Daniel Alarcón: Lost City Radio

Preisträger 2009

Roman, Wagenbach 2008
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Friederike Meltendorf
(Lost City Radio, HarperCollins 2007)

Das Buch

In einem fernen Land, Jahre nach dem Ende eines blutigen Bürgerkriegs, regiert das Vergessen. Die alten Sprachen sind verboten, die Orstnamen durch Zahlen ersetzt und die Erinnerung an die Besiegten ausradiert. Eine Frau jedoch, Norma, leistet mit ihrer unverwechselbaren Stimme subtilen Widerstand: Sie moderiert die Radiosendung Lost City Radio, in der die Zuhörer nach ihren Vermissten suchen können. Eines Tages taucht im Sender ein Junge aus einem Dschungeldorf auf, Victor, mit einer Liste von Verschollenen und Toten, auf der auch der Name von Normas verschwundenem Mann Rey steht. Norma beginnt, die Wahrheit zu suchen und die Bausteine ihrer Vergangenheit zusammenzusetzen. Was weiß sie von Rey? Wer war er? Ethnobotaniker oder Untergrundkämpfer oder beides? Drei Tage lang durchirrt sie die Hauptstadt, den kleinen Victor an der Hand, auf der Suche nach dem Schlüssel zu den Ereignissen im Dschungel. Am Ende muss sie eine folgenschwere Entscheidung treffen. Ein ergreifender Roman und eine große Parabel eines nachdenklichen jungen Autors, der sich als gebürtiger Lateinamerikaner - so die einhellige Meinung der Kritiker in die erste Reihe der US-Literatur geschrieben hat.

Daniel Alarcón | Foto: © Sheila Alvarado

Daniel Alarcón | Foto: © Sheila Alvarado

Der Autor

Daniel Alarcón, 1977 in Lima geboren und mit seiner Familie vor dem peruanischen Bürgerkrieg in die USA emigriert, lebt in San Francisco, Kalifornien. Seine Kurzgeschichten erschienen u.a. im New Yorker und wurden 2006 unter dem Titel War by Candlelight für den PEN-Hemingway Award nominiert. Alcarcón ist Mitherausgeber der peruanischen Literaturzeitschrift Etiqueta Negra und erhielt 2007 für seine Arbeit in den USA ein Guggenheimstipendium. Er wurde sowohl von der Zeitschrift GRANTA als auch von Smithsonian Magazine in die Liste der besten Nachwuchsschriftsteller aufgenommen. Lost City Radio ist Alarcóns erster Roman.

Zuletzt erschienen
Des Nachts gehn wir im Kreis;Wagenbach 2014, aus dem Amerikanischen von Friederike Meltendorf
(At Night We Walk in Circles, Riverhead, New York 2013)

Stadt der Clowns; Wagenbach 2012, aus dem Amerikanischen übersetzt von Friederike Meltendorf
(Ciudad de Payasos (City of Clowns), Illustrated by Sheila Alvarado, Alfaguara Lima, 2011)

Anne Friederike Meltendorf | (c) Fidail Gilmutdinov

Anne Friederike Meltendorf | (c) Fidail Gilmutdinov

Die Übersetzerin

Anne Friederike Meltendorf studierte zunächst Humanmedizin an der FU Berlin. Nach ihrem Abschluss begann sie 1994 ein Studium zur Diplomübersetzerin für Russisch und Englisch an der Humbolt-Universität zu Berlin. Sie verbrachte ein Jahr an der Linguistischen Universität in Moskau und beendete ihr Studium im Jahr 2000. Seitdem erhielt sie mehrere Stipendien und ist als Übersetzerin aus dem Englischen und Russischen tätig – sie übersetzte unter anderem Natasha Radojcic und Julia Belomlinskaja. Nebenbei engagiert sie sich für die multimediale Vermittlung von Literatur.

Zuletzt erschienen
Daniel Alarcón: Des Nachts gehn wir im Kreis; Wagenbach 2014 (At Night We Walk in Circles, Riverhead, New York 2013)

Alarcón, Daniel: Stadt der Clowns; Wagenbach 2012 (Ciudad de Payasos (City of Clowns), Illustrated by Sheila Alvarado, Alfaguara Lima, 2011)

Iwanow, Andrej: Hanumans Reise nach Lolland; Kunstmann 2012

Jurykommentar zur Wahl der Preisträger 2009

„Der Debütroman des 1977 in Peru geborenen und in den USA aufgewachsenen Daniel Alarcón konfrontiert uns auf eindringliche und einfühlsame Weise mit einer Welt, in der das Zusammenleben immer wieder von Bürgerkrieg und Gewalt bedroht wird. Ein Roman, der sich wie eine Parabel liest – ein präziser literarischer Entwurf, der eine nicht näher verortete Gewaltsituation sowohl auf Süd- und Mittelamerika wie auch auf koloniale Regime anderorts übertragbar erscheinen lässt: Die Verschwundenen und der Kampf gegen das Vergessen sind zentrales Thema dieses geschickt komponierten Romans.
Alarcón schreibt in der Sprache seiner neuen Heimat USA und erlebt mit kühlem und präzisem Blick Geschichten seines Herkunftslandes nach. Die raffinierte Verknüpfung verschiedener, fein ausgearbeiteter, nicht chronologisch angeordneter Erzählstränge zeigt – jenseits eines vordergründig lateinamerikanischen Szenarios – die weltweiten Webmuster von Macht und Gewalt auf: Sie werden in der Radiosendung Lost City Radio subtil übersetzt, gleichsam hörbar gemacht. Die sinnliche Stimme der Rundfunksprecherin Norma trifft die Stimmung der sprachlos Gewordenen so, wie die Radiosendung den Sinn, die Sendung der Literatur freisetzt. Das Medium Radio erhält eine eigenständige Rolle und vermag die so verschiedenen Atmosphären von Stadt und Dschungel miteinander zu verbinden. Vorangetrieben von einem unbändigen Willen zum Erzählen entsteht aus der meisterhaften und kongenial übersetzten Prosa des Romans das faszinierende Bewegungsbild einer Literatur, die zwischen den Welten, zwischen den Gewalten, zwischen den Sprachen ihre eigene Stimme und ihren Eigen-Sinn entfaltet.

Friederike Meltendorfs Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch kann als kongenial bezeichnet werden. Mit großem Einfühlungsvermögen und Stilsicherheit im Deutschen ist sie in der Lage, die klare, zuweilen karge, präzise und lakonische Sprache des Originals wiederzugeben, ohne dabei den wunderbaren Rhythmus, die zarte situative Poesie zu verlieren. Die deutsche Übersetzung trifft die unterschiedlichen Tonlagen der verschiedenen Erzählstränge, Erzählzeiten und Figuren auf exzellente Weise: zum einen die Sinnlichkeit des Mündlichen – Normas Stimme im Radio, ihr anfangs unsicherer Umgang mit dem fremden Kind aus dem Dschungel; zum anderen die Perspektive des Kindes Victor selbst und die brutalen Gewaltszenen im Dschungel.
Keine Stelle ist zu finden, an der man zögerte, weil der deutsche Satz stockte. Friederike Meltendorf trifft nicht nur den Ton der unbändigen Lust Alarcóns am Erzählen. Sie trifft auch ihre Wortwahl sehr sorgsam, so dass keine Assoziationen an die Erzählweisen aufkommen, die sich unserem literarischen Gedächtnis in vielen deutschen Übersetzungen der großen Meister des „lateinamerikanischen boom“ stereotyp und als ‚typisch lateinamerikanisch’ eingeprägt haben. Auch deshalb ist Friederike Meltendorf – eine der jüngeren unter den deutschen Literaturübersetzern – in der Lage, diesen Debütroman auch als Stimme einer neuen Generation von Autoren zu übersetzen, die zwischen dem lateinamerikanischem Spanisch und dem US-Englischen eine neue literarische Heimat gefunden haben.“