Die Stadt ist voller Symbole – Gebäude und Denkmäler, die uns daran erinnern, wer wir sind, welche Geschichte wir haben und wen wir ehren sollten. Doch sind diese Objekte weit weniger beständig, als es scheint. In diesem geführten Rundgang betrachtet der Künstler Esper Postma Berlins Wahrzeichen als gespaltene Wesen, von denen jedes von einem zweiten Ich überschattet wird. Seinen Anfang nimmt der Spaziervortrag am Haus der Kulturen der Welt und führt weiter durch Berlins politisches Zentrum. Dabei dient das Motiv des Doppelgängers als Grundlage einer möglichen Lesart von Architektur. Der Doppelgänger hat seinen Ursprung in der romantischen Literatur und beschreibt die komplexe Psychologie des Menschen. Meist dient er als Manifestation eines verdrängten Teils der Psyche, wie etwa eines Kindheitstraumas oder eines geheimen Drangs zur Gewalt. Diese verdrängte Eigenschaft verkörpert sich in Form eines menschlichen oder gespenstischen Doppelgängers, der typischerweise wie der Protagonist aussieht. Der Doppelgänger ist im Grunde ein unkontrollierbares Alter Ego. Es sucht das „Original“ heim und bringt sein tägliches Leben aus dem Gleichgewicht. 

Postma wiederum nutzt diesen Begriff als Interpretationswerkzeug für eine Lesart der Stadt. Lange vor dem digitalen Zwilling existierten Gebäude und Denkmäler bereits in doppelter Form: als materielle Struktur und als projizierte Identitäten. Jeder Ort birgt Spannungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Funktion und Symbol, offizieller Erzählung und verdrängten Geschichten. Der Reichstag hat bereits mehrere Leben hinter sich gebracht, das Brandenburger Tor wird ständig neu ausgerichtet und die Wilhelmstraße ist ein Gebilde aus scheinbar unvereinbaren Teilen. Ausgehend von der romantischen und der Gothic-Literatur von E. T. A. Hoffmann bis Mary Shelley, behandelt der Rundgang Architektur nicht als leblose Materie sondern vielmehr als Ort der Verdrängung, Projektion und Wiederkehr. Die Stadt erscheint als ein Feld von Doppelgängern, in dem sich Gebäude spalten, mutieren und sich gegen ihre eigene Geschichte wenden. Dadurch öffnen sie sich den polysemischen Realitäten, die ihre scheinbar starren Infrastrukturen aus sichtbaren und unsichtbaren Daten ins Wanken bringen. Wie viel wird in Berlins digitalem Doppelgänger lesbar – und sollten wir überhaupt den Versuch einer Interpretation unternehmen?