Der Begriff „digitale Zwillinge“ wird häufig verwendet, aber oft nur vage definiert und weckt eine Reihe von techno-optimistischen Erwartungen. Der Begriff findet von Smart Citys und der Luft- und Raumfahrt bis hin zum Gesundheitswesen, der Logistik und der Softwareentwicklung in vielen Bereichen Anwendung, doch die Zwillingsbildung, das sogenannte ‚Twinning‘, funktioniert auch als umfassendere kulturelle und technische Logik, die in Dashboards, synthetischen Daten, generativer KI, Deepfakes und personalisierten Systemen wie KI-Agenten zum Tragen kommt. Das Twinning soll die Realität widerspiegeln, um sie zu optimieren, und verspricht in diesem Sinne eine genaue Abbildung von Systemen, Umgebungen und sogar Menschen. Doch was, wenn der Zwilling nicht nur als Doppelgänger, sondern als komplexes relationales Gebilde verstanden würde, das Konzepte der Gleichheit und Unterschiedlichkeit neu ordnet? In einem Zeitalter, in dem die Welt vollständig berechenbar gemacht werden soll, ist die Idee des Twinning verlockend, weil sie umfassend kognitiv erschließbare, steuerbare und optimierbare Systeme suggeriert: eine vollständig repräsentierte Welt, eine vollständig erfasste Person. Dieser Keynote-Vortrag lädt zu einem Perspektivwechsel ein: von der vollkommenen Ähnlichkeit hin zu Abwesenheit und Unterschiedlichkeit, vom Doppelgänger zur Persona. Dies ermöglicht eine kritische Reflexion der Konsequenzen, die das Aufkommen ‚falscher‘ Zwillinge mit sich bringt. Denken wir an nicht einvernehmlich erstellte Deepfakes, die oft mit einem Vermerk wie „Not Taylor Swift“ versehen sind. Diese synthetischen Inhalte inszenieren Personae, die gerade so ungenau gestaltet werden, dass sie sich in rechtlichen und ethischen Grauzonen bewegen. In solchen Fällen wird der Zwilling zum Alibi – ähnlich genug, um zu wirken, und doch verschieden genug, um sich der Rechenschaft zu entziehen. Anhand von Beispielen digitaler Zwillinge aus verschiedenen Bereichen zeigt Randi Heinrichs in diesem Keynote-Vortrag, dass Twinning nicht bloße Repräsentation ist. Vielmehr handelt es sich um eine Logik, die mit Erkennung und Verkennung spielt, mit Genauigkeit und Ausschluss, mit Realität und Synthetik. Digitale Zwillinge gestalten aktiv Welten, Objekte und Subjekte: Sie klassifizieren, extrahieren, approximieren und regenerieren. Wie Heinrichs veranschaulicht, spiegeln solche Entitäten die von ihnen erfassten Realitäten nicht bloß wider. Stattdessen performen, intervenieren und gestalten sie sie neu – mit tiefgreifenden politischen und ethischen Konsequenzen.