Mehdi Nassouli

L’enfant terrible der Gnawa. Mehdi Nassouli, 1985 in Taroudant geboren – jener Stadt im südmarokkanischen Souss, in der Amazigh-Kultur, Malhoun, Gnawa und die lokale Deqqa Roudania in einem einzigen Klanggewebe nebeneinanderbestehen –, ist heute der Guembri-Spieler einer Generation, die aus dieser Vielfalt selbst etwas Neues macht. Aufgewachsen in einer von Gnawa-Traditionen geprägten Familie, durchquerte er anschließend ein Jahrzehnt lang sein eigenes Land, um bei den großen Maalems der jeweiligen Region ihre spezifischen Schulen zu studieren – eine Wanderausbildung, in der die Musikkulturen Marokkos für ihn nie als Grenzen erschienen, sondern als ineinandergreifende Sprachen. Daraus entstand jene Beweglichkeit, die ihn heute für die unterschiedlichsten Begegnungen prädestiniert: mit dem Wandermusiker Titi Robin, auf dessen Alben Les Rives (2012) und Taziri (2015) er prägend mitspielt; mit Hindi Zahra, Fatoumata Diawara, Alpha Blondy, Nneka, Hamed Sultan, Justin Adams, Karim Ziad; im transmediterranen Tribute-Projekt Bob Maghreb, im elektronischen Universum von Sofyann Ben Youssefs Ammar 808, im panafrikanischen Kollektiv Jokko. Und doch ist er, wo immer er auftritt, vor allem eines: ein Guembri-Spieler von außerordentlicher Präsenz, der aus seinem Instrument nicht nur Rhythmus, sondern Gesang macht – und zwar mit einer eigenen, hellen, beweglichen Stimme, die zwischen tagnaouitischer Litanei und Malhoun-Poesie ohne Bruch zu wandern vermag. Dass sein Konzert das Programm dieses Abends eröffnet, ist die richtige Reihenfolge: bevor sich später in der Nacht im SAVVY der enge, rituelle Kreis der Lila schließt, öffnet Nassouli noch einmal die ganze Breite dessen, was Gnawa heute sein kann – ein lebendiges, durchlässiges, wanderndes Erbe.

 

Gnawa Diffusion

Bissig, tanzbar, unversöhnlich. Gnawa Diffusion, 1992 in Grenoble um den charismatischen Sänger und Guembri-Spieler Amazigh Kateb gegründet, hat einer ganzen Generation den Boden bereitet, auf dem heute Bab L' Bluz, Mehdi Nassouliund so viele andere stehen. Es war die erste Band, die die Gnawa konsequent mit Reggae, Dub, Rock, Chaâbi und Hip-Hop zu einem einzigen, druckvollen Klang zusammenzog, ohne sie folkloristisch einzulullen oder in Beliebigkeit zuverlieren. Und Gnawa Diffusion waren die ersten, die das mit einer politischen Schärfe verbanden, die bis heute ihresgleichen sucht: Texte in algerischem Arabisch, Tamazight, Französisch und Englisch, sarkastisch, bissig, oftbrandgefährlich aktuell – über die Armut in Algerien, die Korruption der Mächtigen, die Heuchelei der Religionen, die Kriege der Imperien –, und doch tanzbar, hymnisch, gemeinschaftsstiftend bis ins Knochenmark. Amazigh Kateb,geboren 1972 in Algier, ist der Sohn von Kateb Yacine, dem Vater der modernen algerischen Literatur; sein Vorname, „Amazigh“, bedeutet auf Tamazight „freier Mann“ – ein Programm, das die Band buchstäblich vor sich herträgt. Aufgewachsen im Theater seines Vaters, 1988 nach Frankreich emigriert, gründete er Gnawa Diffusion in den Banlieues von Grenoble aus dem Geist jener postkolonialen Erfahrung, in der sich Stimmen aus dem Maghreb, der Karibik und ganz Afrika trafen – ein Sound, der die Geschichte der Diaspora nicht erklärt, sondern in Musik überträgt. Alben wie Algeria (1997), Bab el Oued – Kingston (1999), Souk System (2003) und Fucking Cowboys (2006) sind heute Klassiker, ihre größte Wirkung entfaltete die Band auf dem Höhepunkt und am Ende des algerischen Bürgerkriegs, als ihre Lieder zu Hymnen einer ganzen Jugend wurden. Mit ihrem Auftritt in Berlin schließt sich ein Kreis, den das Festival an vier Wochenenden aufgezogen hat: hier steht die Band, die längst vorgemacht hat, worum es dabei geht – dass Gnawa kein museales Erbe ist, sondern ein lebendiger, polyphoner, politisch wacher und tanzbarer Klang der Welt.