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Internationaler Literaturpreis Die Shortlist 2026

20.5.2026

Die Shortlist des Internationalen Literaturpreises – Preis für übersetzte Gegenwartsliteraturen 2026 steht fest. Das Haus der Kulturen der Welt freut sich, die Titel, Autor*innen und Übersetzer*innen bekannt zu geben.

Shortlist 2026

Blutkreislauf
Julia Cimafiejeva | aus dem Belarusischen von Tina Wünschmann
edition.fotoTAPETA, 2025

Oroppa
Safae el Khannoussi | aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
Carl Hanser Verlag, 2026

Eddos goldenes Lächeln
Stella Gaitano | aus dem Arabischen von Larissa Bender
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2026

Der brennende Garten
V. V. Ganeshananthan | aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Tropen Verlag, 2025

Das Gewicht der anderen
Bahram Moradi | aus dem Farsi von Sarah Rauchfuß
Wallstein Verlag, 2025

Die Aussiedlung
András Visky | aus dem Ungarischen von Timea Tankó
Suhrkamp Verlag, 2025

Mehr Informationen: hkw.de/literaturpreis
Pressefotos: hkw.de/pressefotos

Jurystatements

Der Ausnahmezustand ist kein vorübergehendes Ereignis. Er ist die Regel menschlicher Existenz. Die sechs Titel der diesjährigen Shortlist erzählen sechs Mal von seinem Andauern: davon, wie Menschen aus unserer Gattung herausfallen, weil das Herausfallen aus unserer Gattung die Geschichte unserer Gattung ist. (…) Diese Bücher werden im Folgenden vorgestellt. Durch ihre Übertragung ins Deutsche werden wir wieder daran erinnert, dass das Herausfallen aus unserer Gattung identisch mit dem Sturz in unsere Gattung ist. Und dass die prekäre Idee der Freiheit nur in der Abwesenheit von Freiheit ihre Würde und Bedeutung erhält. 
– Senthuran Varatharajah

Blutkreislauf
Julia Cimafiejeva | aus dem Belarusischen von Tina Wünschmann
edition.fotoTAPETA, 2025

„ich flechte meine geschichte aus lumpen, / aus lappen, aus fetzen, aus schiefen erinnerungsflicken“ – Julia Cimafiejevas im Exil entstandener Gedichtzyklus ist ein formal offenes Erinnerungsprojekt, das ihre belarusische Familiengeschichte nachzeichnet, die sich von Belarus bis nach Westeuropa und Kanada und über ein ganzes Jahrhundert hinweg erstreckt. Cimafiejeva bedient sich verschiedener Genres wie Briefe, Fotografien, Fragebögen und prosalyrischer Fragmente, um Erfahrungen von Zwangsarbeit, Vertreibung, der Tschernobyl-Katastrophe sowie ihrer eigenen Exilstationen und sprachlichen Entwurzelung zu verhandeln. Die Risse der Geschichte stopft sie mit „der Nadel des Gedichts“, fädelt die Wege immer wieder neu ein und verwebt Orte und Zeiten miteinander. Mag das Gedächtnis noch so „abgetragen, zerfetzt und verblichen“ sein – mit Blutkreislauf hinterfragt die belarusische Lyrikerin individuelle und kollektive Erinnerung des 20. Jahrhunderts und setzt ein vielstimmiges Zeichen gegen das Vergessen, feinsinnig und präzise übersetzt von Tina Wünschmann. 
– Cia Rinne

Oroppa
Safae el Khannoussi | aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
Carl Hanser Verlag, 2026

„Nirgends in den geordneten, staubfreien Archiven der europäischen Erinnerung fand man einen Verweis auf diesen wundersamen Ort, der seit Jahren Gegenstand ominöser Anspielungen und nervenzerfetzender Anekdoten war“, heißt es in Safae el Khannoussis Oroppa. Der Roman spinnt ein Geflecht aus Figuren und Schauplätzen, in dem sich die Wege von Tätern und Opfern kreuzen. Von Amsterdam über Paris bis nach Tunis und Casablanca reichen diese Wege bis in die postkoloniale Ära der „bleiernen Jahre“ Marokkos zurück. Die Übersetzung von Stefanie Ochel bringt diese Erzählräume mühelos zum Klingen. Oroppa entzieht sich dabei der Logik des klassischen Erzählens – und bezieht genau daraus seine Wirkung. „Es wäre schade, heutzutage einen Roman zu schreiben und sich dabei der Tyrannei eines Plots zu beugen“, schreibt die Autorin in einem Brief und schafft mit ihrem Roman eine Erzählung für Entrechtete, an die sonst auf beiden Seiten des Mittelmeers nicht erinnert werden würde. 
– Maha El Hissy

Eddos goldenes Lächeln
Stella Gaitano | aus dem Arabischen von Larissa Bender
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2026

Eddos goldenes Lächeln ist ein vielschichtiges, feministisches Porträt von (Über)Leben und Tod in komplexen Familienkonstellationen. Pointiert skizziert der Generationenroman die Verflechtungen von Bürgerkrieg, Flucht, Militärdiktatur und Kolonialismus – durch europäische Christen ebenso wie durch nordsudanesische arabische Muslime – und legt deren Folgen insbesondere für südsudanesische Frauen offen. Gaitano entwirft eine prägnante Auseinandersetzung mit Mutterschaft zwischen Fürsorge, Verlust und Unruhe; durch ihre Figuren befragt sie dabei auch kritisch patriarchale Vorstellungen davon. So erscheint weibliche Lust als eigenständig, gelöst von ihrer Bindung an Reproduktion. Der Fokus auf Gerüche verleiht dem Text eine eindringliche poetische Sprache, in der sich eine sinnliche Wahrnehmung ausbildet. Geprägt von südsudanesischen mündlichen Erzähltraditionen verbindet Gaitano auf virtuose Weise Realismus und Mythos. Die deutsche Übersetzung setzt diese Erzählweise überzeugend um und bringt insbesondere ihren Rhythmus und Klang zur Geltung. Der Roman entfaltet so eine eindrucksvolle Polyphonie unterschiedlicher nord- und südsudanesischer Erzähl- und Schreibweisen, die auch eindrücklich zeigt, wie Flucht- und Gewalterfahrungen Sprache verändern. 
– Melody Makeda Ledwon

Der brennende Garten
V. V. Ganeshananthan | aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Tropen Verlag, 2025

Der brennende Garten erzählt vom Bürgerkrieg in Sri Lanka in den 1980er Jahren und spannt einen Bogen bis zu seinem Ende im Jahr 2009. Die junge Tamilin Sashi wird Ärztin, während zwei ihrer Brüder und ihr Freund K in den militanten Widerstand gehen und sich den Tamil Tigers anschließen. Der Roman begleitet Sashi, ihre Familie und Freund*innen über mehrere Jahre, die von politischer Zerrüttung und Gewalt geprägt sind. Dabei entsteht eine einnehmende Prosa, die nah an den Figuren erzählt und in den Blick nimmt, welche Handlungsspielräume es in ideologischen Zeiten des Krieges geben kann. Achtzehn Jahre hat V. V. Ganeshananthan daran geschrieben. Am Ende dieses langen Wegs steht ein Roman, dem es gelingt, der historischen Komplexität gerecht zu werden und zugleich mitreißend und bewegend zu sein. Sophie Zeitz’ Übertragung aus dem Englischen ist dabei so leichtfüßig, dass man beim Lesen ganz vergisst, dass es sich um eine Übersetzung handelt. 
– Paula Fürstenberg

Das Gewicht der anderen
Bahram Moradi | aus dem Farsi von Sarah Rauchfuß
Wallstein Verlag, 2025

Das Gewicht der anderen entfaltet seine Kraft nicht leise. Der Text setzt an, wiederholt, verdichtet, bis jede Szene unter Spannung steht. Peyman, dreizehn Jahre alt, wird zwei Jahre nach der Iranischen Revolution zu Unrecht inhaftiert. Das Gefängnis ist hier Teil einer Ordnung, die sich gerade erst formiert – und mit Peyman gerät die Wahrnehmung selbst in Haft. Geräusche werden bedrohlich, Licht wird Zwang, Zeit verliert ihre Richtung. Moradis Sprache arbeitet dabei körperlich, sie stockt, drängt, als folge sie dem Geschehen im gleichen Atemzug. Peymans Erfahrung endet nicht mit der Entlassung, vielmehr setzt sie sich fort, verschiebt sich in Erinnerung, in Körper, in ein Leben, das nie wieder unbelastet wird. Das Gewicht bleibt als etwas, das sich einschreibt und nicht ablegen lässt. Die Übersetzung von Sarah Rauchfuß hält diese Spannung, den Rhythmus und die Verdichtung des Originals, ohne sie zu glätten. Einzelne Passagen können irritieren, besonders dort, wo Figuren rassistisch sprechen. Doch diese Reibungen mindern nichts. Die Wucht des Textes entsteht gerade aus seiner Unnachgiebigkeit. 
– Joy Denalane

Die Aussiedlung
András Visky | aus dem Ungarischen von Timea Tankó
Suhrkamp Verlag, 2025

Nur selten begegnet man Büchern, in denen Erzählung und Sprache so sehr in einer höheren Einheit aufgehen wie in András Viskys Roman Die Aussiedlung. Für das Schicksal seiner Familie im Rumänien der 1950er Jahre (der Vater, ein widerständiger Pastor, in langer Haft, die Mutter mit sieben Kindern in die Bărăgan-Steppe zwangsdeportiert) fand der Autor nach Jahrzehnten der Suche die vollkommene Form: das Fragment. In 822 Sätzen ohne Punkt verwandelt Visky Jahre des Zwangs und der Entbehrung „im Lagernichts“ in ein Hohelied der Liebe und Freiheit. Immer im Zentrum dabei die Bibel („unser einziges Zuhause“), aus der die Mutter täglich vorliest und deren vierfachen Schriftsinn die kindliche Fantasie um einen fünften erweitert. „Mit der Stimme der Stille steht oder fällt alles“, heißt es im 658. punktlosen Satz. In Timea Tankós pfingstwunderbar flüssiger, souverän stimmlagensicherer Übersetzung steht und schwingt Die Aussiedlung von der „knatternden Behördensprache“ bis ins „Schweigen zwischen den Herztönen“. 
– Hannes Langendörfer

Reader zur Shortlist

Ein Reader zur Shortlist ist ab sofort in vielen Buchhandlungen im deutschsprachigen Raum sowie im HKW kostenlos erhältlich und liegt der Wochenzeitung Der Tagesspiegel bei. Er ist außerdem als Digitalausgabe zu finden unter hkw.de/literaturpreis.

Fest der Shortlist und Preisverleihung

Das Fest der Shortlist und die Preisverleihung finden am Freitag, den 3. Juli 2026 im HKW statt. In Lesungen und Gesprächen stellen die Autor*innen, Übersetzer*innen und Jurymitglieder die nominierten Titel vor. Im Anschluss wird das Gewinner*innen-Duo in einer feierlichen Preisverleihung ausgezeichnet.

Fr., 3.7.
18:00–23:00
Fest der Shortlist und Preisverleihung
Eintritt frei

Der Internationale Literaturpreis

Der Internationale Literaturpreis – Preis für übersetzte Gegenwartsliteraturen (ILP) wird in diesem Jahr zum achtzehnten Mal verliehen. Er zeichnet ein herausragendes Werk der internationalen Gegenwartsliteraturen und seine Erstübersetzung ins Deutsche aus. Dieser doppelte Fokus macht ihn in der deutschen Preislandschaft einzigartig.

Der Internationale Literaturpreis konzentriert sich auf heterogene Formen zeitgenössischen Erzählens und nimmt die Beziehungen von Texten und Wirklichkeiten sowie den Dialog zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen in den Blick. Mit dem Fokus auf Übersetzungen verfolgt er das Ziel, nationale Kanonisierungen und begrenzte Verständnisse des Literarischen zu überwinden und damit den aktuellen Bedingungen des literarischen Schaffens in einer von vielfältigen kulturellen Verflechtungen geprägten Welt Rechnung zu tragen.

Die Liste der bisherigen Preisträger*innen ist ein Zeugnis für den Reichtum zeitgenössischer Literatur weltweit und für die Produktivität des literarischen Übersetzens im deutschsprachigen Raum.

Seit 2023 können auch deutsche Erstübersetzungen internationaler Lyrik eingereicht werden. Dotiert ist der Internationale Literaturpreis mit 35.000 Euro (20.000 Euro für Autor*in, 15.000 Euro für Übersetzer*in).

Aus den 130 Einreichungen hat die Jury sechs Bücher für die diesjährige Shortlist ausgewählt.

Die Jury

Der diesjährigen Jury gehören Cia Rinne, Hannes Langendörfer, Joy Denalane, Maha El Hissy, Melody Makeda Ledwon, Paula Fürstenberg und Senthuran Varatharajah an. 

Partner

Der Internationale Literaturpreis wird vom Haus der Kulturen der Welt (HKW) und der Stiftung Elementarteilchen (Hamburg) verliehen.

Informationen zum Besuch

Öffnungszeiten
Mi.–Mo. 12:00–19:00

Montags und an ausgewählten Sonntagen freier Eintritt. 
Längere Öffnungszeiten an Veranstaltungstagen.
Aktuelle Informationen zu Besuch und Zugänglichkeit. ­

Kinderbetreuung
Das HKW bietet zu vielen Events kostenlose Kinderbetreuungsprogramme an. Weitere Informationen auf hkw.de.

Webshop
Im HKW-Webshop gibt es Veranstaltungstickets, Geschenk-Gutscheine, Publikationen, Merchandise und weitere Produkte.

Restaurant
Das Restaurant Weltwirtschaft ist täglich ab 12:00 geöffnet.

Kontakt

Maxie Fischer
Leitung Presse und Kommunikation
Haus der Kulturen der Welt (HKW)
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin
­T: + 49 (0) 30 397 87 413
presse@hkw.de