Bwa Kayiman – Begegnungen im Herzen der Befreiung erinnert an die Versammlung versklavter Menschen in einem bewaldeten Gebiet im Jahr 1791, die den Beginn der haitianischen Revolution markierte. Den krönenden Abschluss bildet ein ganztägiges Programm.

Im Anna Seghers Garten finden rituelle Darreichungen und Performances statt, die in der Tradition von Versammlungen um eine axis mundi – einen Verbindungspunkt zwischen physischer und spiritueller Welt – stehen, in diesem Fall um den Papa Legba Baum. Er ist so alt wie das Gebäude selbst und wurde von Houngan Jean-Daniel Lafontant bei der Wiedereröffnung des Hauses geweiht, um Legba, den Türöffner zwischen irdischen und geistigen Welten, aufzunehmen. Der Baum wird so zu einem penc oder „Palaverbaum“, einem Bindeglied zwischen höheren und niederen Ebenen, ein Verbindungsglied zu den Ahnen – ein Ort, der Raum für Versöhnung, Zusammenkunft und Rückbindung schafft .

Die Live-Acts vor dem Haus sind nach der strahlenden drapo (Fahne) der haitianischen Künstlerin Myrlande Constant benannt: Rasanbleman Soupe Tout Eskot Yo (Die gesamte Gesellschaft versammelt sich zum Mahl). Das Programm lädt in einen Raum der Gemeinschaftlichkeit, um die Auftritte verschiedener Künstler:innen, Denker:innen und Dichter:innen zu begleiten und an Gesprächen, Ritualen und Mahlzeiten teilzunehmen, die in Verbindung mit haitianischen Vodou-Traditionen stehen. Die Teilnehmenden werden gebeten, Decken und andere Dinge mitzubringen, die sie brauchen, um sich wohl zu fühlen – einige Materialien werden bereitgestellt. 

Ziel ist es, Epistemologien der Befreiung und die Verbundenheit mit anderen Spezies und nicht-menschlichen Wesen zu erproben, um zu zeigen, dass verkörpertes Wissen von zentraler Bedeutung für revolutionäre Akte des Widerstands und der politischen Bildung ist.
 

Pungwe Sound Trails. Picking up beats and pieces, 2023
Robert Machiri
Klang-Intervention

Das Projekt Pungwe Sound Trails widmet sich der kuratierten Veröffentlichung von Klangmaterial, unter kritischer Berücksichtigung der Räume und Orte, an denen es gefunden wird. Die angewandte Methodik setzt auf Mobilität und das „Aufspüren von Klängen“: eine fast schon bühnenreife Operation, in der Archive durchwühlt, Playbacks inszeniert und Feldaufnahmen eingesetzt werden. Die Zuhörer:innen werden zu Zeug:innen der historischen Last institutioneller Archive. Zugleich erhalten sie die Möglichkeit, persönlich zur Entmonumentalisierung dieser Archive beizutragen. Machiri behandelt Klanglandschaften nicht als ein Objekt, sondern als Subjekt, dessen Eigenschaften er in spirituelle Merkmale verwandelt, indem er Klänge aufspürt und ihnen folgt, um Erinnerungen nicht nur zu sammeln, sondern auch zu schaffen, und damit am Prozess des Gedenkens mitzuwirken.

Pungwe ist ein Sound-Projekt, das auf der Engführung von Klang und Spiritualität als Form künstlerischer Intervention beruht. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Erweckung und „das Licht sehen“ als politische Statements, abgeleitet von der englischen Übersetzung des Wortes pungwe aus dem Shona, das wörtlich „Vigil“ heißt, nächtliche Gebetswache. Für pungwes lässt sich die Erwartung des „Lichts“ im Englischen am besten als „Mo(u)rning“ beschreiben – Trauer, die einen Blick auf ein Morgen zulässt –, wobei damit eher ein feierliches Gedenken denn Kummer gemeint ist.
 

Celestial Interjections, 2023
Luiza Prado 
Performance
Auf Englisch. Schriftliche deutsche Übersetzung verfügbar

Das Ritual befasst sich mit den komplexen Begegnungen von patriarchalen Strukturen und kolonialen Weltanschauungen auf der einen und dem Kampf für reproduktive Gerechtigkeit auf der anderen Seite. Die Künstlerin und Autorin Luiza Prado stellt das Format der Predigt auf den Kopf und lädt damit zur Reflexion über Allianzen zwischen menschlichen und mehr-als-menschlichen Wesen in Prozessen der sexuellen Befreiung ein. Um diese heilige Verbindung Wirklichkeit werden zu lassen, ist die versammelte Gemeinde eingeladen, gemeinsam Speisen und Getränke zu verzehren, hergestellt aus essbaren Pflanzen, die als Verhütungsmittel, Aphrodisiakum und Fruchtbarkeitsmittel dienen.
 

Mwen La
Edna Bonhomme 
Spoken word performance
Haitianisches Kreol. Keine Übersetzung. 

Im Geist des haitianischen Storytellings teilt die Erzählerin mit dem Publikum eine Geschichte in haitianischem Kreol, in deren Mittelpunkt die heutigen Formulierungen der haitianischen Diaspora über die Vergangenheit stehen. „Mwen La“ (Ich bin hier), ein von Edna Bonhomme geschriebener Essay, meditiert über familiäre Hoffnung und Trauer, um zu verdeutlichen, wie die Haitianer*innen revolutionäre Geschichte in einem generationsübergreifenden Austausch verkörpern. Diesen Bericht in haitianischem Kreol vorzutragen, gibt Menschen, die diese Sprache nicht sprechen, die Gelegenheit, einen Raum der Unübersetzbarkeit zu betreten.
 

Morena Leraba le Malingoana-Lihloela, 2023
Morena Leraba
Musikalische Intervention
Auf Sesotho, Englisch. Keine Übersetzung.

Das Sesotho-Wort lihloela im Titel dieser Veranstaltung bedeutet wörtlich „Wächter“ oder „Wachposten“, insbesondere in Kriegen. Als Inspiration dient die Geschichte des Widerstands gegen die Kolonialherrschaft in Lesotho, einschließlich der Basotho-Grenzkriege (1858–68) und des Basotho-Kriegs (1880–81). Die Arbeit ruft die Erinnerung an diese Zeiten durch Musik und Gesang auf, durch eine Neuinterpretation der Lipina tsa Mokorotlo, der Kriegslieder, die von den Basotho-Kriegern gesungen wurden, um sich Mut zu machen, bevor sie in den Kampf zogen. Auch die Frauen, die ihre Männer und Angehörigen davonziehen sahen, nahmen an diesen musikalischen Ritualen teil, vor allem in Form von Lobgesängen und -gedichten.

Die Lobgedichte priesen größtenteils die Chiefs der Basotho (vor allem Morena Moshoeshoe, den Gründervater des Volkes Basotho, und seine Söhnen) und andere militärische Führer. Berichte über diese Kriege wurden von Kriegern und Dichtern vorgetragen, und nach der Ankunft französischer und Schweizer Missionare in Lesotho 1833 dokumentierten einige frühe Basotho-Gelehrte diese Gedichte. Am bedeutendsten war die Sammlung Lithoko tsa Marena a Basotho (Lobgedichte der Basotho-Chiefs, zusammengestellt von Z. D. Mangoaela. Bei seinem Auftritt rezitiert Morena Leraba aus diesen Lobgedichten. 

Mit Teboho Mochaoa (Gesang); Pachakuti (Keyboard); Aduni (Percussion)

 

Tongue & Throat Memories – Der Geschmack der haitianischen Küche
Mit Küchenchef Paul Toussaint
Kulinarische Intervention 

Geboren und aufgewachsen in Jacmel, dem südöstlichen Teil Haitis, lernte Paul Toussaint schon von klein auf die kulinarischen Traditionen dieser Region kennen. Seine Neugier erstreckte sich schon bald auf andere Gegenden, und er erkundete die Variationsbreite von Geschmacksnuancen, Kochtechniken und Zutaten im ganzen Land. Später nahm Toussaint ein Jurastudium in Kanada auf, aber seine Leidenschaft für das Kochen war stärker, und so entschied er sich, die Kochkunst professionell zu erlernen. Heute ist er ein renommierter Küchenchef und Kenner der haitianischen Küche, der sowohl in Kanada als auch in Haiti seinen Anteil an der Gründung von Restaurants und der Realisierung kulinarischer Begegnungen hat.

Bei dieser Versammlung unter dem Legba-Baum des HKW lädt Küchenchef Paul Toussaint zu einem gemeinsamen Essen mit verschiedenen Spezialitäten ein, die er für alle Gäste zur Feier des Bwa Kayiman zubereitet.

 

Kouri lawonn. A partition for the unnamed, 2023
Von Simone Lagrand
Kollaborative Spoken-Word-Performance.
Kreol, Englisch. Deutsche Übersetzung.
 

Ein Brief an die namenlosen, aber unvergessenen Urgroßmütter.
Eine Feier für die verschüttete Geschichte, in fruchtbarem Boden.
Lachen und Stimmen für die Mikro-Geschichten, die noch zu erzählen sind
Lasst uns kouri lawonn. Versammeln wir uns in einem circulus virtuosus
aus Poesie, freiem Tanz, lavwa égal (Chor), Ruf und Antwort.
Tibwa, Freude und Erinnerung
Über die Überwindung der Distanz, um Präsenz zu schaffen.
Über Zusammenarbeit und sensible emaNationen
Mögen sich die Teilnehmenden in Trommelstöcke (tibwa) und Trommeln (tanbou) verwandeln
Möge der Baum zum poto mitan (Pfeiler) für die Zeremonie werden
Mögen unsere Stimmen einem fragmentierten Gesang dienen, der auch eine Beschwörung ist
 

I Come as a Woman, Dark and Open, 2023
Phyllis Akinyi
Performance
Auf Englisch

Am 13. August 2023 steht Venus in einer Linie mit der Sonne, was nur einmal im Jahr geschieht: der „Venus Star Point“, der ihre Wiedergeburt und Verwandlung vom Nachtstern zum Morgenstern symbolisiert. Im Rahmen dieser symbolischen Rekonfiguration des Himmels präsentiert die dänisch-kenianische Flamenco-Tänzerin und Choreografin Phyllis Akinyi eine rhythmische Anordnung von Bewegungen, die sich vor der langen Geschichte des weiblichen Einflusses auf Revolutionen und Gerechtigkeit verneigt und gleichzeitig eine Hommage an die haitianische Vodou-Priesterin Mambo Cécile Fatiman darstellt, von der angenommen wird, dass sie die Vodou-Zeremonien beim Bwa Kayiman leitete.

I come as a woman

dark and open

some times I fall like night

softly

and terrible

only when I must die

in order to rise again.

—Audre Lorde, The Women of Dan Dance with Swords in Their Hands to Mark the Time When They Were Warriors (Ausschnitt)

 

Rumours In the Wind, 2023
Geschrieben und vorgetragen von Obaro Ejimiwe
In Zusammenarbeit mit Mar, Rio y Cordillera
Spoken-Word-Performance mit Live-Musik
Auf Englisch. Deutsche Übersetzung

Rumours In the Wind ist ein Spoken-Word-Stück über den Bwa Kayiman. Als spekulatives Zeugnis, untilgbar in seiner mythischen Form und verwurzelt in der Kraft der Erinnerung, handelt das Werk von den unbekannten Stimmen, die – ohne anwesend zu sein – in der haitianischen Revolution eine Rolle spielen sollten.

Anhand von Gerüchten über diese historische Versammlung, die sich schneller als der Wind verbreiten, werden in dieser Performance Fragen aufgeworfen: Welche Art von Energie lag in der Luft, als die Nachricht von diesen Versammlungen andere Leute erreichte? Empfanden sie Angst oder waren sie erfüllt von Stolz und Entschlossenheit?