Pélagie Gbaguidi bezeichnet sich selbst als zeitgenössische Griotte, die vergessene Geschichten in der Gegenwart neu verortet und kollektives Wissen bewahrt. In ihren Malereien, Zeichnungen, Texten und Installationen konfrontiert sie die Kolonialgeschichte mit visuellen Erzählungen, die verdrängte Erinnerungen rekonstruieren. So macht sie historische Bruchlinien und koloniale Kontinuitäten sichtbar und schafft Räume der Wiederaneignung. Ein zentraler Aspekt ihrer künstlerischen Praxis ist die Verwendung gebrauchter Alltagsobjekte und -materialien. Sie verkörpern individuelle und kollektive Erfahrungen, sind Träger von Wissen und Geschichte. Die Installation The Architecture of Courage (2026) verwendet handgewebte Stoffe, den pagne tissé, der in Senegal traditionell für Kleidung genutzt wird. Seine Muster und Farben sind von sozialer, kultureller oder spiritueller Bedeutung. Die zeremoniellen Stoffe schaffen eine Verbindung zu der lang übersehenen Rolle der Madame Tirailleur. Diese Frauen standen den Tirailleurs als Ehefrauen, Partnerinnen, Familienangehörige und in manchen Fällen als Soldatinnen zur Seite. Ihr Leben und ihr Beitrag waren entscheidende Stützen für die Netzwerke des Widerstands und Überlebens unter der kolonialen Kriegsherrschaft. Die Holzstäbe verweisen auf die Werkzeuge der Kriegerinnen des Königreichs Dahomey im heutigen Benin. Die Mino (Fon: unsere Mütter) kämpften in den französisch-dahomeischen Kriegen (1890–1894) an vorderster Front, widersetzten sich normativen Geschlechtergrenzen und wurden zu Symbolen von Mut, Stärke und Loyalität. Mit The Architecture of Courage schafft Gbaguidi einen Erinnerungsraum, der der Widerstandskraft, Fürsorge und Solidarität dieser Frauen gewidmet ist. Die Collagen aus Stoffen und Zeichnungen verdichten sich zu visuellen Erzählungen, in denen sich Leben, Geburt und Tod überlagern. Die organische, bewegliche Struktur der Installation verweist darauf, dass Geschichte ein fließender Prozess ist. Um ihre Bedeutung für die Gegenwart neu zu verhandeln, werden die bislang unterdrückten Perspektiven durch die Praktiken der weiblichen Griottes wieder ans Licht gebracht – jenseits schriftlicher Zeugnisse.

In Auftrag gegeben vom Haus der Kulturen der Welt (HKW), produziert von Pélagie Gbaguidi und HKW,
2026

Werk in der Ausstellung: The Architecture of Courage (2026), Holz, 7 Stoffpaneele, je 200 × 85 cm. Courtesy Pélagie Gbaguidi, Fortes D’Aloia & Gabriel und Goodman Gallery