In ihrer ersten gemeinsamen Arbeit präsentieren die japanischen Künstler*innen Yuko Kaseki, Mieko Suzuki und Bidou Yamaguchi NO-MEN 能面. Die audiovisuelle Performance hinterfragt die Spiegelwelt digitaler KI-Doppelgänger anhand der jahrhundertealten Tradition des Nō-Theaters.

Das Nō-Theater hat eine lange Tradition. Die Darsteller*innen verkörpern verschiedene emotionale und spirituelle Zustände, die durch subtile Gesten sowie durch Masken vermittelt werden, deren Ausdruck sich je nach Beleuchtung und Blickwinkel verändert. In der Shintō-Tradition glaubt man, dass Nō-Masken wie alle anderen Gegenstände auch eine Seele in sich tragen. Um diese Seele zu empfangen, ist ein komplexes Ritual erforderlich, das eine Konfrontation mit – und eine Entleerung des – Selbst in einem Spiegelraum beinhaltet. Indem sie sich mit dem digitalen Double als Spiegel auseinandersetzen, der das Selbst nicht durchlässig macht und stattdessen einschließt, wenden sich die Künstler*innen dem Nō als konzeptuellem Werkzeug zu. Sie fragen: Kann etwas in das eindringen, das kein Inneres hat? Diese Frage nach der Innerlichkeit zielt darauf ab, ob die Seele sowohl den Körper als auch die Maschine bewohnt. Im Nō ist der Körper ein Gefäß, dessen bewusste Entleerung eine spirituelle Technik darstellt. Der digitale KI-Doppelgänger hat nach einer völlig anderen Logik kein Inneres: Der Zwilling wird nicht entleert, sondern überhaupt nie gefüllt. Wie konnte etwas so Hohles  zu einem so wichtigen emotionalen Ratgeber werden?  

Sowohl Nō als auch KI werden als Schnittstellen herangezogen, dienen der Beschwörung von etwas, das nicht vollständig anwesend ist. In diesem Rahmen beharrt die Tänzerin und Choreografin Yuko Kaseki auf die Präsenz des Körpers, während sie dessen Ego hinterfragt und anerkennt, dass er unter diesem spirituellen Gewicht erbeben und zusammenbrechen kann. Unterdessen macht die Maschine unermüdlich weiter, als Geschichte ohne Erinnerung, als Antworten ohne Sehnsucht. Chatbots mögen von Trauer sprechen, ohne von ihr geprägt zu sein. Nō-Masken hingegen sind so geschnitzt, dass sie die geistige und emotionale Welt ihrer Schöpfer*innen und ihrer Gemeinschaft verkörpern. Stellt die Entwicklung hin zu Chatbots und Avataren – hin zu einer begehrenlosen Beharrlichkeit – eine Befreiung oder eine Verarmung dar? 

NO-MEN 能面 ist eine Gemeinschaftsarbeit der Tänzerin und Choreografin Yuko Kaseki und des Nō-Maskenbildners Bidou Yamaguchi. Begleitet wird sie von einer Live-Komposition der Klangkünstlerin und DJ Mieko Suzuki. 

Choreografie/Performance: Yuko Kaseki 
Nō-Masken: Bidou Yamaguchi 
Live-Musik/Komposition/Sounddesign: Mieko Suzuki
Räumliche Klangwiedergabe: Vagelis Tsatsis

In Auftrag gegeben vom Haus der Kulturen der Welt (HKW).