Immortality for All: eine Filmtrilogie zum Russischen Kosmismus

von Anton Vidokle

Anton Vidokle, Filmstill aus

Anton Vidokle, Filmstill aus "This is Cosmos", 2014 | Courtesy of the artist

This Is Cosmos

2014, 28:10 min, Russisch mit englischen Untertiteln

Gedreht in Sibirien und in Kasachstan sowie in der Umgebung von Moskau und Archangelsk, vereint der erste Film der Trilogie über den Russischen Kosmismus eine Collage von Ideen unterschiedlicher Protagonisten der Bewegung, unter ihnen deren Gründungsfigur, der Philosoph Nikolaj Fedorov. Fedorov glaubte – wie andere auch –, dass der Tod ein Versehen war, eine Schwachstelle in der Konstruktion der Menschheit, „weil die kosmische Energie unzerstörbar ist, weil wahre Religion eine Verehrung der Vorfahren ist, weil wahre soziale Gerechtigkeit Unsterblichkeit für alle bedeutet.“ Für die russischen Kosmist*innen war die Definition von Kosmos nicht beschränkt auf das Weltall: Ihnen lag vielmehr daran, „Kosmos“ oder ein harmonisches und ewiges Leben auf der Erde selbst zu verwirklichen. Wie der Kurzfilm zeigt, bestand das ultimative Ziel darin, „eine neue Realität zu konstruieren, frei von Hunger, Krankheit, Tod, Not, Ungleichheit: wie der Kommunismus“.

Anton Vidokle, Filmstill aus

Anton Vidokle, Filmstill aus "The Communist Revolution Was Caused By The Sun" (2015) | Courtesy the artist

The Communist Revolution Was Caused By The Sun

2015, 33:36 min, Russisch mit englischen Untertiteln

Der zweite Teil der Trilogie widmet sich der poetischen Dimension einer Kosmologie der Sonne, wie sie der sowjetische Biophysiker Alexander Chizhevsky entwickelte. Gedreht in Kasachstan, wo Chizhevsky interniert war und später im Exil lebte, beschreibt der Film dessen Forschung zum Einfluss von Solar-Emissionen auf die menschliche Gesellschaft, Psychologie, Politik und Ökonomie in Form von Kriegen, Revolutionen, Epidemien und anderen umwälzenden Ereignissen. Vidokle verknüpft das Leben der postsowjetischen Landbevölkerung mit den futurologischen Projekten des Russischen Kosmismus: Das Ziel früher sowjetischer Anstrengungen zur Eroberung des Weltraums – so die Botschaft des Films – lag nicht so sehr in einer Beschleunigung des technischen Fortschritts, sondern im gemeinsamen Kampf der Menschheit gegen die Beschränkungen des irdischen Lebens.

Anton Vidokle, Filmstill aus Immortality and Resurrection for All, 2017 | Courtesy the artist

Anton Vidokle, Filmstill aus Immortality and Resurrection for All, 2017 | Courtesy the artist

Immortality and Resurrection for All!

2017, 34:17 min, Russisch mit englischen Untertiteln

Der letzte Teil der Trilogie ist eine Meditation über das Museum als Ort der Wiedererweckung der Toten – eine zentrale Idee kosmistischen Denkens in Wissenschaftler und Avantgarde-Kunst. Gefilmt in Moskau in der Staatlichen Tretjakow-Galerie, im Zoologischen Museum, in der Lenin-Bibliothek und im Museum der Revolution, interpretiert der Film museologische und archivarische Techniken des Sammelns, der Restaurierung und Konservierung als Strategien einer physischen Restauration des Lebens. Ausgangspunkt dabei ist ein Essay Nikolaj Fedorovs aus den 1880er Jahren, der dieses Thema verhandelt. Vidokle folgt einer Gruppe heutiger Anhänger*innen von Fedorov, verschiedenen Schauspieler*innen, Künstler*innen und einem Pharaonenhund, die spielerisch verschiedene Aufgaben in Szene setzen: die Wiedererweckung einer Mumie, eine eingehende Untersuchung des Schwarzen Quadrats von Malewitsch und der Raumkonstruktionen von Alexander Rodtschenko sowie von ausgestopften Tieren, Artefakten der Russischen Revolution, Skeletten und Mannequins in Tableau-vivant-Szenen. So entsteht eine zeitgenössische Visualisierung der Poesie, die Fedorovs Schriften innewohnt.