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Bwa Kayiman—Begegnungen im Herzen der Befreiung

Performances, Lesungen, Diskussionen, Konzerte, DJ-Set

11.–13.8.2023

Myrlande Constant, Rasanbleman soupe tout eskòt yo, 2019. Bild courtesy of Faena Art. Foto: Oriol Tarridas

Myrlande Constant, Rasanbleman soupe tout eskòt yo (2019). Bild courtesy of Faena Art. Foto: Oriol Tarridas

In einer überfälligen Kommemoration der haitianischen Revolution (August 1791–Januar 1804), eines historischen Grundpfeilers emanzipatorischer Bewegungen auf der ganzen Welt, veranstaltet das HKW ein Wochenende mit Performances, Vorträgen, Feiern, Ritualen und Nahrung für Körper und Seele, um die Geschichte, die Akte und wechselseitigen Beziehungen von Befreiungsbewegungen zu vertiefen. Mit der haitianischen Revolution gelang es den versklavten Menschen von Saint-Domingue unter der Führung von Toussaint l'Overture, die Sklaverei abzuschaffen, die französische Kontrolle über die Kolonie zu beenden und einen unabhängigen Staat zu gründen.

Das Fest bezieht sich auf die Versammlung Bwa Kayiman, die 1791 in einem bewaldeten Gebiet unter der Leitung des Hougans Dutty Boukman und der Mambo Cécile Fatiman abgehalten wurde, als Menschen afrikanischer Abstammung zusammenkamen, um ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, die haitianische Revolution zu beschwören und damit den Kampf um Freiheit als eine nie endende und sich ständig erweiternde politische Praxis ins Leben zu rufen.

Jedes Jahr wird dieses Zusammenkommen der Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung im HKW kommemoriert.

Das Programm organisiert die Begegnungen als performative Veranstaltung, als eine Art, den „anderen Weg (Otherwise)“ zu erproben, der eine auf Verbundenheit und Solidarität beruhende Epistemologie hervorbringt. Den Auftakt bildet ein Gespräch zwischen dem haitianischen Autor Makenzy Orcel und dem Dichter Rodney Saint-Éloi, das dem Pfad des Kongossa folgt, Informationen, die von Mund zu Mund weitergegeben werden. Die Geschichte Haitis und des Bwa Kayiman erhellt sich hier anhand der Erfahrung zweier Stimmen, die wesentlich dazu beigetragen haben, die Region mit Geschichten in Verbindung zu bringen, denen man immer wieder zuhören sollte, um aus ihnen zu lernen. Die Künstlerin und Choreografin Kettly Noël performt mit Mater – ma terre Akte der Verwurzelung und rückt Bewegung und Erdung in den Vordergrund bei der Suche nach den vielfältigen Lichtern, die an Orten der Dunkelheit entstehen: in der Dunkelheit des Waldes, der Dunkelheit des Wissens und Nichtwissens, der Dunkelheit, die in Ketten legt, der Dunkelheit, die Unsichtbarkeit ermöglicht, der Dunkelheit des Spirituellen, der Dunkelheit, die befreit.

Ein solches Treffen am Ursprungsort und im Zentrum von Befreiung ist auch ein Aufruf, eine kollektive Kraft zu bilden, die Widerstand leistet gegen jegliche Formen von Unterdrückung: Repressionen, denen Generationen Indigener Gemeinschaften in Amerika, afrikanische und afro-diasporische Communitys sowie mehr-als-menschliche Wesen ausgesetzt waren, die spirituelle Räume am Leben erhalten. Welche Bedeutungen Befreiung annehmen kann, lässt sich auch durch die Traditionen des Rara erfahren. In ihm verschmelzen Akte der Verarbeitung und des politischen Protests mit kollektiven Gesängen und Bewegungen, die zur Teilhabe am öffentlichen Raum einladen. Giscard Bouchotte wird zusammen mit Kettly Noël diese Bedeutungen erläutern, indem sie Begriffe wie Kollektivität, kollektive Körperlichkeit und spirituelle Transzendenz in den Rara-Traditionen in den Blick nehmen.

Barby Asantes performative Versammlung Declaration of Independence, entwickelt und aufgeführt in Zusammenarbeit mit einheimischen Frauen of Color, verknüpft persönliche Erzählungen mit Manifesten gegen Versklavung und Kolonialismus. Die Traditionen von Zusammenkünften mit dem Ziel der Befreiung – wie in der afro-brasilianischen Pagode – werden von der Griotte und Schamanin Keyna Eleison gemeinsam mit dem haitianischen Küchenchef Paul Toussaint präsentiert. Sie stellen die Zubereitung von Nahrung und den Akt des Teilens als Grundelemente politischer Organisation in den Mittelpunkt, schaffen Räume für das Commoning, die gemeinschaftliche Auseinandersetzung.

Den Kern des Widerstands bildet der Wunsch nach einem freudvollen Leben. Die afro-kolumbianischen Rhythmen der Band-in-Residence zu Oscar Murillos For the Souls of the Rotten Mighty: Mar, Río y Cordillera erinnern daran, wie wichtig es ist, diese Freude während des Kampfes nie zu vernachlässigen.

Die Konferenz endet mit einem performativen Nachmittag zum Gedenken an Bwa Kayiman am Papa Legba Baum im Anna Seghers Garten vor dem HKW, einem Baum, der von Houngan Jean-Daniel Lafontant bei der Wiedereröffnung des Hauses geweiht wurde, um Legba, den Türöffner zwischen irdischen und spirituellen Welten, aufzunehmen.

Bwa Kayiman auf Haiti wird jährlich im Haus der Kulturen der Welt gefeiert, um an das Vermächtnis dieser politischen, religiösen und emanzipatorischen Versammlung zu erinnern und es fortzuführen.