Neolithische Kindheit. Kunst in einer falschen Gegenwart, ca. 1930


Fr, 13. April 2018 — Mo, 09. Juli 2018

Ausgehend von den Schriften des antiakademischen Kunsthistorikers Carl Einstein (1885–1940) widmet sich die Ausstellung der Verzweiflung an der Gegenwart und dem drängenden Interesse an einem „Abänderung“ des Humanen, wie sie sich von den 1920er bis in die 1940er Jahre in den künstlerischen Avantgarden und den Wissenschaften vom Menschen manifestierten. Neben Kunstwerken werden Publikationen und Archivalien präsentiert, mit denen das intensive Zusammenwirken von bildender Kunst, Politik, Philosophie, Ethnologie, Psychologie und Naturwissenschaften in dieser Epoche historischer Umbrüche und totalitaristischer Projekte anschaulich wird.

Neolithische Kindheit untersucht, wie die künstlerischen Avantgarden auf die multiplen Krisen der europäischen Moderne um 1930 reagiert haben – die „Krise des Bewusstseins“, die Revisionen der Früh- und Vorgeschichtsschreibung, das imperialistische Kräftemessen, die Barbarei des technologischen Massenkriegs, den Schock der kapitalistischen Industrialisierung, das Scheitern der Zweiten (Sozialistischen) Internationale, das Endspiel des bürgerlichen Humanismus und die Heucheleien des Kolonialdiskurses. Der Titel des Projekts, Neolithische Kindheit, geht auf einen Essay von Carl Einstein aus dem Jahr 1930 zurück, in dem dieser die Bildzeichen in der Kunst von Jean Arp als Wiederholung des rituellen, „prähistorischen“ Spiels von Kindern interpretiert. Die empfundene Notwendigkeit, die europäische Zivilisation nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs neu zu begründen, führte zu einer unablässigen Konstruktion solcher Ursprünge und Anfänge – der „Nullpunkt“ wird zur Grenzfunktion der Moderne.

Die Ausstellung zeigt Kunst von Jean Arp, Willi Baumeister, Georges Braque, Claude Cahun, Lux T. Feininger, Max Ernst, Barbara Hepworth, Hannah Höch, Heinrich Hoerle, Valentine Hugo, Paul Klee, Germaine Krull, André Masson, Alexandra Povòrina, Anita Rée, Gaston-Louis Roux, Kurt Seligmann, Kalifala Sidibé, Jindřich Štyrský, Toyen, Frits van den Berghe, Paule Vézelay, Catherine Yarrow und anderen.

Gleichrangig mit den Kunstwerken werden Druckerzeugnisse und Archivalien ausgestellt, darunter Handschriften und Typoskripte aus dem Carl-Einstein-Archiv der Akademie der Künste in Berlin. Sie gehören zu den vielfältigen materiellen Belegen für die vielfältige und aktive Rolle, die Kunst und Kunsttheorie für die Wahrnehmung und Radikalisierung der Umbrüche um 1930 spielten.

Eine umfangreiche, reich illustrierte Publikation katalogisiert und kontextualisiert die Ausstellung. Zu den Autor*innen gehören u. a. Irene Albers, Joyce Cheng, Anselm Franke, Charles W. Haxthausen, Tom Holert, Susanne Leeb, Jenny Nachtigall, Kerstin Stakemeier, Maria Stavrinaki, Zairong Xiang, Sebastian Zeidler.

Kuratiert von Anselm Franke und Tom Holert; mit wissenschaftlicher Beratung durch Irene Albers, Susanne Leeb, Jenny Nachtigall, Kerstin Stakemeier.

Im Rahmen von Kanon-Fragen

Ausstellung und Konferenz

Ausstellung: 13.04.–09.07.
Eröffnung: 12.04.
Konferenz: 25.–27.05.