Othon Friesz

Othon Friesz, La Guerre (1915). Foto: Ville de Grenoble / Musée de Grenoble – J. L. Lacroix
Achille-Émile Othon Friesz, der sich als Künstler Othon Friesz nannte, wurde bekannt als Vertreter des Fauvismus, einer der frühesten Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts, die Farbe und Flächenkonstruktionen zu primären künstlerischen Ausdrucksmitteln erhob. Das großformatige Werk La Guerre entstand während seiner Genesung von einer Verwundung durch eine Granate im Ersten Weltkrieg. Darin verarbeitet er das Grauen des Krieges zu einem vielschichtigen, chaotisch anmutenden Tableau, das inhaltlich wie formal eine aus den Fugen geratene Welt reflektiert. Wie ein Pfeil steigt die Figur eines voranstürmenden Tirailleurs mit roter Chéchia und aufgepflanztem Bajonett zur Bildmitte hin auf, um ihn herum historische Figuren und Ereignisse, darunter Kaiser Wilhelm II, die Oberbefehlshaber der französischen und britischen Armee sowie die Zerstörung der Kathedrale von Reims neben biblischen und allegorischen Motiven. Es ist eines der wenigen Gemälde, das einen Tirailleur ebenbürtig, mit gleicher Handlungsmacht darstellt. In gedeckten Farben und mit expressiver Dynamik bilden Ensembles, gesichtslose Heerscharen, brennende Städte und Leichenberge eine Allegorie menschlicher Gewalt und unendlichen Leids. Ihre albtraumhafte Wucht erinnert an Goyas Die Schrecken des Krieges und Boschs apokalyptische Visionen. 1916 gehörte Othon Friesz zu einer Gruppe von Künstlern, die die Errichtung eines Panorama de la Guerre propagierten, konzipiert als großes Rundgemälde mit Szenen des Krieges und deutscher Gräueltaten, um so die Bevölkerung neutraler Staaten wie der USA von der Notwendigkeit eines Kriegseintritts zu überzeugen. Dieses Projekt wurde jedoch nie realisiert. Mitte der 1930er Jahre entstand im Auftrag des französischen Außenministers Aristide Briand die Allegorie La Paix, eine Art Gegenstück zu La Guerre. Realisiert als Wandteppich sollte sie den Völkerbundpalast in Genf schmücken, was die politischen Spannungen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs jedoch verhinderten.
Werk in der Ausstellung: La Guerre (1915), Öl auf Leinwand, 300 × 260 cm, Reproduktion. Courtesy Ville de Grenoble/Musée de Grenoble – J. L. Lacroix