2016: Denkraum HKW

Umbau des Auditoriums | © Jens Liebchen, 2016

Umbau des Auditoriums | © Jens Liebchen, 2016

Dieses Jahr hat im Haus nur sieben Monate, fühlt sich jedoch an wie eins mit 13. Aber der Reihe nach: Im HKW beginnen schon Mitte des Jahres erneut Umbauarbeiten. Auditorium, oberes Foyer und einiges mehr werden in Veranstaltungsräume auf dem letzten Stand der Technik verwandelt. Die Reformen müssen so tief greifen – entspricht einiges doch noch dem Geist der Kongresse der 1950er Jahre – dass ab August keine Veranstaltungen mehr hier stattfinden. Anderswo schon, aber dazu später.

Blickt man jedoch auf die Veranstaltungskalender 2016 des Hauses, assoziiert man nicht nur wegen der schieren Vielzahl von Terminen: „dichtes Programm“. Denn über die reine Quantität hinaus ist hier ein dichtes Gewebe von einander ergänzenden, aufeinander verweisenden, ineinander verzahnten Fragestellungen entstanden. Ein Programm gibt das andere, Probleme werden in Kontinuität bearbeitet. Das macht, mal nebenbei gesagt, das Schreiben einer Jahr-für-Jahr-Chronik auch nicht gerade leichter (Anmerkung des Autors). Aber: Dass eine Frage sich aus der vorhergehenden ergibt, ist ja gute Tradition einer Forschung, eben auch der künstlerischen Wissensproduktion – also begeben wir uns rein in dieses Netz. Und holen dazu etwas weiter aus.

2010 bis 2012 beschäftigte sich das HKW in Über Lebenskunst, seinem ersten Langzeitprojekt, mit Möglichkeiten eines „guten Lebens“ in der ökologischen Krise. Ein Ergebnis unter vielen war da die Feststellung, dass das Umdenken weitaus tiefer gehen muss als gemeinhin angenommen, einfach „nachhaltiges Leben“ fordern ist nicht zielführend. 2013 bis 2014 folgerichtig dann die Auseinandersetzung mit dem Anthropozän und der neuartigen Beziehung Mensch/Natur. Und nun treten mit dem für das Projekt 100 Jahre Gegenwart und seine beabsichtigten Zeitdiagnosen zentralen Programm Technosphere Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Technologien hinzu. Wie hier eins das andere gibt, zeigt sich auch daran, dass die Idee zu diesem Programm von den Teilnehmer*innen des Anthropozän-Campus entwickelt wurde, der 2016 erneut stattfindet, nun genau unter diesem Technospären-Titel.

Technosphäre: Wenn es richtig ist, dass analog zur Biosphäre ein von Technologie geprägter Raum die Menschen umgibt, zwar von ihnen geschaffen, aber eben immer da, wie steht es dann mit einem selbstbestimmten und sozial verantwortlichen Handeln? Eine eher pessimistische Antwort gab beim Programmauftakt im letzten Jahr der Geowissenschaftler Peter K. Haff, der Promotor dieses Begriffs. Er verglich das Verhältnis Mensch und Technosphäre mit dem zwischen Molekülen und Welle: Sie haben sie erzeugt, können sie aber nur an manchen Stellen beeinflussen.

Von allen Seiten nähern sich die Veranstaltungen im HKW nun dieser Frage.

Von der musikalischen Seite gleich mehrere Programme: Technosphärenklänge mit ihrer Auseinandersetzung mit der Rolle von Algorithmen sowieso, aber auch Pop 16, wo es um die Interferenzen aus den technologischen Neuerungen und den Musikstilen des beginnenden 20. Jahrhunderts ging. Und die Konzertreihe Krieg Singen setzte an den Technologien des heutigen Musikwesens an, die allesamt im „militärisch-industriellen Komplex“ entwickelt wurden.

Haffs Diagnose wurde durch Ausstellung und Diskussionen unter dem Titel Nervöse Systeme zu Fragen der digitalen Selbstbestimmung bestätigt. Jedenfalls partiell, zeigten sie doch, wie schwer Big Brother aka NSA & Co und Big Mama mit ihrem Säuseln à la „Gib mir deine Daten und ich sorge bestens für dich“, zu entkommen ist. Aber die Workshops, die an der Minimierung der Datenschatten arbeiteten, waren übervoll.

Schließlich die Gespräche um das Technosphärenwissen: Wie hat sich durch computergenerierte Szenarien, neue Wissenstechniken und Lehrpläne, die den komplexen Mensch-Technik-Umwelt-Beziehungen entwachsen, die Wissensproduktion verändert. Oder positiv gefragt: Kann sie alternativ verändert werden und wie?

Auf die Metaebene klettert das Wörterbuch der Gegenwart, das fortlaufend die Begriffe thematisiert, die die Transformationen des letzten Jahrhunderts fassen können. Die Notwendigkeit dieses Vorhabens war 2015 formuliert worden, als es um das Verstehen des Anthropozäns in allen seinen ökologischen wie sozialen, kulturellen, politischen Dimensionen ging. Sybil Seitzinger, die Direktorin des Internationalen Geosphären-Biosphären-Programms, damals: „Für dieses titanische Unternehmen brauchen wir so etwas wie ein neues Vokabular“.

Und während das eine Veranstaltungspanorama noch bis 2018 andauert, begann bereits das nächste Marathonprojekt: Kanon-Fragen, auf fünf Jahre angelegt sogar, begegnet dem Wörterbuch-der-Gegenwart-Unterfangen auf ähnlicher Umlaufbahn. Welche Vorstellungen und Wertsetzungen bestimmen eigentlich die Kunstgeschichtsschreibung, welche Kunst „dazu gehört“ – das waren schon früh Fragen des HKW. Im Streit um westliche und andere Modernen ging es um Inklusion oder Ausgrenzung. (Lesen Sie dazu 1997: Der Kampf der Modernen). Darüber wird hier aber hinausgegangen, es geht um Alternativ-Modelle zu nationaler Kunst-Historiografie und wie eigentlich ästhetische Kriterien zustande kommen. Die Konferenz A History of Limits und die Ausstellung Zeit der Unruhe. Über die Internationale Kunstaussellung für Palästina 1978 setzen den Anfang für diesen weiteren Versuch der Klärung von grundlegenden Begriffen. Hier gilt wohl auch, was Anselm Franke, verantwortlich für den Bereich Bildende Kunst am HKW, zum 100 Jahre Gegenwart-Programm erklärte: „Ich behaupte nicht, dass wir das alles schon beantworten können, aber wir werden zumindest an Teilen dieser Baustelle arbeiten.“

In diesem Frage- und Diskursgewebe steht ein Festival wie Wassermusik, in diesem Jahr mit Musik einer „Anderen Karibik“, ebenso als Solitär im HKW-Raum wie der alljährliche Internationale Literaturpreis, der 2016 an die indisch-französische Autorin Shumona Sinha und ihre Übersetzerin Lena Müller für Erschlagt die Armen! ging. Da stellt sich schon die Frage nach dem Eigenwert der Kunst, der Musik, des Films, die hier im Haus doch immer vornehmlich zur Beantwortung von Fragen herangezogen, „benutzt“ werden. Denn natürlich: Kunst ist Kunst ist Kunst ist Kunst. Jedoch: Das HKW ist keine Galerie oder Museum, kein Konzerthaus, keine Kinemathek, sondern so etwas wie ein Denkraum, und es muss sich trotz durchaus erheblicher Budgetmittel fokussieren. Das ist zu verstehen, aber trotzdem: Schade ist das schon …

Dass hier nicht ein Kulturbetrieb quasi auf Traumpfaden vor sich hin denkt, zeigt neben den Besucher*innen-Statistiken die Veränderung der Resonanz in den Medien. Es erscheint nicht mehr reine „Ankündigungs-Berichterstattung“ über das Haus, also nicht nur Artikel oder Beiträge, die eine Vorschau liefern mit leeren Attributen wie „großangelegt“ oder „weitgespannt“, und danach Sendepause. Sondern die Programme werden wirklich besprochen, Auseinandersetzung findet statt, mit manchmal scharfen Worten. Doch beurteilen die Zeitungen und Sender, die bis zum Aufkommen von Facebook unbestritten als die Leitmedien galten, das HKW positiv bis euphorisch. So müssen seine Mitarbeiter*innen nach einem großen Artikel in der SZ vom März ein paar Tage wie ayurvedische Flieger geschwebt sein. „Labor für globale Ideen“, „auf höchstem akademischen Niveau, ohne den akademischen Konventionen verpflichtet zu sein“, „Thinktank der Zeitgenossenschaft“ wird das HKW darin umrissen. Demgegenüber würden die meisten Kulturinstitutionen nur von Projekt zu Projekt hecheln.

Dass das am HKW anders ist, dafür sorgen nicht nur Ideen – die vor allem – aber wie so oft eben auch das Geld. 15 Millionen Euro hat der Bundestag für 100 Jahre Gegenwart gegeben: Bei der Größe der Summe und dann auch noch für eine Kulturinstitution denkt man ja erst einmal an einen Hör- oder Schreibfehler. Aber es ist wahr, und wird auch noch begründet, die Summe wäre nicht zu groß angesichts der Notwendigkeit, das kontinuierliche Denken zu fördern.

Auch 2017 wird das HKW weiter an seinem Intensiv-Programm weben. Wenn das im Haus nicht geht, dann eben außerhalb: Von September an ist das HKW Out and About bis zur Wiedereröffnung im Januar 2017. Im Oktober mit 50 Jahre Beat und Prosa im Berliner ACUD und im Hamburger Golem, eine erste dem Schriftsteller und Ethnologen Hubert Fichte gewidmete Veranstaltung weiter, Das Wörterbuch der Gegenwart wird im November weiter geschrieben, im Dezember geht in München die Rimini-Protokoll-Reihe Staat 1-4 los, Tonspuren spürt Problemstellungen künstlerischer Arbeit im Kontext von Flucht und Migration nach.

Der Denkraum on tour.

Axel Besteher-Hegenbart