Eine seltene Begegnung. Izza Génini, 1942 in Casablanca geboren, seit ihrem achtzehnten Lebensjahr in Paris lebend, ist eine Ikone. Pionierin des marokkanischen Dokumentarfilms; Produzentin jenes legendären El Hal / Transes (1981) von Ahmed El Maanouni über Nass El Ghiwane, den Martin Scorsese Jahrzehnte später eigens für sein World Cinema Project restaurieren ließ; Gründerin des Pariser Verleihhauses, das einen großen Teil des marokkanischen und panafrikanischen Kinos in Europa überhaupt erst sichtbar gemacht hat. Vor allem aber: Schöpferin der monumentalen Reihe Maroc, corps et âme, einer seit 1987 gewachsenen gefilmten Enzyklopädie der marokkanischen Musiken, die heute als das wichtigste audiovisuelle Archiv der Klanglandschaften ihrer Heimat gilt.

Das HKW freut sich außerordentlich, die 84-jährige persönlich in Berlin willkommen zu heißen, im Anschluss an dieVorführung zweier Filme, die sich wie zwei Kapitel eines einzigen Buches lesen lassen. Den ersten hat sie selbst gedreht: Gnaouas (1989), den ersten Film überhaupt, der sich ausschließlich der Gnawa-Musik widmet – eine Lila irgendwo zwischen Marrakech und Essaouira, dokumentiert in jener seltenen Mischung aus ethnografischer Genauigkeit und kinematographischer Zärtlichkeit, die das Markenzeichen ihrer gesamten Reihe geworden ist.

Der zweite ist Frank Cassentis Gnawa Music – Corps et Âme (2010), 2011 mit dem SACEM-Preis ausgezeichnet, der den Faden zwei Jahrzehnte später weiterspinnt: ein musikalischer Roadtrip von Tanger bis Essaouira, mit dem unvergesslichen Maalem Mahmoud Guinia – mittlerweile selbst eine Legende, 2015 verstorben –, mit Majid Bekkas und weiteren großen Meistern der Tradition. Dass Cassenti den Titel von Géninis eigener Reihe als Untertitel weiterklingen lässt, ist kein Zufall, sondern eine konsequente Fortführung: dieselbe Hingabe an den Klang als Träger einer Kultur, dieselbe Geduld vor dem Geheimnis. Im Anschluss gibt es ein Gespräch mit Izza Génini, einer der wichtigsten Stimmen, die Marokko sich selbst über das Bild gegeben hat.