Aficionado – Flamenco Moro | Aly Keïta Trio | Hassan Boussou
Konzerte
18:00–19:00 Aficionado – Flamenco Moro
19:15–20:00 Aly Keïta Trio
20:30–22:00 Hassan Boussou
22:00–00:00 DJ-Set Kabylie Minogue (Magnus Hirschfeld Bar)
Sa., 4.7.2026
18:00–00:00
Paulette Nardal Terrasse
24€ / ermäßigt 20€ (Abendticket)

Hassan Boussou. Foto: Promo
Aficionado – Flamenco Moro by Alaa Zouiten Sextett
Vierzehn Kilometer trennen Tarifa und Tanger. Die kürzeste Seestraße der Welt zwischen zwei Kontinenten – und seit Jahrhunderten eine der durchlässigsten. Die Mauren brachten ab dem achten Jahrhundert ihre Modi, ihre Lauten, ihre Poetik nach al-Andalus; sieben Jahrhunderte später wurden sie vertrieben, doch was sie an Klang hinterließen, ist nie verschwunden. Es lebt weiter im Flamenco – einer Musik, die spanisch ist und zugleich nie nur ganz spanisch war. Aficionado – Flamenco Moro greift diesen unterbrochenen Faden noch einmal auf und knüpft ihn neu. Geführt wird das Sextett von Alaa Zouiten, in Casablanca geboren und seit Jahren in Berlin lebend. Der Oud-Spieler und Komponist hat drei Alben veröffentlicht und arbeitet seit über einem Jahrzehnt an transkulturellen Projekten zwischen Marokko, Europa und der arabischen Welt. Was Zouiten in jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Flamenco entdeckte, war nicht zuletzt seine eigene marokkanische Tradition, gehört durch das Ohr ihrer entfernten Schwester. Der Name des Projekts ist eine Hommage: aficionado nennt man in Andalusien jene, die nicht von der Tradition leben, sondern für sie – die inden Peñas mitsingen, die mit Geduld und Demut in eine Musik eindringen, die nicht ihre eigene ist und es doch irgendwann werden kann. So versteht sich Aficionado: als Liebeserklärung an den Flamenco aus marokkanischer Perspektive und zugleich als Wiederfinden jenes Ortes, an dem beide Traditionen einander nicht aus den Augen verloren hatten. Und dann gibt es jenen anderen, tieferen Ort, an dem Marokko und Andalusien einander begegnen: den Duende. Was Federico García Lorca als die dunkle, besessene Tiefe beschrieb, in der die wahre Flamenco-Stimme geboren wird, kennt die Gnawa und die gesamte marokkanische Trance-Praxis unter eigenen Namen – derselbe Schauer, der über die Meerenge hin- und herwandert. Das im April 2025 erschienene Debütalbum hat dem Projektschnell internationale Geltung verschafft: vier Sterne in der britischen Fachzeitschrift Songlines, Platz 17 in den Global World Music Charts, Tourneen durch China und Marokko, Einladungen quer durch Europa. Für das Festival schließt Aficionado eine Lücke: zwischen den Reisen der Gnawa nach Mali, Brasilien, Kuba, Haiti und Italien führt dieser eine Weg nicht über den Atlantik, sondern über die Meerenge – zurück zu jenem südlichen Spanien, das selbst längst ein Echo Marokkos ist. Was an diesem Abend zur Aufführung kommt, ist deshalb kein Crossover, sondern eine Heimkehr in zwei Richtungen zugleich.
Aly Keïta Trio
Aly Keïta, Sänger, Balafonspieler, Komponist, langjähriger und erfolgreicher Protagonist der pulsierenden Berliner Jazzszene, hat soeben sein jüngstes Album Balafon Evolution vorgelegt, aufgenommen mit seinem Berliner Trio, das außer ihm noch Marcel van Cleef an den Drums und Roberto Badoglio am Bass umfasst. Seit 2008 spielen Cleef und Keïta zusammen, 2014 kam Badoglio hinzu. Gemeinsam sind sie weltweit unterwegs, für das Album haben sie nun die Sängerin Mariam Koné als Gast dazugebeten, die sie auch bei ihrem Konzert im HKW begleiten wird. Das Repertoire umfasst afrikanische Rhythmen, Jazz und Improvisation. Aly Keïta wurde in Abidjan, Côte d’Ivoire, geboren. Er lernte das Balafonspiel von seinem Vater, einem geachteten Mandingo Griot, und zog dann mit seinem Bruder zur Großmutter nach Mali, wo sie, der Familientradition folgend, Balafone bauten und spielten. Mit 18 Jahren hatte sich Aly Keïta schon einen guten Ruf als Balafonvirtuose erarbeitet, wurde von erfolgreichen Musikern gebucht, begann mit ihnen die Welt zu bereisen und kam so mit dem Jazz in Berührung, der ihn nie mehr losließ. Als Erster nutzte er das Balafon, das bisdahin als rein perkussive Begleitung eingesetzt wurde, als Soloinstrument, chromatisch stimmbar, für Melodieführung im Zentrum der Bühne und der Show – und setzte so neue Maßstäbe und eröffnete neue Möglichkeiten für nachfolgendeGenerationen von Balafonspielern.
Hassan Boussou
Kein Festivaltag vergeht ohne Gnawa – an diesem Abend aber führt das ganze Programm zu ihr hin. Begonnen hatte er auf der nördlichen Seite des Mittelmeers mit Aficionado – Flamenco Moro, in dem die Gnawa als unausgesprochenerSubtext mitschwingt. Weitergegangen ist er mit dem Aly Keïta Trio: Mandingo-Balafon aus Côte d’Ivoire und Mali, eingelassen in Jazz und Improvisation. Und nun gipfelt der Abend in einem authentischen Gnawa-Konzert mit Maalem Hassan Boussou aus Casablanca. Eine Dramaturgie, die nicht zufällig ist: was hier in drei Sets aufeinanderfolgt, ist im Grunde eine einzige große Linie quer durch das Andalusien-Maghreb-Sahel-Kontinuum, an deren südlichem Pol die Gnawa selbst steht. Hassan Boussou ist der Sohn und musikalische Erbe des legendären Maalem Hmida Boussou, einer der ganz großen Figuren der Gnawa-Bruderschaft des 20. Jahrhunderts. Die Familie Boussou stammt derÜberlieferung nach aus der Gegend des Tschad-Sees – eine biographische Spur, die unmittelbar zurückführt zu jenen subsaharischen Wurzeln, aus denen sich die Gnawa als Klang einer ganzen Migrationsgeschichte überhaupt erst formte. Hassan hat diese Tradition nie museal eingefroren: er gründete 1996 in Belgien die Band Gnawa Fusion und arbeitete mit Jazzfiguren wie Bojan Z und Julien Lourau, ohne je den Boden seines Erbes zu verlassen.
Zum Ende seines Konzerts begrüßt er einen Special Guest auf der Bühne – Aly Keïta kehrt mit seinem Balafon zurück. Guembri und Balafon, beide aus demselben Boden gewachsen, finden in einem letzten gemeinsamen Stück zueinander: ein Schlussakkord, der noch einmal die grundlegende Idee dieses Festivals hörbar macht – dass die Gnawa keine Insel ist, sondern ein Knoten in einem viel weitergespannten musikalischen Geflecht.