als „slawischen Orientalismus“ bezeichnen. Laut dem Künstlerduo stellt der slawische Orientalismus einen entscheidenden Kontrapunkt, wenn nicht gar einen Vorläufer der gängigen Lehrmeinung des Said’schen Orientalismus dar. Trotz des abrupten Übergangs vom Zarismus zum Bolschewismus verkompliziert die Erforschung des Ostens im Osten Vorstellungen von Identitätspolitik und Wissen im Dienste der Macht. Sie lieferte schon etwa 60 Jahre zuvor eine schlüssige postkoloniale Kritik.   

In dieser Neuauflage ihrer Arbeit vertiefen Slavs and Tatars ihre Auseinandersetzung mit dem deutschen Orientalismus und dem Propagandaapparat, der sich gegen die muslimischen Tirailleurs richtete, die während des Ersten Weltkriegs im Kriegsgefangenenlager in Wünsdorf in Brandenburg inhaftiert waren. Die Performance-Lecture untersucht Formen des Otherings und rassistische Darstellungen der Tirailleurs in diesem Kontext. Auch spürt sie ideologische Überbleibsel auf, die bis heute diskriminierende Diskurse über Migration und Zugehörigkeit prägen.