Im Mittelpunkt dieser Performance-Lecture und der Spielvorführung von Jasmijn Visser steht die Idee der Identitätsdifferenz von digitalen Zwillingen. Ausgehend von der Allgemeinen Modelltheorie (AMT) zur Erforschung digitaler Zwillingstechnologien stellt Visser fest, dass das Modell mit der Erzeugung einer Repräsentation der Welt selbst die Gestalt eines eigenen, unverwechselbaren symbolischen Systems mit eigenen Bausteinen sowie einer eigenen internen Logik annimmt. Es wird also zu einem eigenständigen Gebilde. Dies erzeugt eine zentrale Spannung: Wir wenden uns dem digitalen Modell zu, um uns selbst zu verstehen, während wir uns gleichzeitig an das Erscheinen dieses Zwillings als neuem Wesen in unserer Mitte anpassen. 

Mithilfe eines spekulativen Kulturklimamodells, einem interaktiven fiktionalen Kunstwerk namens The weather has been cancelled (TWHBC), greift Visser die zentrale Erzählung des digitalen Zwillings auf, zur Eindämmung der Klimakrise beizutragen, um diese Spannungen zu untersuchen. In der digitalen Umgebung von TWHBC wird das Verschwinden des Wetters inszeniert, um die Asymmetrie zwischen Wetter und Klima aufzudecken: Die Aufmerksamkeit verlagert sich aktiv von der vertrauten, gelebten Erfahrung des Wetters hin zum abstrakten und diffusen Zustand des Klimawandels. Meteorologische Modelle machen derlei diffuse Phänomene lesbar, vereinfachen dabei jedoch zwangsläufig ihre Komplexität. Durch die Konstruktion einer abstrakten, von der gelebten Realität entfernten Welt aus sich verändernden Durchschnittswerten und globalen Schwellenwerten erfasst eine solche Modellierung nur einen Bruchteil dessen, wie sich diese ökologische Katastrophe kulturell auf das Leben von Menschen und anderen Spezies auswirkt. Mit Blick auf eine solche kulturelle Modellierung erzeugen unsere gestörten Wetterverhältnisse ein Gefühl der Desorientierung oder einer ortsgebundenen Deplatzierung: das Gefühl, am selben Ort zu verbleiben, während sich dessen Umgebung drastisch verändert. In TWHBC wird das Modell zum eigenständigen Wesen, das mit seiner desorientierenden Logik auf andere einwirkt. 

Die Entwicklung von The weather has been cancelled wurde vom Creative Industries Fund und dem Meertens Instituut unterstützt. Die Konzeptentwicklung wird von Cultural Climate Models, dem CREAM – Centre for Research and Education in Art and Media an der Westminster University London und dem Rachel Carson Center for Environment and Society an der Ludwig-Maximilians-Universität München unterstützt.