So, 01. November 2015

Technosphärenklänge #1

Mit Holly Herndon, Tim Hecker, Lorenzo Senni

Technosphärenklänge | Foto: Richard Heeks

Technosphärenklänge | Foto: Richard Heeks

Die allgegenwärtige, zunehmend intelligente Apparatewelt vernetzt sich zu immer größeren Infrastrukturen.

Wie klingt die Technosphäre? Holly Herndon, Tim Hecker und Lorenzo Senni finden zum Auftakt der neuen Konzertreihe Technosphärenklänge verschiedene Antworten. Konzert im Rahmen von Abletons Musikkonferenz Loop.

Holly Herndon | © The artist

Holly Herndon | © The artist

Wenigen gelingt es derzeit auf so kluge Weise, elektronische Clubsounds, Experimentalmusik und inhaltliche Setzungen zu verschränken wie der in San Franscisco lebenden Laptopmusikerin Holly Herndon. Im Zusammenspiel mit einem zusätzlichen Vokalisten bringt sie erneut ihr von der Kritik gefeiertes Album Platform (RVNG Intl, 2015) nach Berlin. Grundlage der Albumtracks sind Datenspuren aus Herndons eigener häuslicher und digitaler Lebensumgebung, die sie konsequent in Sounds, Kompositionen und Videobilder übersetzt. Kritisch und affirmativ zugleich reflektiert Herndon den eigenen Mediengebrauch und die zunehmend distanzlose, ja beinahe intime Beziehung zu digitalen Technologien. So gelingt es ihr, das Dilemma greifbar zu machen, in das das permanente Angeschlossensein an digitale Dateninfrastrukturen aufwirft: Die Vervielfachung der Möglichkeiten des, der Einzelnen für Kommunikation, Wissenserwerb, Produktion und Publizität werden mit Dauerüberwachung, der neo-feudalistischen Macht weniger Monopolisten und der Vorhersagbarkeit des eigenen Wollens bezahlt. Platform ist in Zusammenarbeit mit einer interdisziplinären Riege befreundeter Künstler und Denkerinnen enstanden. Mit dem Album lotet Herndon Strategien für kollektive Handlungsweisen und die Möglichkeit eines neuen Gemeinsinns aus – und experimentiert mit der Idee einer neuen Form des „digitalen Protestalbums“.
www.hollyherndon.com

Tim Hecker | © The artist

Tim Hecker | © The artist

Der kanadische Musiker Tim Hecker erkundet die Schnittstellen von Geräusch, Dissonanz und Melodie. Seine dramaturgisch ausgefeilten Drone-Performances konfrontieren mit ihrer unmittelbar physischen als auch ihrer emotionalen Intensität. Dabei dient Hecker das in Natur wie in Technik omnipräsente Rauschen als Vehikel, um die Demarkationslinie zwischen Vorstellungen des Natürlichen und des Synthetischen zu verwischen. Seine organisch und zugleich hochabstrakt anmutenden Kompositionen nutzen sowohl aufgenommene wie auch produzierte Klänge, die Hecker in Interaktion mit den Raumresonanzen zu dezentrierenden, vollständig immersiven Klanglandschaften zusammewebt. Hecker lässt die Hörer in ein stürmisches Ökosystem aus Klang eintauchen, das sich jenseits unserer üblichen Zeitregime und jenseits der Dichotomie aus Gemachtem und Gewordenem zu manifestieren scheint. Mit ihrer an Naturgewalten gemahnenden physikalischen Kraft und ihrer zugleich zutiefst menschlichen Melancholie beschwören Heckers hybride Soundmassen primäre und wohl nur vordergründig widersprüchliche Empfindungen von Furcht, Trauer und Staunen, kontemplativer Versenkung, Euphorie oder Beklemmung.
www.sunblind.net

Lorenzo Senni | Foto: Piotr Niepsuj

Lorenzo Senni | Foto: Piotr Niepsuj

Lorenzo Sennis musikalische Welt ist die Techno-Trance-Rave-Kultur, wie sie sich seit den frühen 1990er Jahren konstituiert. Der Italiener, der u. a. auf Editions Mego und Boomkat Editions veröffentlicht, begreift Rave als komplexe psychosomatische Maschine, die die Modulation psychischer, körperlicher und kollektiver Stimmungen erlaubt. Für seine Musikstücke und Performances dekonstruiert er das multi-sensuelle Gefüge des Rave, um es sodann in veränderten Konstellationen neu zusammenzusetzen. Dadurch verschiebt er den Wahrnehmungsfokus auf die affektiven Wirkungen einzelner Komponenten, z.B. der charakteristischen „Supersaw“-Synth-Klänge des genreprägenden Roland-JP8000-Synthesizers oder der klanglichen Dramaturgien des „Build-up“ und „Breakdown“. In seinen jüngeren Arbeiten wie Oracle und AAT (Advanced Abstracted Trance) experimentiert Senni auch mit dem visuellen und haptischen Repertoire des Rave: Laser, Nebel, Stroboskope oder CO2-Kanonen.
www.soundcloud.com/sennilorenzo
www.prestorecords.com/sennihome.html

Vor und während der Konzerte können Besucher*innen im Konferenzraum K1 das Video zu Stor Eiglass von Squarepushers aktuellem Album Damogen Furies erleben. Die 360º Virtual-Reality-Version wurde produziert von Marshmallow Laser Feast.
squarepusher.net
warp.net

Weitere Informationen:
www.ctm-festival.de
loop.ableton.com

Im Rahmen von 100 Jahre Gegenwart. Eine Zusammenarbeit mit CTM und Ableton. Lorenzo Senni wird unterstützt von SHAPE, gefördert vom Programm Creative Europe der EU.