Nach der Armenien-Resolution: Schritte, Brüche und Erinnerungen in einer postmigrantischen Gesellschaft
In Zusammenarbeit mit AKEBİ e.V.
Sa., 25.4.2026
17:00–22:00
Eintritt frei

Videostill aus Sahman-Grenze-Kuş, Performance von Jasmin İhraç. Foto: Leyla Cömert
Am 24. April 1915 wurden in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, hunderte armenische Intellektuelle verhaftet. Seither gilt das Datum als politische und symbolische Schwelle des Genozids an den Armenier*innen und anderen nicht-muslimischen Gemeinschaften des Osmanischen Reiches. Was die Armenier*innen als Aghet bezeichnen — die Katastrophe — forderte rund 1,5 Millionen Menschenleben, führte zu Massendeportationen in die syrische Wüste und zu einer globalen Zerstreuung der Überlebenden. Der Genozid ist weit mehr als ein historisches Ereignis: Er stellt eine anhaltende Zäsur dar — in der Sprache, in Verwandtschaftsstrukturen, in der kulturellen Weitergabe und in den kollektiven Vorstellungen von Verantwortung, Gerechtigkeit und Zusammenleben, geprägt von Leugnung und Erinnerung.
Mit einer Resolution von 2016 erkannte der Deutsche Bundestag diese Verbrechen offiziell als Genozid an, bekannte sich zu Deutschlands historischer Verantwortung als Verbündeter des Osmanischen Reiches und forderte erneute Bemühungen um Erinnerung, Versöhnung und Aufklärung. Dennoch sind die politischen und sozialen Folgen dieser Anerkennung umstritten. Ein Jahrzehnt später bleibt die Resolution in der postmigrantischen Gesellschaft Deutschlands und insbesondere innerhalb der armenischen Diaspora ein Anlass für Reflexionen und Debatten: Was bedeutet Anerkennung in ihrer Umsetzung, ohne rechtliche Verpflichtungen? Wie entfaltet sich Erinnerungskultur im Spannungsfeld von staatlicher Anerkenntnis und beständiger Leugnung? Und wie können Solidaritäten zwischen Gemeinschaften entstehen, die historisch auf entgegengesetzten Seiten von Gewalt standen?
Mit diesem vielfältigen Programm eröffnet das HKW einen Raum um sich diesen Fragen durch Kunst, Wissenschaft und kollektiven Dialog zu widmen. Organisiert in Kollaboration mit AKEBI, einer in Deutschland ansässigen Initiative von Aktivist*innen, mit Verbindungen zur Türkei, die sich der Aufarbeitung des Erbes des armenischen Genozids und der Stärkung des türkisch-armenischen Dialogs verschrieben hat, stellt das Programm Solidarität als ethisches Engagement und politische Praxis in den Vordergrund.
Programm
17:00
Performance
Sahman-Grenze-Kuş
von Jasmin İhraç
Safi Faye Saal
In dem Solo Sahman-Grenze-Kuş setzt sich die Choreographin und Tänzerin Jasmin İhraç tänzerisch mit den Erlebnissen in der Ruinenstadt Ani an der türkisch-armenischen Grenze auseinander. Die Arbeit nähert sich an die Vielschichtigkeit des Ortes an und beleuchtet die Aspekte von Grenzen, Spuren, Traditionen und der Weitergabe von Erinnerungen. Durch das Zusammenwirken verschiedener Präsenzebenen und die Verbindung von Live-Performance und Filmmaterial entsteht ein Dialog zwischen verschiedenen Medien, Temporalitäten und Räumen.
17:35
Benennungszeremonie: Mari Beylerian Garten
Garten, Spreeseite
Մառի Պէյլերեան (Mari Beylerian) war eine 1877 in Konstantinopel geborene armenische Aktivistin, Feminsitin, Pädagogin, Schriftstellerin und Intellektuelle. Die Benennungszeremonie verleiht dem Mari Beylerian Garten eine neue Bedeutung als Ort des Gedenkens und würdigt Beylerians Vermächtnis im Kontext der Geschichte des Völkermords an den Armenier*innen.
18:30
Filmscreenings
Einführung von Öndercan Muti
Safi Faye Hall
Chienne d’Histoire (Barking Island)
Serge Avédikian, 2010, Frankreich, 15', Französisch mit engl. UT
Konstantinopel, 1910. Die Straßen sind von streunenden Hunden überlaufen. Die neu gebildete Regierung, geprägt von westlichen Vorbildern, zieht europäische Expert*innen hinzu, um eine Methode der Ausrottung zu entwickeln. Schließlich beschließt sie eigenmächtig und abrupt, die Hunde massenhaft auf eine abgelegene Insel außerhalb der Stadt zu deportieren.
Regie-Anmerkung: „Diese historische Episode wird in der Türkei bis heute vielfach missverstanden. Aufeinanderfolgende Regierungen versuchten, sie aus dem öffentlichen Gedächtnis zu tilgen, ebenso wie große Teile der Geschichte des späten Osmanischen Reiches. Mich beschäftigte vor allem die widersprüchliche, beinahe perverse Beziehung zwischen Europa und der Türkei zu jener Zeit. Hundert Jahre später habe ich mich filmisch mit der Geisteshaltung, die in dieser Episode sichtbar wird, auseinandergesetzt.“
Epistemic Space
Chantal Partamian, 2015, Libanon/Armenien/USA, 18', Englisch
Epistemic Space (2015) ist ein Dokumentarkurzfilm, der im Rahmen des Projektentwicklungs-Workshops der Armenia-Turkey Cinema Platform beim Golden Apricot International Film Festival in Jerewan entstanden ist. Der Film begleitet einen Massenaufmarsch im April 2015 entlang der Istiklal-Straße, wo sich Tausende unter dem Motto „Wir sind hier“ versammelt hatten. Indem dieser aufgeladene Moment mit der Geschichte von Kamp Armen und den Unruhen im Gezi-Park überlagert wird, zeichnet der Film die Präsenz armenischen Lebens in der Stadt nach. Durch dieses Palimpsest aus Protest, Erinnerung und verschütteten Geschichten konstruiert er einen epistemischen Raum, der die Geister vergangener Gewalt heraufbeschwört und gleichzeitig hinterfragt, wie kollektive Geschichten kontinuierlich verhandelt und erfahrbar gemacht werden.
19:30
Gespräch
Mit Banu Karaca,Tigran Petrosyan und Elke Shoghig Hartmann
moderiert von Öndercan Muti
Safi Faye Saal
Im Jahr 2016 erkannte der Deutsche Bundestag die Vertreibungen und Massaker an den Armenier*innen sowie anderen christlichen Minderheiten des Osmanischen Reiches während des Ersten Weltkriegs offiziell als Völkermord an. Nach Jahrzehnten von Expert*innengesprächen und parlamentarischen Debatten stellte er dabei auch die Rolle und Mitschuld des Deutschen Reiches an der systemischen Verfolgung und Ermordung von über einer Million Armenier*innen fest.
Anlässlich des zehnten Jahrestags dieser Resolution widmet sich das Gespräch den politischen und gesellschaftlichen Folgen der Anerkennung und widmet sich zentralen Fragen der seither geführten Debatten: Was bedeutet Deutschlands historische Verantwortung als Verbündeter des Osmanischen Reiches in einer postmigrantischen Gesellschaft? Wie lässt sich die Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armenier*innen dauerhaft in eine gemeinsame Erinnerungspraxis einschreiben? Und wie können Prozesse von Erinnerung und Versöhnung zu einer inklusiveren, auch selbstkritischen Erinnerung beitragen?
Ziel der Veranstaltung ist es, bestehende und entstehende Solidaritäten zwischen Gemeinschaften sichtbar zu machen, die historisch auf unterschiedlichen Seiten von Gewalt standen. Zugleich werden zentrale Spannungen in der deutschen Erinnerungs- und Realpolitik sowie die Auseinandersetzungen um Anerkennung und Leugnung des Völkermords diskutiert.
21:00
Musik
Mit Talin Hajintsi (Oud), begleitet von Chrysanthi Gerogiannaki (Schlagzeug)
Angie Stardust Foyer
Die Sängerin und Oudspielerin Talin Hajintsi führt in ihrer Praxis den Ansatz des kollektiven Heilens fort. Traditionelle armenische Lieder und Tänze können als Bindeglied der Community verstanden werden. Inspiriert von ihrer Großmutter entwickelt Hajintsi zusammen mit der Percussionistin Chrysanthi Gerogiannaki eine Performance, die zum Mitsingen und gemeinsamen Tanzen, Lachen und Weinen einlädt. Die armenische Kultur wird mithilfe der Zuhörenden in der Gegenwart reaktiviert – ein Zeichen des Widerstands und ein Empowerment für Communities.
Snacks & Drinks