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Sa, 16. September 2017

Unsanft gebrochener Fluss des Reisens

Mit Yazid Anani, Boris Buden, Zeynep Çelik und Shahana Rajani & Zahra Malkani

Entlang der Gleise sind die unterschiedlichsten Spuren zu entdecken: Sie finden sich in Agatha Christies Mord im Orient-Express von 1934, Raymond Williams Border Country von 1960, im englischen Bergarbeiterstreik von 1926, in deutschen archäologischen Ausgrabungen im Osmanischen Reich und chinesischen Investitionen in Pakistan. Solche Hinweise helfen, Details über die Akkumulation von Kapital neu zu entschlüsseln und über dessen Verbindung zu Kolonialismus, Nationalismus und globalem Imperialismus.


Boris Buden
From Orient to Archaeology: A Railway through Time
Vortrag

Leben und Werk einer Schriftstellerin können ein unermessliches Territorium abdecken: So bei Agatha Christie, die dem Orient-Express zur großer Popularität verhalf. Nicht nur als Tatort eines fiktiven Verbrechens, sondern auch als Metapher für einen Kulturraum, wurde er zum Thema einer Ausstellung und eines Buches: Agatha Christie und der Orient (1999). Der englische Titel lautet allerdings etwas anders: Agatha Christie and Archeology (2001). Die unscheinbare Bedeutungsverschiebung hat weitreichende Konsequenzen. Laut Johannes Fabian und Edward Said verortet sich Europa nur ungern in derselben Zeit wie sein „Anderes“. Gen Osten ziehen war immer eine Reise in die Vergangenheit, im Einklang mit den Interessen kapitalistischer Ausbeutung. Doch welcher Idee folgen Reiserouten und Kulturproduktion heute, im „Zeitalter des Gedenkens“, in dem sich Europa gern im eigenen Gestern spiegelt? Ist der moderne Kapitalismus näher an die Vergangenheit gerückt als je zuvor?


Zeynep Çelik
Railways and Politics of Archaeology
Vortrag

Museologie und Archäologie nahmen in den weitreichenden Reformen des Osmanischen Reiches ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg eine privilegierte Stellung ein. Sie verbanden Kulturpolitik mit politischen, ideologischen, administrativen, ökonomischen und technologischen Initiativen. In diesem Kontext soll die Verbindung zwischen Antiquitäten und dem Eisenbahnbau in den Provinzen des östlichen Mittelmeerraumes aus unterschiedlicher Perspektive näher betrachtet werden. Dabei gilt ein genauerer Blick den rechtlichen Bedingungen und Spezifikationen in den Konzessionen an ausländische Unternehmen sowie der zunehmenden Kontrolle, die vor Ort, unter anderem von den Bauarbeitern der Bahn selbst, über die Archäologen ausgeübt wurde. Erörtert werden weiterhin die Konsequenzen für den Transport der Antiquitäten und die Förderung des Reisens und damit des Tourismus.


Yazid Anani
an imaginary train ride, 1926
Lecture Performance

Eine imaginäre Reise mit der Hedjaz-Bahn durch das Palästina des Jahres 1926, erzählt mit dem Blick aus dem Fenster auf die vorüberziehende, sich verändernde Landschaft. Die Gespräche zwischen den Passagier*innen, die an verschiedenen Bahnhöfen zu- und aussteigen, ihre vertraulichen Geschichten über wertvolle Gegenstände, die sie bei sich tragen, werden zu Zeugnissen der gesellschaftlichen und politischen Landschaft. Vor dem Hintergrund der aktuellen Beschränkung der palästinensischen Geografie ist an imaginary train ride eine Einladung zu einer anachronistischen Tour durch vielfältige Historien und Mythologien: eine fiktive Zugfahrt als Möglichkeit, in die Zukunft zu schauen.


Shahana Rajani & Zahra Malkani
Afterlives of Imperial Formations
Lecture Performance

Mit der Entstehung des chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridors und der damit einhergehenden Wiederbelebung der Karachi-Bahn kehrt Pakistan zum kolonialen Eisenbahnsystem zurück. Zwei Formen der Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung sind denkbar: Die eine versucht, diese imperialistischen Strukturen zu lesen und zu durchdringen, die andere besteht in Ablehnung und Widerstand. Die erste Form manifestiert sich in der Umwidmung der Ruinen der alten Bahn, die von den Gemeinden heute als öffentlicher Raum genutzt werden. Beispiel für die zweite Form sind die symbolischen Angriffe auf die Bahn, die Separatist*innen in Sindh und Balutschistan verübten – in der Tradition des nationalistischen Widerstands gegen die Infrastruktur der Kolonialherren. Ihr Verhältnis zueinander soll im historischen Kontext der Anschläge auf die Bahn in der Kolonialzeit und in der aktuellen Wiederherstellung der Infrastruktur diskutiert werden – die ihrerseits eine neue Welle von Verdrängung, Besetzung und Umweltschäden mit sich bringt.

Teil von After the Wildly Improbable kuratiert von Adania Shibli